Zeitraffer

Ich weiß noch, wie ich zur Leseratte wurde. Lesen hatte ich ganz normal in der ersten Klasse gelernt und dann längere Zeit nur in der Schule bzw. für die Schule praktiziert. Dass man auch zum Spaß lesen konnte, wusste ich zwar, weil bei uns zu Hause ganze Wände mit Bücherregalen vollstanden und meine Eltern eigentlich immer mit Büchern beschäftigt waren. Aber für mich selbst hatte ich das Lesen noch nicht entdeckt.

Irgendwann in der zweiten Klasse habe ich dann mein erstes Buch in Angriff genommen. Ein eher dünnes Buch, aber mit normalem Layout, nicht in Schreibschrift oder übergroßer Leselerntype gesetzt. Eben ein „richtiges“ Buch für Leute, die schon richtig lesen können. Auf den ersten paar Seiten war es noch hakelig und anstrengend, dann las es sich aber überraschend flüssig, und ich habe es dann auf einen Rutsch von vorn bis hinten durchgelesen.

Daraufhin gab es kein Halten, ich las mich durch die gesammelten Kinder- und Jugendbücher meiner Eltern und durch die Schülerbibliothek meiner Grundschule. Ich lieh mir bei Freunden alles aus, was ich kriegen konnte, und wünschte mir Bücher zu Weihnachten und Geburtstagen. Seitdem bin ich eigentlich nie ohne Buch unterwegs. Für eine Ferienreise durfte ich meine Sachen selbst packen, und ich habe anscheinend einen kleinen Koffer mit Anziehsachen vollgemacht und einen großen mit Büchern. Meine Eltern hatten das natürlich umgekehrt vorgesehen, das aber wohl nicht deutlich genug zum Ausdruck gebracht.

Meine ältere Tochter beginnt gerade ihre Lesekarriere, wie ich in der zweiten Klasse. Nach sechs Jahren leidenschaftlichen und ausdauernden Vorgelesenkriegens hat sie vor ein paar Wochen angefangen, selbst zu lesen. Das Kinderlexikon, das sie zu Weihnachten gekriegt hat, kennt sie mittlerweile fast auswendig. Einige ihrer Lieblingsbücher ebenfalls. Sie liest – wie ich damals – nach dem Gutenachtsagen noch ein Weilchen im Bett. Sie darf das auch – anfangs ging das immer nur zehn, zwanzig Minuten, das war kein Problem. Mittlerweile verbringt sie aber schon mal ein, anderthalb Stunden mit der Nase im Buch, und dann fehlt ihr der Schlaf. Morgens ist sie deswegen oft müde, und der Tag fängt mit Stress an. (Ob das bei mir früher auch so war, weiß ich nicht mehr. Kann aber gut sein.)

Das Lesen im Bett verbieten wollen wir ihr nicht, weil es ja grundsätzlich gut ist, dass sie gern und viel liest. Wahrscheinlich werden wir uns mir ihr auf eine Licht-aus-Zeit einigen müssen. Das wird ihr nicht recht gefallen, weil sie dann natürlich immer dann aufhören müsste, wenn es am Spannendsten ist. Das wird sich aber kaum vermeiden lassen.

Am besten wäre es, wenn wir einen Zeitraffer hätten. Eine Maschine, mit der man das Zeitempfinden manipulieren könnte. Sie würde dann etwa zehn Minuten Lesezeit kriegen, und die Maschine würde diese zehn Minuten auf empfundene 90 Minuten strecken. Sie könnte nach Herzenslust lesen und hätte hinterher trotzdem noch genug Schlaf, ohne auf das Lesen verzichten zu müssen.

Für Tochter Nummer 2 wäre so eine Maschine auch ganz nützlich. Die lässt sich nämlich gern Zeit. Viel Zeit. Mit allem. Sie ist unhetzbar, das legendäre immovable object. Friedlich aber stur. Wie ich, habe ich mir sagen lassen. Naja, irgendwoher muss sie das ja haben. Egal, jedenfalls könnte man ihr morgens fünf Minuten zum Anziehen, zehn Minuten zum Frühstücken und nochmal fünf zum Stadtfeinmachen zuteilen und ihr das ganze auf empfundene 180 Minuten strecken. Dann könnte sie morgens ganz gemütlich aus dem Bett klettern, noch ein Stündchen mit ihrer großen Schwester spielen, sich dann anziehen. Das Frühstück könnte auch in aller Ruhe vor sich gehen, mit Unterhaltungen, kontemplativen Pausen, großartigen Phantasieflügen und Albereien, und am Ende kämen wir ohne Stress rechtzeitig aus dem Haus und zum Kindergarten. Außerdem wird die Kleine sicher auch irgendwann mit dem Lesen anfangen, und darauf bin ich schon gespannt!

Und ich selbst hätte dafür auch Verwendung. Neben Beruf und Familie bleibt für Hobbys meistens nicht mehr furchtbar viel Zeit. Mit so einem Zeitraffer wäre das anders, was könnte man nicht alles Tolles anfangen mit der vielen Zeit. Allerdings wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die Arbeitgeber auf die Idee kämen, mehr Leistung aus ihren FTEs herauszuwringen. Dann säßen wir acht Stunden täglich im Zeitraffer und würden pro Kopf die Arbeit von fünf Leuten erledigen. Die Produktivitätssteigerungen wären gigantisch, die Arbeitslosigkeit auch. Und spätestens nach ein paar Jahren würden solche Maschinen weltweit flächendeckend eingesetzt und es hätte niemand mehr was davon. Da ist es sinnvoller, ich lerne ein bisschen Zeitmanagement, meiner Familie zuliebe.


2 Kommentare on “Zeitraffer”

  1. Stefan R. sagt:

    Spannend wie sich Lesekarrieren entwickeln. Als Kind gabs für mich zum Entsetzen des pädagogisch-bildungsbürgerlich bewegten Umfelds nur Comix. Bücher waren nur interessant, wenn Illustriationen drin waren. Irgendwann als Spätpubertierender geriet ich an eine lesehungrige Peergroup und ward infiziert. Mittlerweile herrscht der Frust vor, dass ich als Berufstätiger nicht mehr die Muße zum Lesen habe, die ich gern hätte…

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, es gibt sehr unterschiedliche Wege zum Lesen. Meine Comic-Karriere fing 1975 mit Yps an (ich erinnere mich noch an die Urzeitkrebse in einer der ersten Ausgaben, die ein Nachbarsjunge hatte). Wann ich aber angefangen habe, die Comics darin tatsächlich zu lesen, weiß ich nicht mehr genau.

    Ich habe immerhin als Pendler jeden Tag Zeit zum Lesen. Auch ein Grund, auf’s Auto zu verzichten und mit der Bahn zur Arbeit zu fahren 🙂

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