Das Ende ist nah!!!

Das Ende der Welt wird ja regelmäßig angekündigt. Sekten, religiöse Gemeinschaften, Nostradamus-Exegeten und alle möglichen Esoteriker gehen immer wieder mit mehr oder weniger konkreten Daten an die Öffentlichkeit. In letzter Zeit hört man viel vom Maya-Kalender, demzufolge die Welt angeblich am 21. Dezember 2012 untergehen soll. Nach einer etwas weniger drastischen Lesart sollen die Maya für dieses Datum einfach nur große Umwälzungen vorausgesagt haben. Manche vertreten auch die Meinung, in Wirklichkeit sei der 28. Oktober 2011 der große Tag*.

Das ist sehr elegant, weil man dann auch gleich eine hübsche Verschwörungstheorie unterbringen kann: Die „Systemmedien und ihre Politikervasallen“ (natürlich insgeheim gesteuert von ihnen, d.h. von denen, die auch für die Streifen am Himmel verantwortlich sind, unsere Gedanken lesen und am 11. September 2001 die Twin Towers in New York gesprengt haben) schreiben über ein ausgedachtes, späteres Datum und verschweigen uns das wirkliche, früher liegende Ende der Welt, damit die Welt im Oktober 2011 unvorbereitet vor vollendeten Tatsachen steht.

Warum die Medien und die Politiker das tun sollten, bleibt unklar. Wenn die Welt tatsächlich demnächst untergehen sollte, dürfte es keinen großen Unterschied machen, ob das nun ein Jahr früher oder später passiert. Die Propheten beider Daten würden mit untergehen, und das letzte Hemd hat keine Taschen.

Andererseits sollen die Maya vorausgesagt haben, dass es in Frankreich eine Art UFO-Bahnhof geben wird, von wo auswanderungswilllige Erdenbürger den blauen Planeten vor dessen Vernichtung verlassen können**. Mal angenommen, es gebe in der Literatur der Maya tatsächlich eine solche Behauptung, und die wäre wider alles Erwarten auch noch wahr. Dann könnte es wirklich sinnvoll sein, die Massen auf einen späteren Termin vorzubereiten, damit man sich selber ungestört davonmachen kann.

Es bleiben natürlich leise Zweifel: Wie konnten die Maya gewusst haben, dass es Europa überhaupt gibt? Wie sollen sie auf einen bestimmten Ort in Südfrankreich hingewiesen haben? Weshalb sollten irgendwelche Außerirdischen ein Interesse daran haben, kurz vor dem Weltuntergang Menschen von der Erde zu evakuieren? Und wenn sie sich schon die Mühe machen, ihre Absicht vorab bekanntzumachen, wieso verstecken sie die Ankündigung der Rettungsaktion in der Mythologie eines Volkes, dessen Kultur 1000 Jahre vor dem Ende der Welt untergehen würde? Haben die Außerirdischen nicht gewusst, dass die Mayakultur das Ende der Welt gar nicht mehr erleben wird? Dabei könnten sie doch jetzt – viel näher am geplanten Termin – viel einfacher ein viel größeres Publikum erreichen. Werden E.T. und Elvis mit von der Partie sein? Wird man den als wahrscheinlichstes Weltungergangsszenario gehandelten Asteroideneinschlag vom UFO aus beobachten können? Dann hätte ich gern einen Fensterplatz!

Aber zurück zum Maya-Kalender. Laut Wikipedia gibt es da einen rituellen Kalender (Tzolkin) und einen zivilen Kalender (Haab), und jeder Tag hat ein rituelles und ein ziviles Datum. Die Kombination aus Tzolkin- und Haab-Datum ist innerhalb einer Kalenderrunde eindeutig. Mit Kalenderrunde wird der Zeitraum bezeichnet, nach dessen Ablauf sich die Tzolkin-Haab-Kombinationen wiederholen. Eine Kalenderrunde der Maya dauert 18.980 Tage, also knapp 52 der heute üblichen gregorianische Jahre. Zur Darstellung der im Alltag nötigen Daten ist so eine Kalenderrunde ausreichend. Zur Darstellung historischer Daten und längerer Zeiträume haben die Maya die sogenannte Lange Zählung verwendet. Die beginnt nach der Mythologie der Maya mit der Schöpfung der Welt am 11. oder 13. August 3114 v. Chr. (Anscheinend ist es nicht so einfach, Maya-Daten eindeutig und widerspruchsfrei in gregorianische Daten umzurechnen. Man kennt das exakte Datum deshalb nicht.)

Am 21. oder 23. Dezember 2012 ist der Namensraum der Langen Zählung aufgebraucht, und man fängt einfach wieder von vorne an zu zählen. So ganz genau wie am Anfang wird es trotzdem nicht sein, weil die Kalenderrunden von der Langen Zählung unabhängig sind und weiterlaufen. Der Beginn der Langen Zählung vor gut 5000 Jahren hatte eine andere Tzolkin-Haab-Kombination als der Beginn der Langen Zählung im kommenden Jahr, und die Sterne stehen bestimmt auch anders. Diesen Unterschied könnte man sicher mit ein paar kabbalistischen Spielereien wegerklären. Für geübte Esoteriker ist sowas aber kein Problem. Und wenn’s gar nicht anders geht, behauptet man einfach irgendwas Passendes und beruft sich auf „Erkenntnisse“, Offenbarungen von Geistwesen oder ähnliches.

In diesem Zusammenhang wird gern von „Berechnungen der Maya“ gemunkelt, dabei haben die gar nichts berechnet, sondern sich nur einen Kalender ausgedacht, dessen Zählsystem irgendwann wieder von vorne anfängt. Das Datum, an dem die Lange Zählung zuendegeht, dürfte rein rituelle Bedeutung gehabt haben. Es dabei völlig belanglos, ob die Maya das Ende der Langen Zählung mit irgendeiner Art Weltuntergang oder neuen Schöpfung in Verbindung gebracht haben. Außerdem kommt es mir ziemlich unglaubhaft vor, dass die Maya vor Finanzkrisen, Wirtschaftszusammenbrüchen und dergleichen gewarnt haben sollen. Ich bin nicht einmal sicher, ob die Maya mit diesen Konzepten seinerzeit überhaupt etwas hätten anfangen können. Ich hätte da eher Aussagen über Dürren, Überschwemmungen, Missernten, Naturkatastrophen und meinetwegen Kriege erwartet, aber nicht über einen Börsencrash, den Untergang der USA usw.

Davon mal ganz abgesehen konnten die Maya – genau wie alle anderen Menschen auch – nicht in die Zukunft blicken. Sie hatten kein Geheimwissen, sie haben nicht mit Außerirdischen oder wie immer gearteten höheren Wesen kommuniziert, und wenn man von möglichen drogeninduzierten Halluzinationen mal absieht, sind ihnen auch keine speziellen Offenbarungen zuteil geworden. Sie waren ganz normale Menschen, deren Kultur mittlerweile untergegangen ist. Ihr Kalender ist ein Werkzeug wie jeder andere Kalender auch. Ihre Mythologie ist nichts weiter als eines der unzähligen Glaubenssysteme, die sich die Menschen im Lauf der Geschichte ausgedacht haben, um der Welt und dem Leben ein bisschen Sinn abzugewinnen. Und sogar wenn sie tatsächlich geglaubt haben sollten, dass das Ende ihres Kalenders den Weltuntergang markiert – die Welt geht nicht an einem bestimmten Tag unter, bloß weil ein paar Leute irgendwo glauben oder irgendwann einmal geglaubt haben, dass sie das sollte oder müsste oder wird.

Ich bin schon gespannt auf die Erklärungen, mit denen man versuchen wird, die Mär vom Maya-Kalender zu retten, wenn der 20. Oktober 2011 und der 28. Dezember 2012 verstrichen sind und die Erde immer noch bewohnt ist und um die Sonne kreist. Der erste Akt steigt in 27 Tagen. Bis dahin gilt unverändert – hier denke man sich bitte schwummerige Musik und Räucherstäbchenduft, der Sprecher senkt seine Stimme zu einem heiseren Flüstern –

DAS ENDE IST NAH!!!***

* Heiko Schrang von Wallstreet Online glaubt einfach mal, was Carl Johan Calleman so schreibt. Calleman ist von Haus aus Toxikologe und dilettiert seit 1993 vollzeitlich zum Maya-Kalender und dessen Interpretation.

** Wird hier referiert. Quellen sucht man natürlich vergebens, wie immer bei solchen Geschichten.

*** Ausnahmsweise mit drei Ausrufungszeichen, um der außerordentlichen Dringlich- und Wichtigkeit dieser Angelegenheit angemessenen Ausdruck zu verleihen. Nicht nachmachen, Kommentare mit dreifachen Satzzeichen landen in der Moderationsschleife.

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One Comment on “Das Ende ist nah!!!”

  1. […] hätte am 28. Oktober die Welt untergehen sollen. Das hat erwartungsgemäß nicht geklappt. Am 21. Dezember 2012 geht dafür aber der Maya-Kalender […]

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