Petzi rettet Prinzessin Nana

Neulich war ich mit den Kindern wieder in der Kinderbibliothek. Wie immer haben die beiden mir  hochbegeistert einen riesigen Stapel Bücher angeschleppt. So gehört das, ohne Bücher kann man nicht leben! Allerdings muss ich das ganze ein bisschen deckeln, weil ich das Zeug sonst aus Gewichtsgründen gar nicht nach Hause kriege.

Viele schöne, neue Bücher also. Aber ach: Dabei war auch „Petzi rettet Prinzessin Nana“. Die Petzi-Bücher sind mir schon mehrmals unangenehm aufgefallen, weil da so vieles nicht stimmt. In der Pixi-Buch-Version von „Petzi und die Hühner“ etwa wirft Petzi auf der fünften Seite im Hühnerhof „achtlos den Rechen beiseite.“ Dann vergehen mehrere Wochen, in denen er die Hühner füttert, ihnen Heu in den Hof trägt und was man sonst noch so alles macht, wenn man Hühner hält. Dabei ist er ständig im Hühnerhof unterwegs. Und Wochen später tritt er auf der sechzehnten Seite plötzlich „auf den Rechen, den er zuvor achtlos weggeworfen hatte. Klong! Der Rechen schlug ihm mitten auf die Nase.“ Hatte er all die Wochen einfach nur Glück? Oder warum ist er nicht schon lange vorher auf das Ding getreten? Ich jedenfalls stolpere regelmäßig über sowas. Ungereimtheiten dieser Art, nicht achtlos weggeworfene Rechen in Hühnerhöfen.

Kinderbücher sind natürlich keine wissenschaftlichen Werke. Man darf in ihnen wild drauflosfantasieren. Sie müssen nicht realistisch sein. Da kann man dann schon mal jemanden mit einem Ballon zum Mond fliegen lassen. Oder jemand wird durch Berühren einer Stelle an der Wand und Aufsagen eines Zauberworts zum Däumling. Auch in Sachen Folgerichtigkeit der Handlung muss man an Kinderbücher vielleicht nicht ganz so hohe Maßstäbe anlegen wie an „große“ Bücher, zumal es bei denen auch die eine oder andere Zumutung gibt, vielleicht schreibe ich dazu auch mal was. Aber was viele Kinderbücher als Handlung anbieten grenzt an Unverschämtheit.

Das bringt mich wieder auf den leidigen Petzi zurück. In „Petzi rettet Prinzessin Nana“ geht es hoch her:

  • Petzi und seine Freunde spielen hinterm Haus, sägen Holz. Nebendran liegt Seebär und schnarcht laut. Plötzlich hören sie neben dem Schnarchen ein Geräusch. „Da weint jemand und ruft um Hilfe.“ Sie stellen fest, dass es vom Meer kommt und gehen nachsehen.
  • Am Meer ist es so stürmisch, dass die Wellen sehr hoch schlagen. (Wo kommt der Sturm so plötzlich her, und wieso war er beim Spielen im Garten nicht zu bemerken? Und wie konnte man im Garten das Weinen und Rufen hören, wenn es so stürmt, dass man es am Strand nicht hört?)
  • Wegen der hohen Wellen kann Petzi nicht sehr weit sehen. „Gib mir doch bitte dein Fernrohr, Pelle, dann kann ich vielleicht doch etwas erkennen.“ Mit dem Fernrohr kann Petzi plötzlich viel weiter sehen und entdeckt auch sogleich die Prinzessin auf der Lufmatratze. (Macht das Fernrohr die Wellen niedriger oder durchsichtig?)
  • Petzi und Konsorten machen schnell ihr Schiff klar und fahren aufs Meer hinaus, bis sie zur Prinzessin kommen und sie aufsammeln. Die Prinzessin ist nass, aber nicht etwa, weil sie auf einer Luftmatratze im Sturm bei hohen Wellen „draußen auf dem Meer gewesen war, sondern weil sie so große Angst hatte und deshalb ein wenig geweint hatte“.
  • Die Freunde bringen die Prinzessin nicht sofort zurück nach Hause, sondern kehren erstmal um und fahren nach Hause, weil sie im Dunklen nicht aufs Meer wollen.
  • Am nächsten Tag liefern sie die Prinzessin auf ihrer Heimatinsel ab, kriegen vom König ein großes Fest geschmissen und machen sich nach dem Gutenachtlied spät abends auf den Heimweg übers Meer. Im Dunkeln.

So viele so dämliche Ungereimtheiten machen mir schlechte Laune. Meine armen Kinder müssen sich dann immer anhören, wie ich ihnen diese Macken detailliert erkläre und mich hinterher noch mehr oder weniger ausführlich darüber aufrege. Das kann man doch Kindern nicht antun (die Schrottgeschichten und meine Motzereien).

Dagegen hilft nur, auch beim Schreiben von Kindergeschichten den Verstand nicht auszuschalten. Kinder haben je nach Alter zwar von Physik, Erdkunde und ähnlichen Sachen noch nicht so viel Ahnung, aber sie sollen sie kriegen. Offensichtliche Ungereimtheiten fallen ihnen entweder auf und verderben ihnen ein Stück weit die Geschichte, oder sie fallen darauf herein und lernen den Unsinn für’s Leben. Da kommen dann Erwachsene bei heraus, die zwei und zwei nicht zusammenzählen können, an Horoskope glauben, an Uri Geller und Hasenpfoten.

Das finde ich nicht gut. Gut gemachte Absurditäten wie die oben erwähnte Ballonfahrt zum Mond gefallen mir. Oder Karlsson vom Dach mit seinem Propeller auf dem Rücken (ein bescheuertes Buch, aber aus anderen Gründen). Die sind so offensichtlich absurd und unmöglich, dass Kinder das ziemlich schnell spitzkriegen. Solche Geschichten fordern Kinder spielerisch heraus, testen ihre Weltwissen und helfen ihnen, die Welt gedanklich zu ordnen.

Die Ungereimtheiten in diesem Petzi-Buch dagegen sind unsäglich. Leider mögen die allermeisten Kinder wohl Petzi und seine Geschichen ganz gerne. Grumpf. Naja, ok, ich habe als Kind auch mit großem Vergnügen die Lurchi-Hefte gelesen, die wir beim Schuhekaufen immer kriegten. Petzi-Bücher hatten wir auch, und ich bin trotzdem kein abergl… Aber doof finde ich sie trotzdem!

P.S.: Manchmal sind sie auch stolz, wenn sie selber merken, dass da Unsinn steht. Vielleicht ist doch alles nicht so schlimm. Seufz.

Bibliographie:
Petzi und die Hühner, Hamburg 2005, ISBN 3-551-05756-7
Petzi rettet Prinzessin Nana, Hamburg 2001, ISBN 3-551-51558-1


2 Kommentare on “Petzi rettet Prinzessin Nana”

  1. […] habe ich mich am Beispiel von Petzi rettet Prinzessin Nana darüber ausgelassen, dass Kinderbücher oft derart schlampig zusammengeschustert werden, dass man […]

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  2. […] habe, lässt mich jetzt eher schaudern, etwa die Mecki-Bücher, oder die in früheren Beiträgen (hier und hier) schon erwähnten […]

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