Sonnensystem 2.0

Beim Gutenachtsagen denken meine ältere Tochter und ich uns gelegentlich Quatschgeschichten aus. Oder eher, ich denke sie mir aus und wir spinnen sie dann zusammen weiter.

Neulich habe ich ihr erklärt, wie es kommt, dass die Erde um die Sonne kreist. Früher war die Erde ja bekanntlich eine Scheibe und stellte den Mittelpunkt der Welt dar. Ziemlich dick war sie, es ist jedenfalls nicht bekannt, dass sich jemals jemand bis ganz unten durchgegraben hätte und dann in den Weltenraum gefallen wäre. Oben drüber lag wie eine umgedrehte Schüssel das Firmament, dunkel angestrichen. Sonne, Mond und Sterne waren Laternen oder so. Vermutlich – das ist nicht mehr mit Sicherheit feststellbar – hingen sie an Schienen oder gespannten Drähten unter dem Firmament und wurden von Bühnenarbeitern nach genau ausgeklügelten Plänen von Ost nach West über das Firmament gezogen. Die Theorie, dass es sich stattdessen um von außen beleuchtete Löcher im Firmament gehandelt haben könnte, darf als Ammenmärchen abgetan werden.

Das ganze war ein Provisorium, schnell zusammengeschustert und nicht auf Dauer angelegt. Die Menschheit kannte es nicht anders und lebte ein paar zig Jahrtausende ganz zufrieden vor sich hin. Aber irgendwann lief der Apparat nicht mehr rund, es kam immer häufiger zu Ausfällen und Pannen. Unten fielen immer wieder große Erdklumpen aus der Unterseite der Erde, der Rand fing an zu bröckeln. Das Wasser der Ozeane drohte immer wieder durch Risse im Boden in den Weltenraum abzulaufen, und einmal hätte die falsch eingestellte Sonnenlampe fast das Firmament in Flammen aufgehen lassen. Die Konstruktionszeichnungen waren verlorengegangen, Ersatzteile gab es schon lange nicht mehr, und der einzige Techniker, der sich mit der Maschinerie noch auskannte, war in den wohlverdienten in Ruhestand gegangen. Reparaturen waren praktisch nicht mehr machbar. Der große Kolbenfresser im Weltall hatte die Erde schon auf dem Kieker, das Experiment schien gescheitert, die Menschheit stand vor dem Aus.

Glücklicherweise konnte der Betreiber dann aber doch Budget für ein Update auftreiben und auf die damals gerade erst neu entwickelte Planetenumlauftechnologie umstellen. Um das tägliche Leben der Bewohner möglichst nicht zu stören, wurde der Umzug in mehreren aufeinanderfolgenden Nächten ausgeführt. Zur Tarnung der während des Umzugs auftretenden Lücken und Inkonsistenzen wurden Unwetter und seltene Naturphänomene vorgeschoben. Im Vorlauf waren die neuen Himmelskörper des Sonnensystems in Position gebracht worden. Die Sonne war schon geladen, aber noch kalt. Als das Inventar der Scheibenerde auf den neuen, kugelförmigen Planeten umgezogen war, musste als nächster Schritt das Sonnensystem in Gang gebracht werden. Dazu hat ein Riese die Planeten von Merkur bis Pluto* einen nach dem anderen in Rotation versetzt und auf ihre Umlaufgeschwindigkeiten beschleunigt. Das ging im Prinzip so wie Diskuswerfen, und weil – wie immer bei solchen Projekten – Zeitdruck herrschte, hat er manche Planeten nicht ganz korrekt erwischt. Die Erdachse zum Beispiel steht wegen des ungenauen Wurfs schräg, und die Erde schlingert etwas**. Ein zweiter Riese brachte derweil die Sonne auf ihre Rotationsgeschwindigkeit und entzündete sie. Seitdem läuft das Sonnensystem und läuft und läuft. Wir kennen es gar nicht anders, und niemand will die alte Scheibenwelt zurück.

Dies war übrigens der erste produktive Einsatz der neuen Technologie. Wegen der gewaltigen Kosten war ein Testlauf nicht möglich gewesen, aber dank ausführlicher Simulationen lief das neue System von Anfang an erstaunlich stabil und ohne nennenswerte Zwischenfälle. Auf der Grundlage der beim Aufbau dieses Sonnensystems gewonnenen praktischen Erfahrungen wurde die Technik weiterentwickelt. In einer Reihe von Projekten wurden nach und nach weitere Planetensysteme gebaut und zur Milchstraße kombiniert, in die auch unser Sonnensystem eingegliedert wurde.

Die beiden Riesen, die das Sonnensystem mit aufgebaut und in Gang gesetzt haben, neigen gelegentlich zu kindischen Scherzen. Kurz nach Fertigstellung des Sonnensystems bastelten sie aus übriggebliebenem Baumaterial die Saturnringe und wurden daraufhin fristlos gekündigt. Seitdem beschäftigen sie sich meistens damit, Sternschnuppen über den Himmel zu schmeißen.

* Pluto wurde damals noch als Planet geführt. Als man später aus technischen Gründen die Spezifikation änderte, musste er zum Zwergplaneten umklassifiziert werden.

** In unserem Sonnensystem wurden Planeten der ersten Generation verbaut, noch ohne eingebauten Antrieb mit rein ballistischer Laufbahnsteuerung. Bei den späteren Versionen erfolgte das Anfahren vollautomatisch mit Eigenantrieb, was höhere Präzision ermöglichte und Korrekturen von Umlaufbahn und Rotation erheblich vereinfachte.

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One Comment on “Sonnensystem 2.0”

  1. […] Schaltjahre gibt, liegt natürlich daran, dass das Sonnensystem etwas schlampig eingerichtet ist. Auf die Schnelle zusammengestoppelt, da passt ja nichts richtig zusammen. Ist Pluto nun ein Planet oder nicht? Wenn ja, dann gäbe es […]

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