Grenzen der Technik (2)

Neulich hatte ich hier die Idee ausgebreitet, das Kleiderchaos meiner Tochter durch Einsatz von RFIDs einzudämmen. Das war natürlich nicht ganz ernstgemeint, aber doch irgendwie faszinierend. Es wäre schon praktisch, jedes Kleidungsstück in der Wohnung sofort orten zu können („Die andere Socke? Liegt unter dem Sofa…“).

Außerdem – und hier fängt es an unheimlich zu werden – wäre es möglich, bestimmte Kleidungsstücke zu sperren. Alles, was nach dem morgendlichen Anziehen noch im Kleiderschrank ist, darf diesen nicht verlassen. Sobald ein Kleidungsstück aus dem Schrank genommen wird, gibt es einen Alarm. Wenn wegen eines Unglücks neue Kleidung benötigt wird, kann man die ja freischalten. Man könnte natürlich auch einfach den Kleiderschrank abschließen, aber das wäre so archaisch, so brachial, so gar nicht auf der Höhe der Zeit. Und wenn man das schöne RFID-System schonmal hat, wäre man ja blöd, es nicht zu nutzen.

Und wo man das schöne System schonmal am Benutzen ist, könnte man auch gleich bestimmte Orte der Wohnung sperren. Es wäre sicher nicht schwer, das System über typische Bewegungsmuster automatisch erkennen zu lassen, welche Kleidungsstücke die Kinder gerade tragen. Damit wüsste das System jederzeit, wo die Kinder sich gerade aufhalten. Keksdosen, Kühltruhen, Balkontüren, die Wohnungstür, den Computer, den Putzschrank, all das könnte man für die Kinder sperren. Wenn sie dem zu nahe kommen, gibt es wieder Alarm.

Und irgendwann käme jemand auf die Idee, das auch außerhalb der Wohnung zu machen. Die Kinder werden ja älter, werden irgendwann auch allein aus dem Haus gehen. Handys zu überwachen geht ja schon, und die RFIDs in den Kleidern wären ein zusätzlicher Kanal, falls das Handy mal verlorengeht.

Die Versuchung ist sicher da. Es könnte sehr beruhigend sein, den Aufenthaltsort der Kinder jederzeit zu kennen oder wenigstens jederzeit herausfinden zu können (man wird ja nicht immer am Bildschirm sitzen und die Bewegungen der Kinder verfolgen). Aber will ich das? Will ich, dass meine Kinder totalüberwacht aufwachsen und keinen Schritt aus meiner Aufsicht heraus tun können? Und wie gehe ich mit dem Wissen um, wenn sie Dinge tun, die mir nicht gefallen? Wo müsste ich da Grenzen ziehen? Von Sonderfällen wie Entführungen möchte ich jetzt mal absehen, da ist es natürlich ein Segen, den Aufenthaltsort bestimmen zu können. Aber im Normalfall ist sowas nicht gut.

Wir sind als Kinder völlig unbeaufsichtigt durch den Wald gestromert, allein oder in Gruppen, haben in Sandgruben gespielt, am Kanal Steine ins Wasser geschmissen, Höhlen und Baumhäuser gebaut. Heute lassen wir unsere Kinder kaum mal aus den Augen. In der Stadt gibt es die Art Wildnis nicht, die ich als Kind hinterm Haus hatte. Und wo Kinder spielen können, ist immer jemand dabei. Das finde ich sowieso schon problematisch, da will ich das nicht unnötig verschärfen. Also schaffen wir keine RFIDs an, sondern bleiben bei den regelmäßigen Diskussionen darüber, wie oft man sich umziehen darf, ob man reguläre Kleidung aus dem Schrank auch zum Verkleiden nehmen darf, und wann man an die Keksdose darf. Und in ein paar Jahren darüber, wo man hin darf, wann man wieder zuhause sein muss und so.

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One Comment on “Grenzen der Technik (2)”

  1. […] Visionäre aller Art schwärmen gern und ausgiebig von den großartigen Möglichkeiten, die das Internet der Dinge bietet. Kühlschränke, die die Mindesthaltbarkeitsdaten der Lebensmittel verfolgen und alles, was verdorben oder aufgebraucht ist, selbsttätig (selbstverständlich wahlweise beim ökologischsten, nächsten oder billigsten Anbieter) nachbestellen. Mittels komplexer Berechtigungskonzepte und dazu passender, mit Mobilgeräten arbeitender Zugangslösungen könnte das Zeug dann direkt in meinen Kühlschrank geliefert werden, ohne dass ich als Hausherr überhaupt anwesend sein muss. Fenster, Heizungen, Lüftungen, Jalousien, die sich fernsteuern lassen oder nach ausgeklügelten Programmen selbst regeln. Kleidungsstücke, die ihren Status und derzeitigen Aufenthaltsort selbsttätig melden. […]

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