Ohrhörer

Im Zug zur Arbeit. Ich höre das Gezischel aus einem Kopfhörer. Über den Gang sitzt der Typ, vielleicht 2,50m entfernt. Ich kann den Musikstil identifizieren, und wenn mir die Band bekannt wäre, würde ich die auch erkennen. Das Gezischel nervt. Dabei ist es heute noch harmlos, manchmal sind mehrere gleichzeitig zu hören.

Ich frage mich, wie laut der seinen Apparat gedreht hat, damit das bei mir noch so laut ankommt. Ich mache also meinen MP3-Player an und drehe die Lautstärke spaßeshalber so hoch, dass ich das Gezischel genauso laut höre wie das von dem Typ gegenüber. Die Ohrknöpfe liegen dabei offen ca. 50 cm von meinen Ohren entfernt. Normalerweise höre ich mit Lautstärke 15 von möglichen 25, jetzt ist das Ding auf 19. Das ist die Obergrenze dessen, was ich mir bei entsprechender Stimmung überhaupt mal zumute. Meistens nicht lange – in der Regel wird es mir schnell zu laut. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie laut ich das Gerät schalten müsste, damit es in 2,50m Entfernung noch so laut ist, zumal wenn die Ohrknöpfe nicht offen rumliegen sondern in den Ohren stecken. 26? 29? So laut müsste der seine Ohrhörer jetzt haben. Aber warum tut er das? So gut können Kopfhörer doch nicht sein, dass sich das noch gut anhört. Da müssen doch die Ohren übersteuern. Und das Vibrieren im Unterleib, für das man in Diskos oder Konzerte geht, kriegt man über die Ohrhörer auch nicht hin. Wozu sich also die Ohren zerschießen?

Nun sind mir die Ohren von dem Typen ziemlich egal. Aber es nervt, wenn ich auf diese Art zwangsbeschallt werde. Sogar, wenn er genau meine Musik hören würde, wäre sie in Form von Ohrhörergezischel nervtötend. Dem kann ich immerhin dadurch ausweichen, dass ich mir selbst Ohrstöpsel reinstecke und meine eigene Musik höre. Aber ich mag nicht ständig Musik hören, bloß um der akustischen Umweltverschmutzung im Zug zu entgehen. Ziemlich oft ist mir eben nicht nach Musikhören. Ich wünschte mir, die Leute würden ein paar Euro mehr investieren und gescheite geschlossene Ohrhörer kaufen. Dann könnten sie sich nach Herzenslust den Hörnerv grillen, ohne mich dabei zu belästigen.

P.S.: Die Zeit bietet diese Woche unter dem Titel Maßanzug für die Ohren einen sehr schönen Werbetext für den Hörgeräteakustiker, der für beyerdynamic maßgeschneiderte Ohrstöpsel fertigt. Der Autor schafft es, die Firma in dem 1000 Wörter langen Artikel immerhin sechsmal zu erwähnen.


5 Kommentare on “Ohrhörer”

  1. […] Meute Fußballfans unterwegs oder eine Handvoll Leute in Hörweite, die ihre Ohrhörer zur Beschallung der Allgemeinheit missbrauchen. Share this:TwitterFacebookGefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post gefällt. […]

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  2. […] höre. Natürlich muss man schon was hören, gelegentlich auch etwas lauter, andererseits bin ich kein Freund der dauernden Gehörgangsreinigung per Schalldruck. Einfach mit der jetzt eingestellten Lautstärke […]

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  3. […] Karma, ähnlich wie die akustische Umweltverschmutzung durch zu laute Musik auf schlechten Ohrhörern oder Leute, die einen in der Fußgängerzone um Unterschriften angehen oder zur Teilnahme an […]

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  4. Yadgar sagt:

    Na ja, die richtig fetten Kopfhörer kamen ja dann zwei, drei Jahre später in Mode – die passen auch irgendwie besser zu den gleichzeitig aufgekommenen Hipster-Vollbärten! Was allerdings (siehe Homepage-Link) nicht bedeutet, dass ich Hipster wäre oder mich außerhalb meines Wohnklos mit Musik volldröhnen würde – das fand ich schon zu Walkman-Zeiten ziemlich absurd… (nee, wenn schon draußen Musik hören, dann so, dass das übrige Publikum auch was davon hat, also: fetten Frühachtziger-Ghettoblaster mit ordentlich Bums auf den Speakern auf der Schulter und dann „White Lines“ von Grandmaster Flash & The Furious Five, dass in 50 Metern Umkreis die Fassaden erzittern…)

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  5. gnaddrig sagt:

    Hm, Ghettoblaster ist wenigstens ehrlich. Und man hat die Chance auf ein Minimum an Klangqualität anstelle dieses unsäglichen Ohrhörergezischels. Allerdings wäre bei mir eher Highway To Hell drin oder sowas in der Art. Aber das ist wieder Geschmackssache.

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In den Wald hineinrufen

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