Aneinander vorbei

Hinweis über dem Tankdeckel eines geparkten Lkw:

 

Und gleich wieder was zu meckern. Natürlich versteht es sich, dass in diesen Tank Diesel gehört. Aber streng genommen steht da gar nicht, was hier eingefüllt werden soll, sondern was anderswo nicht eingefüllt werden darf. Wenn Diesel, dann nur hier, nicht aber in die Scheibenwaschanlage oder sonstwo. Streng nach Wortlaut könnte man hier also auch Limonade einfüllen, ohne der Anweisung zuwiderzuhandeln.

Das mag jetzt Haarspalterei sein (meine Spezialität!). Aber nur mal angenommen, jemand betankt das Fahrzeug irrtümlicherweise mit Super oder mit Kühlwasser. Er hätte sich an die Anweisung gehalten, wie sie da steht – könnte man ihn für den Schaden haftbar machen? Hätte man statt der ausführlichen Formulierung einfach Diesel oder meinetwegen Nur Diesel* über die Tanköffnung geschrieben, wäre alles klar und eindeutig. So aber bleibt Raum für Missverständnisse und Diskussionen, und garantiert kommt dann auch irgendwer und fängt eine Diskussion darüber an.

Vermutlich ist das ein Grund, weshalb viele Handwerker mit Schlaumeiern (oft wohl Abiturienten) nicht so viel anfangen können – die spitzfindeln überall herum, fragen bei allem und jedem nach und diskutieren, statt anzupacken und echte Arbeit geschafft zu kriegen. Außerdem sind sie unglaublich schwer von Begriff und haben keinen blassen Schimmer, wie die wirkliche Welt funktioniert.

Man steht sich dann oft mit einigem Unverständnis gegenüber, irgendwo zwischen amüsiert und genervt, und versteht gar nicht, wie Leute so anders ticken können als man selbst. Dabei nimmt jeder ganz selbstverständlich für sich in Anspruch, im Gegensatz zu den anderen vernünftig und normal zu sein. Jetzt könnte man denken, es sei am Besten, wenn man bei den unvermeidlichen Begegnungen ein bisschen grundsätzlichen guten Willen zeigt und sich ansonsten gegenseitig soweit wie möglich in Ruhe lässt.

Aber so einfach ist es nicht. Erstens kann man sich schon verständigen und zu einem gewissen Grad zusammenraufen. Das habe ich beispielsweise bei der Bundeswehr erlebt. Da war ich Teil der Abiturientenfraktion, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte. Die Handwerker in der Kompanie hatten anfangs ihre liebe Mühe mit uns, aber am Ende lief es ganz gut: Sie haben gemerkt, dass sogar Abiturienten nicht notwendigerweise Idioten sind und man mit denen sogar manchmal was anfangen kann, und wir waren nicht mehr ganz so weltfremd wie am Anfang. Eine wertvolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Zweitens garantieren Abitur und akademische Bildung auch nicht, dass man sich gegenseitig versteht. Ich beispielsweise sitze jetzt in einer Art Akademikerreservat und arbeite dort sehr viel mit Software-Entwicklern zusammen. Die haben auch Abitur und fast alle einen Universitätsabschuss, trotzdem leben die meisten in einer ganz, ganz anderen Welt als ich. Und von den Betriebswirten im Management fange ich gar nicht erst an…

* Und das bringt mich auf den Gedanken, dass die Wörter nur und hier versehentlich vertauscht worden sein könnten und der Texter korrekt Hier nur Diesel einfüllen hat schreiben wollen. Das hätte oben aber den schönen Argumentationsfluss gestört, darum musste ich es in diese Fußnote auslagern.

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