Vermischtes und Bier

Die Mär vom deutschen Herrenvolk ist irgendwie nicht totzukriegen. Der Gedanke hat anscheinend etwas Verlockendes – so mancher wäre wohl gern was Besseres. Rein und edel, mit dem besseren Erbgut ausgestattet, zum Herrschen bestimmt. Eine in Deutschland leider ziemlich virulente Subkultur lebt in oder von diesem Wahn und richtet damit ziemlich viel Schaden an.

Dabei sind die Deutschen ein eher bunt zusammengewürfelter Haufen auf westgermanischer Grundlage. Wie homogen diese Westgermanen als Volk so waren, weiß ich nicht. Sie (oder ihre Vorfahren) sind aber wohl wie der Rest der Menschheit zig Tausend Jahre lang in der Weltgeschichte herumgezogen und dürften sich unterwegs immer wieder mal mit allem vermischt haben, was nicht schnell genug auf den Bäumen war. Im heutigen Süd-, Mittel- und Westdeutschland haben sie dann die dort ansässige keltische Bevölkerung zumindest teilweise assimiliert. Östlich der Elbe haben sie sich mit Slawen vermischt. Außerdem haben im Süden und Westen die Römer und ihre wohl aus dem ganzen Mittelmeerraum zusammengeklaubten Legionen die eine oder andere genetische Fußspur hinterlassen.

Ähnlich sieht es mit anderen germanischen Völkern aus. Die Schweden beispielsweise sind anscheinend aus einer Mischung der schon länger in Skandinavien herumgeisternden Jäger und Sammler und der vor fünf, sechs Jahrtausenden aus dem Nahen Osten zugewanderten Bauern hervorgegangen. Das berichtet die Süddeutsche Zeitung hier unter Berufung auf Ergebnisse, die ein schwedisches Forscherteam um Pontus Skoglund in Science (Bd. 336, S.466, 2012) vorgelegt hat. Später dürften dann irgendwelche völkerwandernden Haufen eingesickert sein und ihre germanische Sprache nebst ein paar Genen dagelassen haben.

Nach besonderer „völkischer Reinheit“ sieht das alles nicht aus, bei den Germanen im allgemeinen nicht und bei den Deutschen im besonderen auch nicht. Bislang ist ja nicht einmal ein halbwegs homogenes indoeuropäisches Urvolk belegt, das man als (mittlerweile natürlich sowieso schon lange verwässertes) Ideal verklären könnte. Da dürfte es schwerfallen, Argumente für eine wie immer zu definierende erbgutbedingte Überlegenheit zu finden.

Die Deutschen sind also eine bunte Mischung ganz gewöhnlicher Promenadenmischungen. Damit befinden sie sich in allerbester Gesellschaft und auf Augenhöhe mit dem Rest der Menschheit. Wollte man alles irgendwie Fremde wegsäubern, bliebe niemand übrig. Die Herrenrasse existiert nicht. In Sachen Reinheit können wir mit unserem Bier bei weitem nicht mithalten.

Nachtrag (20. Juni 2012): Die jetzt verbotenen, vor allem für ihre bizarren, flashmobartigen Fackelzüge bekannten Spreelichter waren Anhänger der Idee eines „reinrassigen deutschen Volkes“. Jetzt haben sie mehr Zeit, beim Bier über die Reinrassigkeit nachzudenken. Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis die wieder auf dumme Ideen kommen…

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4 Kommentare on “Vermischtes und Bier”

  1. […] ist es mit der angeblichen Reinheit der vielbeschworenen “arischen Rasse”, der Germanen und der Deutschen nicht übertrieben weit her. Will heißen, das Deutsche Volk ist nicht besonders homogen, sondern […]

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  2. […] wann das Lang-s zu setzen ist, bleibt ja sonst kaum noch was Deutsches übrig. Außer vielleicht dem Bier, und sogar das kommt ursprünglich aus dem Nahen […]

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  3. gnaddrig sagt:

    Gerade bei Zeit Online ein Interview mit dem Historiker Johannes Fried gelesen, in dem es um „deutsche Werte“ geht, die Abstammung der Leute, die im Lauf der letzten Tausend Jahre zu „den Deutschen“ zusammenwuchsen. Sehr lesenswert: Deutsche: Kommen die Bayern aus dem Orient? Wir sind eine bunte Mischung aus Promenadenmischungen, das romantische Nibelungendeutschland ist eine Mär. Deutschland ist ein Schmelztiegel seit über tausend Jahren.

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  4. gnaddrig sagt:

    Und siehe da, die Spreeleuchten haben sich nicht wirklich in alle Winde zerstreut, sondern sich halbverdeckt neu aufgestellt und arbeiten fleißig weiter daran, ihren völkischen Unsinn unters Volk zu bringen, wie man in den Potsdamer Neuesten Nachrichten nachlesen kann. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt…

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