Im Einkaufsbahnhof

In vielen Bahnhöfen hängen seit einiger Zeit Monitore, auf denen ein offiziell Out-of-Home-Channel genannter Mix aus Nachrichten, mehr oder minder unterhaltsamen Nichtigkeiten und – natürlich – Werbung läuft.

Die so ausgestatteten Bahnhöfe sind natürlich keine profanen Ein-, Aus- und Umsteigestellen für Reisende und Pendler, sondern mondäne Shopping-Erlebnis-Welten mit Bahnanschluss, vulgo Einkaufsbahnhöfe. Das Bahnfahren ist da nur noch Nebensache, hauptsächlich soll man jetzt zum Shoppen in den Bahnhof gehen, zum Spaßhaben und Geldausgeben. Damit man das auch merkt, wird im Out-of-Home-Channel regelmäßig darauf hingewiesen. Wie sinnvoll das ist, steht dahin – wer nicht von selbst mitgekriegt, wie toll man hier einkaufen kann, wird auf solche Werbung sicher auch nicht anspringen:

Also, geworben wird damit, dass es im Bahnhof – man höre und staune – Kaffee, Zeitungen und Blumen gibt. Beim Stichwort Einkaufen sind das nicht die ersten Dinge, die mir so einfallen. Und mindestens Kaffee und Zeitungen gibt es an fast jedem Kleinstadtbahnhof in Deutschland. Da brauche ich keinen möchtegernhippen „Einkaufsbahnhof“, und schon gar keine derart bescheuerte Werbung dafür. Mal im Ernst, das ist doch nicht mehr feierlich:

Dufte Mitbringsel. Ein geschickter Zug. Dufte Mitbringsel? Ah, Blumen – Duft – dufte – toll. Ein geschickter Zug? Ist schon klar: Bahnhof – Zug. Humba-humba-täteräää. Damit könnte man auch gleich noch Parfümerien und Drogeriemärkte abdecken, soweit vorhanden. Eventuelle Hundehaufen, in die man reintreten könnte, kriegen den Spruch Dufte Mitbringsel. Ein ungeschickter Zug.

Zügig etwas Aufmunterndes. Schnell nen Kaffee holen und dann zum Zug sprinten. Zügig? Aber natürlich, oho, wir sind ja am Bahnhof. Bahnhof – Zug – zügig. Auf dem Flughafen würde man dann wohl schreiben: Flugs etwas Aufmunterndes.

Als Werbung für das reichhaltige Angebot kohlensäurehaltiger Getränke „in Ihrem Einkaufsbahnhof“ stünde da wahrscheinlich Einfach abzischen oder so. Das wäre mal was Anderes als die ewige Verleiht-Flüüüügel-Geschichte, schließt auch Dosenbier ein und funktioniert ganz unabhängig vom Verkehrsmittel.

Tabakwerbung darf nicht mehr, und weder im Bahnhof noch in den Zügen darf man rauchen, sonst hätte ich da auch noch was Augenzwinkerndes anzubieten: Model mit dicker Zigarre, Spruch: Ein guter Zug.

News in einem Zug durchlesen. Das würde geringfügig umformuliert auch auf dem Spielplatz, bei Glatteis und zu Silvester funktionieren: News in einem Rutsch durchlesen. Oder meinetwegen auf einen Rutsch. Und wenn der Out-of-Home-Channel dermaleinst auch auf der Bahnhofstoilette läuft, heißt es dort dann sicherlich: News zügig auf einer Backe absitzen

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7 Kommentare on “Im Einkaufsbahnhof”

  1. Stefan R. sagt:

    Bei den Preisen, die diese Bahnhofswegelagerer so zu nehmen pflegen, dürfte sich das nur rechnen, weil viele der Läden in diesen Shopping-Malls mit Gleisanschluss auch spät abends sowie sonn- und feiertags öffnen dürfen.
    Ich shoppe, also bin ich – das Credo der konsumfixierten Durchschnittsblitzbirne von heute. Nachts und am Sonntag nicht shoppen zu können, das ist ihr Gulag. Letztens beklagte sich eine (entfernte) Bekannte darüber, dass es so wenig verkaufsoffene Sonntage gäbe. Ich meinte, von mir aus bräuchte es keinen zu geben, es sei ganz gut, wenn mal an einem Tag in der Woche Pause sei. Außerdem sei es nicht gerade angenehm für die Mitarbeiter, am Sonntag arbeiten zu müssen. Die Tante glotzte mich an, als hätte ich soeben versucht, ihr die Relativitätstheorie zu erklären…
    Zu der Kreativität von Ladenpächtern hat sich übrigens Wiglaf Droste sehr nett ausgelassen: http://www.herrenzimmer.de/2009/07/29/im-sparadies-der-friseure/

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  2. gnaddrig sagt:

    Der Herr Droste hat die Wortspielhölle sehr schön beschrieben. Ähnlich verhält es sich übrigens mit den Namen von Erlebnisbädern, da habe ich neulich irgendwo mal was drüber gelesen.

    Aber zurück zum Einkaufen: Ich habe eigentlich nicht grundsätzlich was dagegen, dass es in Bahnhöfen mehr als Zeitungen, Schokolade und Blumen gibt. Sonntags Noteinkäufe machen zu können ist manchmal sogar ziemlich nützlich, aber im Normalfall kommt man gut ohne aus. Allerdings bin ich da vielleicht auch nicht ganz auf der Höhe der Zeit, was das Einkaufen als Zeitvertreib angeht…

    Was mich stört, ist diese gezwungene Hochstilisiererei, als wäre der Bahnhof ein Freizeitpark und nicht eine etwas bessere Haltestelle.

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  3. […] Out-of-Home-Channel informiert unter der Rubrik “Zahl des Tages” immer wieder mal darüber, dass es auf […]

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  4. […] aber man kann nicht alles haben. Wenn man den Bahnhof schon von einem Verkehrsknotenpunkt in ein Einkaufszentrum mit Bahnanschluss umwandeln zu müssen glaubt, kann man sich diese Art der Flächennutzung natürlich nicht entgehen […]

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  5. […] hat man hier auf die sonst übliche allzu offensive Werbung verzichtet und nutzt ein eher konspirativ orientiertes […]

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  6. […] im, hüstel, Einkaufsbahnhof hat mir die dortige Werbemaschinerie ungefragt die folgende Frage […]

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  7. Yadgar sagt:

    @Stefan R.:
    „Letztens beklagte sich eine (entfernte) Bekannte darüber, dass es so wenig verkaufsoffene Sonntage gäbe. “

    Das ist das Problem: zuwenig Zeit! Die Wochen sind zu kurz, die Tage sind zu kurz, die Stunden sind zu kurz! Wir wollen und müssen doch alle immer schnellerschnellerschnellerschneller leben, das geht nur noch mit Beschleunigungsmitteln wie C17H21NO4, am besten intrazerebral durch die Fontanelle direkt rein in die Rübe, das macht noch schnellerschnellerschnellerschnellerschneller, und Bahnfahren ist dabei ja so was von lahm, mit diesem schlappdödeligen ICE durch die Mittelgebirge eiern, nein, da braucht es schon den Transtar Dagger GT (2000 PS, 506 km/h Spitze) und die vom Medellin-Kartell spendierte Privatautobahn…

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