Sprachlicher Schneematsch

Es gibt Texte, die sehen auf den ersten Blick ganz gut aus, aber beim Lesen fühle ich mich unwohl. Bei genauerem Hinsehen stellen sich diese Texte dann meist als sprachlich unsauber geschrieben heraus. Auch wenn es keine Grammatikfehler im engeren Sinn gibt, stimmt vieles nicht. Da werden oft nicht die passenden Wörter benutzt, Bezüge stimmen nicht, Metaphern werden vermischt, Wörter werden verbunden, die nicht zusammengehören. Sätze sind viel zu lang, zu verschachtelt, zu unübersichtlich. Die Stilebene wird nicht durchgehalten, schwankt zwischen humorig umgangssprachlich und wissenschaftlich trocken. Solche Texte zu lesen ist ähnlich, wie durch tiefen Schneematsch oder trockenen Sand zu laufen: Es geht schon, ist aber anstrengend und frustrierend.

Ein schönes aufschlussreiches Beispiel ist der Englishkurs auf www.englisch-lehrbuch.de. Das ist laut Eigenwerbung das umfangreichste am Markt erhältliche online Material zum Erlernen der englischen Sprache. Natürlich ist es Korinthenkackerei, die korrekte Schreibung Onlinematerial anzumahnen. Aber jemand, der mir eine Sprache beibringen will, sollte selbst halbwegs richtig schreiben. Da fällt der erste Eindruck schon ungünstig aus.

Dabei macht das Lehrbuch inhaltlich einen sehr guten Eindruck. Es ist kenntnisreich und mit Blick für Zusammenhänge geschrieben, die über den Tellerrand des Englischlernens hinausgehen. Es kann als Lehrbuch und als Nachschlagewerk benutzt werden. Die Präsentation ist übersichtlich und gut navigierbar. Ein Jammer, dass das sprachliche Niveau des Textes mit der Qualität des Inhalts nicht mithalten kann. Ein halbwegs fähiger Korrektor hätte die meisten Peinlichkeiten repariert und einen wirklich gut lesbaren Text daraus gemacht. So muss man leider durch den Schneematsch patschen oder anderswo Englisch lernen.

Zur Illustration folgt hier ein kleiner Spaziergang durch die ersten Kapitel des Lehrbuchs. Um die Länge des Beitrags in erträglichem Rahmen zu halten, habe ich dabei nicht alle Dinge erwähnt, über die ich gestolpert bin. Es ist trotzdem eher lang geworden…

Also:

Kein Muttersprachler wird Ihnen den Gefallen tun, er ist hierzu auch gar nicht in der Lage, nur die Ausschnitte aus der Grammatik zu verwenden, die Sie beherrschen. (#)

Was hat er ist hierzu auch gar nicht in der Lage mitten in dem Satz zu suchen? Da werden dem Leser Erläuterungen um die Ohren gehauen, bevor er weiß, worum es überhaupt geht.

Typische Schwierigkeiten wie zum Beispiel die Pluralbildung, Konjugation, Satzstellung sind im Englischen sehr einfach, so dass auch derjenige, der sich erst seit kurzem mit Englisch beschäftigt, schon einfache Sätze bilden kann. (#

Schön gesagt: Typische Schwierigkeiten sind im Englischen sehr einfach. Können Schwierigkeiten einfach sein? Oder sind Dinge, die beim Fremdsprachenlernen typische Schwierigkeiten sind, im Englischen nicht so schwierig wie in anderen Sprachen?

So weit so gut. Fahren wir mit einem Goethe Zitat fort. (#)

Da ist wieder dieselbe Getrenntschreibung wie bei dem eingangs erwähnten online Material. Haben diese Leute einen Duden? Sie sollten ihn benutzen.

Da Englisch die Lingua Franca der Welt ist und obendrein in den verschiedensten Teilen der Welt gesprochen wird, haben wir eine enorme Bandbreite an Akzenten, auch innerhalb der Leute, deren Muttersprache Englisch ist. (#)

Es dürfte gemeint sein, dass die Leute mit Englisch als Muttersprache nicht alle denselben Akzent haben, dass es unter Leuten mit Englisch als Muttersprache eine enorme Bandbreite an Akzenten gibt. Wie es innerhalb dieser Leute aussieht, wissen aber deren Ärzte oder vielleicht Seelsorger am besten.

Es gibt ja Leute,die machen dann vor lauter Angst vor ihrem Akzent den Mund nicht mehr auf. So wird das nichts. Das ist egal. (#)

Was ist egal – dass das so nichts wird? Dass die Leute vor Angst den Mund nicht mehr aufmachen? Immerhin folgt gleich ein Erklärungsversuch:

Einen Akzent haben alle, das ist normal und im Englischen ganz besonders. Muttersprachliche Afrikaner, Inder, Schotten, Amerikaner, Kanadier, Australier etc. etc. haben einen Akzent. Und die Franzosen, Spanier haben wohl noch einen deutlicheren Akzent als die Deutschen. Es ist aber uninteressant, wer den stärksten Akzent hat, vorausgesetzt, dass alle reden. (#)

Schreibt er da jetzt über Akzente, die beim Sprechen einer Fremdsprache auftreten, oder über Dialekte, die von Muttersprachlern gesprochen werden? Das ist nicht dasselbe und sollte gut auseinandergehalten werden.

Was heißt und im Englischen ganz besonders? Ist es normaler, im Englischen einen Akzent zu haben als im Deutschen, Französischen oder vielleicht Russischen? Hat im Englischen jeder mehr Akzent als in anderen Sprachen? Wer soll wie entscheiden, wer den stärkeren Akzent hat? Woran will man das messen – Received Pronounciation? Maggie Thatcher? Clint Eastwood? Und überhaupt: Wieso soll der Akzent nicht wichtig sein, solange alle reden? Ich denke, gerade wenn die Leute reden ist der Akzent von Interesse und möglicherweise ein Problem. Wenn alle schweigen, gibt es keinen Akzent und keine aussprachebedingten Verständnisprobleme. Aber gerade darauf will der Autor hier sicher nicht hinaus.

Ein heftiges Problem des Englischen ist die Orthographie, Schwerpunktthema in der Schule. Wir würden den Ball hier flach halten. Sprache kommt von sprechen. Es kommt entscheidend darauf an, möglichst schnell in der Lage zu sein zu sprechen. Die Orthographie prägt sich von alleine ein, wenn Sie viel lesen. (#)

Was jetzt – ist die Orthographie ein heftiges Problem, oder prägt sie sich von alleine ein? Wenn reichlich Lesen genügt, um einem die Rechtschreibung beizubringen, kann es so heftig ja nicht sein. Wir würden den Ball hier flach halten ist ein typisches Beispiel für verrutschte Stilebenen. Den Schwerpunkt auf das Sprechen zu legen ist natürlich legitim, aber woher will der Autor wissen, was der Lernende will? Der eine will möglichst schnell sprechen und interessiert sich nicht für die Rechtschreibung, der andere will vielleicht endlich Tom Clancy im Original lesen und wäre darum gerade an der Rechtschreibung interessiert.

Hinsichtlich der Orthographie ähneln sich die Engländer und die Franzosen, wenn sie sich auch sonst nicht immer mögen. (#)

Inwiefern ähneln sich die Engländer und die Franzosen? Sind beide nachlässig in Rechtschreibfragen? Nehmen sie die Rechtschreibung besonders wichtig? Das klingt nach Deutschaufsatz in der neunten Klasse.

Beide haben es geschafft, eine Schrift zu entwickeln, die nur sehr bedingt einen Rückschluss darüber zulässt, wie etwas zu sprechen ist. (#)

Ah, werden sich die Engländer gesagt haben, die Franzosen, die haben so eine genial verquaste Rechtschreibung, kein Mensch kann das aussprechen. Los, das machen wir auch. Dann haben sie sich heimlich französische Literatur besorgt und damit ihre Rechtschreibung zerschossen.

Vokale sind Laute (die Linguist spricht von Phonemen) bei denen […] (#)

Kleine Nachlässigkeit: Der Linguist oder die Linguistik.

Die Aussprache ist natürlich ein wichtiges Thema beim Englischlernen:

In diesem Handbuch werden die verwendeten Worte auch vorgesprochen, so dass man nicht auf wildes Raten oder Lautsprache angewiesen ist. (#)

Worte? Wie das Wort Goethens, das oben zitiert wurde? Gemeint sind die verwendeten Wörter, und die sollte man richtig verwenden. Lautsprache zum Beispiel ist hier fehl am Platz. Lautsprache im Gegensatz zur Gebärdensprache kann in diesem Kontext kaum gemeint sein. Es muss Lautschrift heißen.

Auch die Konsonantengruppen repräsentieren meist Töne (oder Phoneme wie der Linguist sagen würde), die wir auch im Deutschen kennen, so dass sie, sieht man von th ab, kein Problem sind. (#)

Das ist ein bildschöner Schachtelsatz mit eingeschobener Parenthese direkt vor einem Komma. Wie aus dem Lehrbuch (pun intended).

…aufgefallen ist, dass die Logik der Aussprache nicht wirklich in sich konsistent ist… (#)

Kein Zweifel, die Aussprache des Englischen ist kompliziert, und die Zuordnung von Graphemen zu Phonemen ausgesprochen inkonsistent. Aber die Logik ist nicht in sich konsistent ist sprachlicher Unsinn. Gemeint ist nicht die Logik, sondern die Rechtschreibung. Und die ist entweder (in sich) stimmig oder inkonsistent/nicht konsistent. In sich nicht konsistent gibt es nicht.

Es gibt wohl zwei Töne, die für den typisch deutschen Akzent verantwortlich sind, das ist zum einen das berühmte th, ein Laut der, zumindest wenn man als Norm das peninsulare Spanisch nimmt, dem spanischen z entspricht und das r, welches im Deutschen ein gutturaler Laut ist, man produziert ihn, indem man das Gaumensegel vibrieren lässt. Das englische r wird, wie wir gesehen haben, überhaupt nicht so gebildet. (#)

Konsonanten sind keine Töne. Die Dinger heißen Laute. Und dieser Satz ist furchtbar unübersichtlich und verschachtelt. Das ließe sich lesbarer formulieren, vielleicht so: Für den typisch deutschen Akzent sind wohl vor allem zwei Laute verantwortlich: Das berühmte th, das in etwa dem spanischen z entspricht, und das r. Wie das englische r im Gegensatz zum deutschen r gebildet wird, wurde in einem vorangegangenen Abschnitt beschrieben, das muss man hier nicht wiederholen. Und muss ich mich im peninsularen Spanisch auskennen, wenn ich hier Englisch lernen will? Der Hinweis auf das spanische z ist vielleicht auch nicht nötig.

Außerdem gibt es ja auch das kanadische Englisch, das australische Englisch, das indische, südafrikanische und das neuseeländische Englisch. Alle haben ihre Eigenarten. Je nachdem, wo und mit wem man Englisch lernt, gewöhnt man sich mehr an die jeweiligen Besonderheiten. Unüberwindlich sind sie jedoch nicht. (#)

Der Lernende gewöhnt sich an die Besonderheiten. Aber wieso wird der nächste Satz mit jedoch angeschlossen? Wo ist da der Gegensatz? Die Aussage, die Besonderheiten seien überwindbar, bestätigt doch den vorigen Satz. Das jedoch ist Schneematsch.

Was ist eine unüberwindliche Besonderheit? Und wie überwindet man die nicht unüberwindlichen Besonderheiten? Sind die regionalen Besonderheiten Fehler, die man überwinden muss? Oder stellen die regionalen Besonderheiten den Lernenden vor Schwierigkeiten, die er aber überwinden kann? Oder stellen diese Besonderheiten einfach kein unüberwindliches Hindernis für die Verständigung dar? Kann man nicht schreiben, was man meint?

Irgendwann mal werden wir es schaffen, ein komplettes Abbild des Englischen in allen Teilen der Welt zu haben. (#)

Ein ehrgeiziges Ziel, viel Erfolg beim Sammeln. Trotzdem wäre irgendwann einmal besser gewesen. Mit Abbild ist übrigens eine Sammlung von Texten und Klangbeispielen zu unterschiedlichen Varietäten des Englischen gemeint.

Nun erkennen wir im Deutschen in einem geschriebenen Text die Substantive daran, dass sie groß geschrieben werden müssen. Im Englischen haben wir insofern eine Erleichterung, als dass alle Worte klein geschrieben werden (ausgenommen sind nur Eigennamen). (#)

Davon, dass Substantive im Deutschen großgeschrieben werden müssen, weiß ich noch lange nicht, welches die Substantive sind. Ich erkenne Substantive in einem gedruckten Satz nicht daran, dass sie groß geschrieben werden müssen, sondern daran, dass sie großgeschrieben sind. Ohne Großschreibung kann ich aus dem Satzbau und dem Zusammenhang ableiten, welches die Substantive sind, oder ob ein bestimmtes Wort Adjektiv oder Substantiv oder sonstwas ist.

Und bevor dieser Beitrag völlig aus dem Ruder läuft, beende ich ihn mit diesem Zitat aus Kapitel 3 über Substantive:

Also belassen wir es hier bei der Aussage, dass es sie gibt, die Substantive – in Massen – und dass man sie lernen muss, aber dass wir verschont bleiben von komplizierten Deklinationssystemen. Hiphip – Hurray! (#)

P.S.: Ich finde dieses Lehrbuch trotz der sprachlichen Macken ziemlich brauchbar.

Advertisements

2 Kommentare on “Sprachlicher Schneematsch”

  1. […] Schild ist sprachlicher Schneematsch. Damit möchte ich natürlich nichts gegen die beruflichen Fähigkeiten der Friseurinnen und […]

    Gefällt mir

  2. […] unsinnig und wohl auch rechnerisch falsch. Auch wenn die meisten Leute an den allgegenwärtigen sprachlichen Schneematsch dieser Machart gewöhnt sind und die Message deshalb verstehen dürften – es steht eben nicht […]

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s