Kein Gedicht

Günter Grass wollte zur (von ihm empfundenen) Bedrohung des Weltfriedens durch die Atommacht Israel nicht länger schweigen. Deshalb hat er sich heute mit dem Prosagedicht „Was gesagt werden muss“ zu Wort gemeldet.

Ich setze mich hier bewusst nicht mit dem Inhalt von Grass‘ Text auseinander. Das haben andere schon hinlänglich getan (etwa hier oder hier). Das Thema ist anderswo auch schon mit mehr Sachverstand behandelt worden. Das macht Grass‘ Auseinandersetzung mit dem Thema natürlich nicht gleich überflüssig, aber mir ist es hier nicht um eine politische Diskussion zu tun. Die findet sowieso schon an tausend Stellen statt, da muss ich dieselbe Baustelle nicht auch nochmal aufmachen. Ich will hier ausschließlich über die Form mäkeln.

Der Mann hat also ein Prosagedicht geschrieben. Prosagedicht? Ist das nicht ein Oxymoron? Prosa ist Fließtext, durch den Inhalt strukturiert, dem natürlichen Sprachrhythmus folgend. Gedichte sind Text, der in Versmaße und Reimschemata gepresst gegossen ist und häufig in Strophen gegliedert daherkommt. Allzuoft verstümmeln Dichter dabei Worte und Sätze, um das Versmaß durchzuhalten. Und gelegentlich klingt es so, als sage der Dichter nicht das, was er sagen will, sondern eher das, was sich reimt. (Dieser Verdacht drängt sich fast immer auf, wenn sich etwa Herz auf Schmerz reimt.)

Nun durchbricht die moderne Lyrik laut Wikipedia „die Dogmatik klassischer poetischer Mittel wie Reim und Versmaß.“ Sie wirft gewissermaßen das Joch von Reim und Metrik ab und kommt jetzt immer öfter ganz ungezwungen formlos daher. Das sei schon bei Goethe zu beobachten. Das heißt, auch lyrische Gedichte weisen nicht mehr notwendigerweise Versmaß, Reimschema oder Strophen auf. Sie unterscheiden sich von Prosatexten formal eigentlich nur durch das Spiel mit Zeilenumbrüchen. Dasselbe gilt für das Prosagedicht, laut Wikipedia „ein Gedicht in Prosa, also ohne für Lyrik konstitutive Formelemente wie Verse oder Reime.“ Mit welcher Rechtfertigung man sowas Gedicht nennen soll, ist mir allerdings ein Rätsel. Da springt sofort mein Bullshit-Detektor an.

Ebenfalls ein Rätsel ist, warum man jetzt Texte durch Einstreuen von Zeilenumbrüchen in Gedichte umwandeln sollte. Die Texte werden nicht schöner oder treffender dadurch, dafür verlieren sie oft erheblich an Lesbarkeit. Gedichte haben allerdings den Vorteil, dass sie nicht mit einer endlosen Flut von Prosatexten konkurrieren, sondern in der deutlich kleineren Liga der Lyrik spielen. Dort gelten andere Regeln. Holprigkeiten und merkwürdige Formulierungen kann man einfach mit dem Hinweis auf die lyrische Natur des Textes entschuldigen.

Es wirkt gelegentlich wie Wichtigtuerei – jemand formatiert einen ansonsten wenig bemerkenswerten Text ein bisschen um und hat – voilà – ein Gedicht. Und wenn man wie Grass hier politische, also nichtlyrische, Äußerungen in stellenweise reichlich ungelenker Sprache macht, nennt man das ganze Prosagedicht. Wieso der Mann nicht erstens flüssig formuliert und zweitens die Zeilen nicht vollschreibt, erschließt sich mir nicht. Es ist ja nicht so, dass er Prosa nicht könnte, oder dass man ihn mit einem Prosatext zu demselben Thema ignoriert hätte. Aber mal im Ernst, da lese ich Sachen wie diese: „Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind“ oder „Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte“ – solche Sätze hätte mein Deutschlehrer mir um die Ohren gehauen, Gedicht hin oder her, und Grass wäre damit in seiner Schule sicher auch nicht durchgekommen.

Natürlich gibt es tolle Gedichte. Gedichte, die mit der Sprache spielen und dabei so leicht dahinfließen, dass man beim Lesen automatisch den richtigen Rhythmus findet und hinterher fast verwundert feststellt, dass es da ja tatsächlich Versmaß und Reimschema gibt. Gedichte, in denen Metrik und Reime wie ein Rahmen sind, der das Gesagte klarer hervortreten lässt. Gedichte, die mich tatsächlich ansprechen und mitnehmen, die Stimmungen und Gefühle transportieren. Ich habe auch schon welche gelesen und gehört. Ich habe tatsächlich bei mehreren Gelegenheiten an die Existenzberechtigung von Lyrik geglaubt, echt. Leider fällt mir gerade kein solches Wunderwerk ein. Und jetzt grantele ich erstmal weiter, weil neun von zehn Texten, die sich Gedicht nennen, in meinen Augen keine sind.

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3 Kommentare on “Kein Gedicht”

  1. hanseator sagt:

    Ich denke, ein Gedicht von Grass ist ein Gedicht, weil es von Grass ist: Ich schreibe, also dichte ich.

    Was das gesuchte „Wunderwerk“ betrifft, da fällt mir spontan Heines Wintermärchen ein, wobei hier wiederum die Klassifizierung „Gedicht“ wohl eher einer Beleidigung gleichkommt. 😉

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  2. gnaddrig sagt:

    Stimmt, das Wintermärchen ist tatsächlich klasse!

    Zur Frage, was ein Gedicht ausmacht, erlaube ich mir auch noch einen Kommentar, und zwar in Form eines Prosagedichts:

    Gedicht kann man heute –
    da die alten formalen Kriterien
    zur Unterscheidung von Lyrik und Prosa
    nicht mehr gelten –
    alles nennen.
    Sagt der Verfasser dazu Gedicht
    dann ist es eins.
    Wer könnte ihm das Gegenteil
    beweisen…

    (Und ich habe lange darüber meditiert, wo die Zeilenumbrüche genau hinsollen ;))

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  3. gnaddrig sagt:

    Der britische Literaturtheoretiker Terry Eagleton vertritt anscheinend auch die Meinung, dass man als Autor im Prinzip alles Gedicht nennen kann, was man will. Nachzulesen in der Lyrikzeitung in einem Kommentar von schaum zu Grass und Israel. Da befinde ich mich ja in illustrer Gesellschaft (obwohl, der Mann ist Marxist, das liegt mir gar nicht).

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