… riefen alle im Chor

Kinderbücher sind im Prinzip wie alle anderen Bücher auch: Es gibt spannende und langweilige, stimmige und zusammengestoppelte, sprachlich gelungene und eher danebengegangene. Mein Eindruck ist aber, dass es bei Kinderbüchern mehr schwarze Schafe gibt, also lieblos zusammengeschriebene Machwerke mit unlogischer Handlung, mit holzschnittartigen Pappkameraden anstelle glaubhafter Figuren, mit gekünstelten Dialogen, die einen aus der Geschichte werfen. Ich kann diesen Eindruck nicht belegen, vielleicht habe ich auch einfach nicht genug schlechte Erwachsenenbücher gesehen. Schlechte Kinderbücher dafür aber reichlich.

„Schlecht“ ist hier natürlich kein absoluter Wert, sondern meine subjektive Wertung. Als Erwachsener nehme ich vieles anders wahr und bewerte Dinge anders, weil ich (hoffentlich) mehr Weltwissen habe, und der Geschmack kann sich im Lauf der Zeit ja auch ändern. So einiges, was ich als Kind mit Begeisterung gelesen oder angehört habe, lässt mich jetzt eher schaudern, etwa die Mecki-Bücher, oder die in früheren Beiträgen (hier und hier) schon erwähnten Petzi-Bücher.

Eine Marotte, die in Kinderbüchern grassiert, ist das Im-Chor-Rufen. An Stellen, wo es spannend war, wo alle auf ein bestimmtes Ereignis oder Ergebnis hingefiebert haben, wird die Spannung oft dadurch gelöst, dass die Figuren spontan etwas im Chor äußern, ungefähr so:

„Ja, lasst uns schnell nach Hause laufen und unser Schiff, die Mary, holen, dann segeln wir zu ihr“, riefen alle im Chor. [Aus „Petzi rettet Prinzessin Nana“]

Das klingt völlig konstruiert. Erstens haben Leute, wenn sie sich unterhalten, normalerweise keine Zuhörer, denen sie unauffällig zusätzliche Informationen liefern müssen. „Unser Schiff“ wäre ausreichend, dass der Kahn „Mary“ heißt wissen alle Figuren in der Geschichte. Zweitens sprechen Kinder kaum je so gestelzt, schon gar nicht, wenn etwas Aufregendes passiert und alle in Eile sind. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass auch nur zwei Personen sich genau diesen Schachtelsatz unabhängig voneinander ausdenken und dann auch noch gleichzeitig äußern. Bei vier Figuren ist es praktisch undenkbar, so etwas ohne mehrmaliges Proben hinzukriegen.

Da hat der Autor seine Hausaufgaben nicht gemacht und sollte sich nochmal mit seinem Lektor zusammensetzen, um das ganze nochmal zu überarbeiten. Das kann doch – sage ich als jemand, der keine Geschichten schreibt – so schwer nicht sein?



In den Wald hineinrufen

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