Islamismus ade

Tahr Bell Jelloun schreibt auf zeit.de unter dem Titel Revolte ohne Islamisten, dass all die Aufstände und Revolutionen in der arabischen Welt im wesentlichen ohne Zutun der Islamisten passieren. Dass die verschiedenen islamistischen Parteien und Organisationen der betreffenden Länder versuchen, diese Aufstände auf ihr Konto gehen zu lassen oder die Aufstände in ihrem Sinn zu nutzen. Dass aber die ganz überwiegende Mehrheit der Aufständischen ihnen eine Abfuhr erteilt habe. Die Islamisten würden ganz einfach links liegen gelassen. In freien Wahlen hätten islamistische Parteien sowieso schon keine glänzenden Ergebnisse zu erwarten gehabt, und jetzt stünden sie noch deutlich schlechter da als zuvor.

Die Gefahr, die von den Islamisten ausgeht, sei von den arabischen Despoten maßlos übertrieben worden, das habe ihnen westliches Wohlwollen einschließlich Rüstungshilfe eingebracht. Der Westen blicke in der arabischen Welt überhaupt nicht durch und habe reichlich naiv Stabilität über Menschenrechte gestellt, damit keine Bin Ladens die Macht zwischen Casablanca und Kabul übernehmen. Diese Gefahr sei vergleichsweise gering, schreibt Jelloun, die arabische Welt wolle Freiheit und ihre Ruhe, keine Fundamentalisten.

Das klingt gut, und unsereins kennt sich in der arabischen Welt ja auch kaum aus. Alles, was wir aus der Ecke hören, kommt mehrfach gefiltert von Leuten mit ihren eigenen Interessen und Zielen. Vielleicht sieht es dort- von innen gesehen – wirklich ganz anders aus. Andererseits ist zumindest Saudi-Arabien stramm islamistisch. Das Herrscherhaus treibt vielleicht selbst keinen Terrorismus, hat aber wohl das eine oder andere Süppchen am Kochen. Auch ist das Leben im Land extrem streng geregelt, die Lebensbedingungen dort dürften ähnlich freudlos sein wie in Iran, vor allem wenn man kein Mann mit Bart ist. Dann gibt es gescheiterte oder an der Kante des Scheiterns schwankende Staaten wie Afghanistan, wo die Taliban zumindest außerhalb der Hauptstadt erheblich mitreden, oder Pakistan, wo islamistische Fanatiker den Staat unverhohlen vor sich her treiben und dabei anscheinend auch noch die Unterstützung weiter Teile der Bevölkerung genießen. Nun sind diese beiden Länder nicht mehr der arabischen Welt zuzurechnen, und ihr westlicher Nachbar Iran ist eine Klasse für sich in Sachen Islamismus, auch einschließlich Terror.

Aber zurück zur arabischen Welt. Da ist in der Tat wenig aus der islamistischen Ecke zu hören. In Ägypten und Tunesien ist das ganze erstaunlich diszipliniert vor sich gegangen, die Aufständischen haben sich vorbildlich verhalten. In Libyen schlingern sie, haben den gut ausgebildeten Soldaten Gaddafis wenig entgegenzusetzen. Aber weder Menschenrechtsverletzungen noch islamistisches Getöse wird aus Libyen berichtet. Sollte es stimmen, dass sich der Westen derart hinters Licht hat führen lassen? Es würde uns ziemlich albern dastehen lassen. Und es würde mich freuen, wenn Jelloun recht hätte und die arabischen Völker einfach die Schnauze voll hätten von Willkür und Unterdrückung durch Kleptokraten, Spinner oder verhinderte Reformer. Dass sie einfach nur in Freiheit leben und ansonsten in Ruhe gelassen werden wollen. Und dass sie jetzt die Faxen dicke haben und Nägel mit Köpfen machen. Wenn sich herausstellen würde, dass der Islamismus in der arabischen Welt keinen nennenswerten Rückhalt hat und im wesentlichen das Steckenpferd von ein paar Spinnern ist. Die Welt sähe gleich viel besser aus. Über Afghanistan, Pakistan und Iran denken wir dann bei Gelegenheit nach.

Oder es ist noch ganz anders, und wir wachen übermorgen auf und es ist noch viel schlimmer als man hätte befürchten können. Keine Ahnung.

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