Textqualität? Eigene Nase!

Als Übersetzer setze ich mich tagaus tagein mit den Elaboraten mehr oder minder begabter Autoren auseinander. Ich muss das Zeug einigermaßen detailliert verstehen, um es angemessen ins Deutsche übersetzen zu können. Benutzungsoberflächen und technische Dokumentation müssen in sich stimmig sein und zueinander passen, sonst kann der Benutzer am Ende die Software nicht gescheit benutzen. Schlimmstenfalls legt ein durch die fehlerhafte Übersetzung schlechter Dokumentation verursachter Bedienfehler das Produktivsystem einer Bank lahm. Dann ist die Bank zu Recht ärgerlich, und es gibt Stunk. Selbst wenn man versichert ist will man das ja nicht.

Übersetzen beinhaltet immer eine Art Qualitätskontrolle, umsomehr wenn man als Festangestellter nicht nach übersetzten Zeilen bezahlt wird, sondern nach Arbeitszeit. Viele Übersetzer sind Perfektionisten und glauben insgeheim, eigentlich die besseren Autoren zu sein. Man sieht ja immer die Fehler der technischen Redakteure und Entwickler, die missverständlichen Formulierungen, die verquasten Endlossätze, die terminologische Inkonsistenz. Könnte man alles viel besser. Aber echt.

Ich muss zugeben, dass ich meistens so denke, und ich glaube, diese Haltung auch bei Übersetzerkollegen auszumachen. Das geht auch ganz gut, bis man dann selbst mal was schreibt. Bloggen ist da nur ein Beispiel. Ich muss ja auch sonst allen möglichen Leuten alles mögliche mitteilen, meistens per E-Mail. Gelegentlich muss ich auch Sachen präsentieren, mit (stöhn) PowerPoint und so. Und dann gibt es da tatsächlich Leute, die nicht auf Anhieb verstehen, was ich ihnen erkläre! Kaum zu glauben, das kommt wirklich vor, obwohl ich das doch so mustergültig mache! Aber Spaß beiseite, auch wenn es mich immer wieder erstaunt: Nicht alle meine Texte sind Juwelen, und wenn mit gelegentlich meine eigenen Mails oder meine alten Übersetzungen wieder begegnen, kommt mir manchmal schon das Grausen.

Auch Übersetzerkollegen, die jetzt teilweise selbst als Autoren tätig sind, arbeiten solide und liefern brauchbare Texte, geben aber auch keinen Anlass zu Jubelfeiern. Sie haben auch schwammige Passagen im Programm, ziehen sich bei Verständnisproblemen durch vage Formulierungen aus der Affäre, und manchmal versteht man gar nichts. Würde mir natürlich nie passieren. Außer manchmal, wenn ich technischen Redakteuren, Entwicklern, Projektleitern und so Leuten komplizierte Sachen erklären muss bzw. denen Detailfragen zu komplizierten Sachverhalten stelle und die erst nach der dritten Mail verstehen, was ich will und meine. Nicht immer liegt das daran, dass die schwer von Begriff sind, oder unwillig. Manchmal, ganz ganz selten, kommt es auch vor, dass ich mich nicht mit der Klarheit ausdrücke, die ich eigentlich immer anstrebe.

Jeder Perfektionist sollte sich eine griffige hölzerne Nase besorgen, an die er sich bei Gelegenheit fassen kann. Meine wäre wahrscheinlich meistens ziemlich blank poliert…

Autor: gnaddrig

Querbeet und ohne Gewähr

In den Wald hineinrufen

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