Nai hämmer gsait

Anlässlich der Katastrophe in Fukushima wird jetzt gern von einer Zäsur gesprochen. Alles habe sich geändert, heißt es, und der Atomausstieg ist neuerdings wieder in Mode. Sogar hartgesottene Befürworter der Kernkraft wie Volker Kauder denken um. Aber hat sich wirklich etwas geändert? Die Kernkraftwerke in der Welt sind jetzt nicht sicherer oder unsicherer als vor dem Erdbeben in Japan. Die Sicherheitsanforderungen sind jetzt nicht weniger angemessen oder unzulänglich als vorher. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein schweres Erdbeben oder ein Tsunami ereignet, dürfte auch grundsätzlich unverändert sein. So gesehen hat sich nichts geändert, es gibt jetzt nicht mehr Grund zur Panik als vorher.

Was sich geändert hat ist die Wahrnehmung. Die Mehrheit der Kernkraftbefürworter hätte das, was jetzt in Fukushima passiert ist, überhaupt nicht für möglich gehalten. Man hat gedacht, dass die Kraftwerke so ausgelegt sind, dass sie die zu erwartenden Naturkatastrophen auch aushalten. Gerade Japan hat ja auch erheblichen Aufwand getrieben, um das Land soweit wie möglich erdbeben- und tsunamifest zu machen. Außerdem hat man angenommen, dass die Sicherheitsrichtlinien angemessen sind und ihre Einhaltung von den zuständigen Behörden überwacht wird.

Dass ausgerechnet in Japan – quasi dem Mutterland der Gewissenhaftigkeit – so blatant gepfuscht wurde, hätte niemand zu träumen gewagt. Man stelle sich das vor: Die Betreibergesellschaft Tepco gibt zu, die Anlagen nur unvollständig gewartet und systematisch gefälschte Prüfprotokolle bei der Aufsichtsbehörde eingereicht zu haben. Die zuständige Behörde reagiert mit einem vergleichsweise nachlässigen „Macht sowas bitte nicht wieder, und schaut bei Gelegenheit dann doch mal über die Anlage drüber.“  Ein Unding, das.

Dann liest man von anderen Meilern, etwa San Onofre in Kalifornien. Das Kraftwerk steht in unmittelbarer Nähe von mehreren aktiven Bruchzonen direkt am Meer, nur wenige Meter über Normalnull natürlich in Reichweite von Tsunamis und blickt laut Süddeutscher Zeitung auf eine lange Geschichte von Pfusch und Vertuschung zurück: Störanfällige Konstruktion, nachlässige Wartung einschließlich gefälschter Prüfberichte. Außerdem lagern in den Abklingbecken sämtliche seit Inbetriebnahme 1968 verbrauchten Brennelemente. In einem Radius von 80 km wohnen an die 8 Millionen Menschen. Wenn das kein Russisches Roulette ist…

Da fragt man sich dann natürlich, wie es hierzulande aussieht. Sind die Sicherheitsanforderungen ausreichend? Und werden sie auch korrekt umgesetzt? Wie ist es mit der dünnen Betondecke in Krümmel oder mit der Erdbebensicherheit in Neckarwestheim und Philipsburg? Wenn man sich dann noch den extrem laxen Umgang mit radioaktivem Abfall in der Asse anschaut, kann einem schon mulmig werden. Störfälle mit Pfusch und Vertuschung hat es auch hier mehr als genug gegeben, man denke nur an Biblis 1987, Biblis 1994, Brunsbüttel 2001, Unterweser 2007, Brunsbüttel 2007. Auch die Art, in der mit dubiosen Tricks versucht wird, die Erforschung der Salzsstöcke von Gorleben nach altem Bergrecht wiederaufzunehmen, wirkt vor diesem Hintergrund nicht eben mutmachend.

Da ist es auf jeden Fall eine gute Idee, die deutschen Kernkraftwerke und die ihrem Betrieb zugrundeliegenden Sicherheitsanforderungen mal gründlich zu überprüfen. Wenn die schwarzgelbe Koalition damit jetzt den Eindruck vermittelt, aus Wahlkampftaktik und ansonsten wie die Hühner wenn der Fuchs kommt ihre jahrzehntelang mit Klauen und Zähnen verteidigte Linie aufzugeben, ist das aus deren Sicht bedauerlich. Aber mir ist es lieber, ein paar Politiker machen sich unglaubwürdig, tun aber mit der Wende zum Atomausstieg das Richtige als dass sie an ihrer von vornherein nicht sehr vernünftigen Pro-Atom-Politik festhalten.

Die Ereignisse von Fukushima zeigen wieder, dass die Atomkraftgegner nur zu recht hatten: Die Nutzung der Kernkraft birgt Risiken, die nicht zuverlässig beherrschbar sind. Naturkatastrophen, Pannen, Terrorakte und menschliches Versagen kann man nicht prinzipiell ausschließen, ein Risiko ist immer da. Und wenn etwas schiefgeht, haben ganz schnell ganz viele etwas davon.

Wir – manche mehr, manche weniger – haben jahrzehntelang die Augen davor verschlossen und so getan, als gehe uns das nichts an, oder als gehe die Gefahr von selber weg, wenn man sie nur hartnäckig genug ignoriert. Dass der Unfall von Tschernobyl nicht schon zum Umdenken geführt hat, finde ich im Nachhinein kaum fassbar. Jetzt kann man nur hoffen, dass es in Fukushima noch glimpflich ausgeht, und dass man danach überall sorgfältiger mit Kernkraftwerken und dem radioaktiven Müll umgeht. Am besten wäre es wohl gewesen, mit dem Dreck gar nicht erst anzufangen. Jedenfalls nicht ohne ein schlüssiges, machbares und einigermaßen idiotensicheres Konzept zur Entsorgung der radioaktiven Abfälle zu haben.

Manche in Südbaden und im Elsass haben das schon 1975 so gesehen: Nai hämmer gsait! („Wir hben Nein gesagt!“)

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