Dialekt ist kein Sprachfehler

Meine Frau kommt aus dem Markgräflerland und spricht von Haus aus Alemannisch. Als Niedersachse musste ich mich da erstmal reinhören. Mittlerweile verstehe ich meine Schwiegerfamilie aber bestens. Bei manchen Bekannten aus den dunkleren Tälern des Schwarzwaldes muss ich schon noch ziemlich sorgfältig hinhören, aber meistens komme ich da auch einigermaßen mit. Sogar manche Schweizer verstehe ich halbwegs. Da haben Patent Ochsner geholfen, die singen Bärndütsch und legen ihren CDs Booklets mit den Texten bei, teils auch mit hochdeutscher Übersetzung.

Wir sind praktisch eine zweisprachige Familie: Ich spreche mein Norddeutsch, sie ihr Alemannisch. Die Kinder sind damit aufgewachsen und verstehen beides. Da leider fast alle Freunde und Bekannten Hochdeutsch sprechen, Kindergarten und Schule natürlich auf Hochdeutsch stattfinden und man die nordbadische Mundart in unserem Umfeld kaum mal zu hören kriegt, sprechen unsere Kinder im wesentlichen Hochdeutsch. Vom Alemannischen hat die Große nur das „ch“ übernommen. Egal ob in ich, Milch oder Dach, sie benutzt den stimmlosen uvularen Frikativ (vulgo: es klingt wie in Dach). Als sie neulich in der Schule eine Liste von Wörtern nach der Aussprache des ch sortieren sollte, musste ich ihr erst die Regel erklären, nach der sich im Hochdeutschen die Aussprache von ch richtet. Das hat sie ohne Probleme verstanden und konnte es auch gleich korrekt anwenden. Aber dass die Aussprache von ch je nach Lautumgebung unterschiedlich ist, war ihr bis dato nicht bewusst gewesen.

Jetzt finden einige ihrer Mitschüler anscheinend, sie habe einen Sprachfehler, weil sie das ch „nicht richtig“ ausspricht. Da mussten wir ihr erstmal den Rücken stärken. Sie hat keinen Sprachfehler, sie hat einen Akzent. Sie spricht sehr gutes Deutsch, sie hat für ihr Alter einen beeindruckenden Wortschatz und ein erstaunliches Ausdrucksvermögen. Da hätte der größte Teil ihrer Klassenkameraden guten Grund, vor Neid zu erblassen. Sie braucht sich mit ihrem Deutsch jedenfalls vor niemandem zu verstecken.

Und überhaupt, es wäre ja noch schöner, wenn Dialekt als Sprachfehler gelten müsste. (Das sage ich übrigens nicht ganz uneigennützig, weil einige meiner sprachlichen Marotten auch nicht ganz gerade ins hochdeutsche Raster passen. Und die lasse ich mir auch nicht madig machen. Da muss die Welt mit leben.)

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6 Kommentare on “Dialekt ist kein Sprachfehler”

  1. […] welcher Mundart gesagt haben! Überhaupt möchte ich an dieser Stelle nochmal auf meine Meinung zum Recht auf Mundart […]

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  2. as140 sagt:

    Ich glaube nicht, dass es Neid ist. Es ist nun mal eine falsche Aussprache.

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  3. gnaddrig sagt:

    Wie meinen?

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  4. aurorula a. sagt:

    ^^ Gerade gestern fragt mich jemand bei mir im Geschäft: ist das eigentlich noch deutsch, was Sie da sprechen?
    Er meinte das nicht böse, sondern geografisch – Bairisch an der Waterkant hört man nicht alle Tage, und eigentlich wollte er wissen ob ich aus München (=noch deutsch) oder aus Wien (=schon österreichisch) hierher gezogen bin. Wir haben beide über die Formulierung lachen müssen. 🙂
    Daraus schließe ich: Dialekt zuordnen ist manchmal Fremdsprach-Fehler.

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  5. gnaddrig sagt:

    Naja, Du treibst es aber auch extrem, noch weiter kann man in Deutschland kaum umziehen oder? Gut, Lörrach – Flensburg vielleicht, schon bei Saarbrücken – Rügen müsste ich mal nachmessen. Dass man mit bayerisch geprägter Sprache an der Nordsee auffällt wundert mich jedenfalls nicht wirklich. Aber solange man sich deshalb nicht ernsthaft auf die Zehen tritt ist es ja ok 🙂

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