Wenn Du kucken willst…

Gestern habe ich auf den Bildschirmen, die neuerdings überall  im Bahnhof hängen, einen Spot für Voltaren Schmerzgel gesehen. Das Werk kann man sich auch hier direkt beim Hersteller anschauen. Die Geschichte ist denkbar einfach: Anzugträger begegnet auf der Rolltreppe eleganter, lächelnder Frau. Will sich im Vorbeifahren nach ihr umsehen, kann aber nicht – Nackenschmerzen. Frau schaut pikiert. Sonore Stimme aus dem Off intoniert: Wenn Du kucken willst, aber nicht kannst – Voltaren Schmerzgel wirkt effektiv innerhalb einer Stunde. (…) Dann geht derselbe Anzugträger auf dieselbe Rolltreppe zu und begegnet dort einer anderen eleganten, lächelnden Frau. Jetzt kann er sich schmerzfrei nach ihr umdrehen und ihr ganz ungeniert hinterherstrahlen.

So gehört das auch! Wo kämen wir denn hin, wenn Männer nicht Frauen hinterherstarren könnten? Die ganzen hübsch verpackten Kurven müssen doch begutachtet werden, das wäre ja sonst Verschwendung. Die putzen sich alle ja sowieso nur für uns so heraus. Und wenn die Nackenschmerzen einen dann doch mal ausbremsen, kann man dank Voltaren schon in einer Stunde wieder auf die Jagd. Ist das nicht großartig?

Dass Männer Frauen hinterherschauen, ist weder neu noch selten. Es gehört zum Alltag, die wenigsten stören sich dran. Und wer sich dran stört und das zum Ausdruck bringt, wird oft genug beschimpft oder verächtlich gemacht. Ganz klar, wir sind fast alle irgendwie Alltagssexisten, manche mehr, manche weniger. Viel zu viele finden nichts dabei, und viel zu viele verteidigen ihr vermeintliches Recht auf sexistisches Verhalten mit Zähnen und Klauen, als wolle ihnen jemand wichtige Körperteile abschneiden. Und nicht zuletzt weil das so ist, bedienen Werber in schönster Regelmäßigkeit solche sexistischen Klischees. Die Auftraggeber wollen das offensichtlich auch nicht anders. Man macht die Werbung eben nach dem Geschmack der Zielgruppe.

Ist das wirklich nötig? Klar ist es bequemer, so weiterzumachen wie schon immer. Aber mir ist unwohl bei dem Gedanken, dass ich zu denen gehöre, die einen großen Teil ihrer Mitmenschen durch unbedachte Äußerungen und Verhaltensweisen immer wieder herabwürdigen, beleidigen oder unterdrücken. Dass das gesellschaftstauglich ist und als normal gilt, macht es kein bisschen weniger schlimm. Das macht doch jeder so ist kein Argument, und da ist doch nichts bei, die sollen sich nicht so anstellen ist eine arrogante Unverschämtheit denen gegenüber, gegen die sich dieses  Verhalten richtet.

Ich will jedenfalls nicht einfach Teil des Problems sein, sondern wenigstens ein kleines Bisschen zur Verbesserung der Situation beitragen, indem ich mein eigenes Verhalten ändere. Je mehr Leute das tun, desto größer sind die Chancen, dass solche Werbung irgendwann einfach nicht mehr ankommt und deshalb auch nicht mehr produziert wird. Das ist natürlich noch lange nicht in Sichtweite. Und selbst wenn man den Sexismus nie ganz wird ausrotten können, ist es doch immerhin möglich, wenigstens kleine Schritte in die richtige Richtung zu machen. Das hier sollte einer sein. Novartis könnte auch einen machen und diesen Werbespot absetzen und in Zukunft auf sexistische Werbung verzichten. Vielleicht, irgendwann…

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6 Kommentare on “Wenn Du kucken willst…”

  1. […] In vielen Bahnhöfen hängen seit einiger Zeit Monitore, auf denen ein offiziell Out-of-Home-Channel genannter Mix aus Nachrichten, mehr oder minder unterhaltsamen Nichtigkeiten und – natürlich – Werbung läuft. […]

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  2. Yadgar sagt:

    Also, da protestiere ich aber energisch! Ich will auch mich auch nach wie vor nach Neohippies, bärtigen Hipstern und langhaarigen schnauzbärtigen Sumpfzigeunern (oh, sorry, ich meinte natürlich Sumpfsintiundroma… oder geht das auch nicht mehr? Sumpf-AemeMs, Angehörigen einer mobilen ethnischen Minderheit… was ist dieser PC-Sprech für ein Gekrampfe!!!) umdrehen und mir ein gelegentliches „Hübsch!“ nicht verkneifen müssen, selbst wenn diese hetero (grusel!) sein sollten!

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  3. gnaddrig sagt:

    Vielleicht nehmen die Dich für den nächsten Werbespot…

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  4. Yadgar sagt:

    Ich fürchte, da bin ich (BMI 42,6) zu fett für!

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  5. […] In vielen Bahnhöfen hängen seit einiger Zeit Monitore, auf denen ein offiziell Out-of-Home-Channel genannter Mix aus Nachrichten, mehr oder minder unterhaltsamen Nichtigkeiten und – natürlich – Werbung läuft. […]

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  6. […] Immerhin kann der Protagonist mit dem selbstbewussten Lächeln der süßen Frau jetzt schmerzfrei hinterherschauen… […]

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