Gaffer

Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, sind wir bei einem Familienausflug im Auto an einem Verkehrsunfall vorbeigekommen. Nach einer Kurve an einem Ortseingang stand ungefähr 100 Meter vor uns ein Rettungswagen am Straßenrand. Daneben lag ein Motorrad neben einem schräg auf der Straße stehenden Pkw, und ein paar Leute standen drumherum. Mehr konnte ich nicht sehen, weil meine Oma mir sofort die Augen zuhielt. Sie wollte nicht, dass ich mir das allzu genau anschaue.

Ich war stinkig. Wenn auf einer langweiligen Autofahrt schonmal was passiert, will man es doch auch sehen! Das war noch ganz unschuldig – ich wusste natürlich nicht, was da passiert war und was es dort eventuell zu sehen gegeben hätte. Mir wäre es damals gar nicht in den Sinn gekommen, dass es schlecht sein könnte, zu sehen, was es zu sehen gibt. Ich hatte auch gar keine Zeit, zu erfassen, was da passiert war, so schnell hatte meine Oma reagiert. Ich kann nicht sagen, ob der Motorradfahrer überhaupt zu sehen gewesen wäre, und wenn ja, ob da nicht einfach ein auf dem Boden liegender Mensch in Leder zu sehen gewesen wäre oder doch Blut, abgerissene Gliedmaßen und so. Und wenn, ich weiß auch nicht, wie ich das aufgenommen hätte.

Seitdem bin ich an mehr als einem Unfall vorbeigekommen und habe einige Feuerwehreinsätze in der Nachbarschaft erlebt. Fast immer gab es Trauben von Schaulustigen, und manchmal haben diese Leute tatsächlich die Rettungs- oder Löscharbeiten behindert. Nicht aktiv oder in erkennbar böser Absicht. Ich habe nie gesehen, dass sich jemand zwischen die Retter gedrängelt hätte, um einen besseren Blick zu haben. Aber die Menge kreist den Ort des Geschehens fast immer ein und driftet langsam immer näher, bis es den Rettern irgendwann zu eng zum Arbeiten wird. Auf der Autobahn müssen sich Rettungswagen immer wieder durch zähfließenden oder stehenden Verkehr drängeln, weil die Leute erstmal langsam fahren und kucken anstatt Platz zu machen oder die in solchen Situationen (also bei Stau auf der Autobahn) immer noch vorgeschriebene, aber weithin aus der Mode kommende Rettungsgasse zu bilden.

Nun ist Neugier eine ganz natürliche Sache. Außergewöhnliche Ereignisse sind eigentlich immer interessant, und Unfälle egal welcher Art üben eine ganz besondere Faszination aus. Kann ich gut verstehen, das geht mir genauso. Aber man muss dem ja nicht nachgeben. Man sollte sich als erwachsener Mensch soweit im Griff haben, dass man es schafft, vorbeizugehen, nachdem man die Situation erfasst hat. Und dabei kann man dann auch gleich darauf achten, dass man niemandem im Weg herumsteht oder vor die Füße läuft. Durch unachtsame Gaffer verursachte Folgeunfälle sind nämlich auch ein ernstes Problem.

Außerdem: Man stelle sich vor, selbst verletzt auf der Straße zu liegen, und die Leute stehen drumherum und gaffen, während der Notarzt sich durch die passive Menge kämpfen muss. Man liegt da und blutet, während irgendwelche gelangweilten Säcke dem Rettungsdienst im Weg stehen, anstatt anderswo in der Nase zu popeln. Und selbst wenn sie den Rettungsdienst nicht behindern – will man sich von einer sensationsgeilen Meute angaffen lassen, während man notversorgt wird? Natürlich, wenn es um Leben und Tod geht, oder auch nur die körperliche Unversehrtheit, hat man andere Sorgen, da sind einem die Leute ziemlich egal. Aber trotzdem – will man, dass die alle dabei zusehen, wie einem die Kleider vom Leib geschnitten, Infusionen gelegt, Verbände angelegt werden? Mir wäre das grundsätzlich unangenehm, und das würde mir spätestens hinterher bewusst werden, wenn ich versorgt und sicher im Krankenhaus liege.

Und will man, dass später im Internet oder in gewissen Zeitungen Amateurfotos und -videos von dem Rettungseinsatz auftauchen? Vielleicht auch gleich noch davon, wie Angehörige oder Freunde unter Schock danebenstehen oder wie sie später die schlechte Nachricht erhalten und darauf reagieren? Nein, das ist widerlich. All diese Sachen gehen niemanden etwas an. Wenn die Betroffenen solches Material für eine Dokumentation freigeben wollen, bitteschön. Wenn Rettungskräfte ihre Einsätze filmen, um sich gegen spätere Klagen wegen Pfuscherei abzusichern oder um später fundierte Manöverkritik zur Verbesserung ihrer Arbeit halten zu können, gern. Aber alles andere ist eine Schweinerei und gehört vor den Richter.

Ich finde es gut, dass man in den letzten Jahren dazu übergegangen ist, nicht mehr beschönigend von Schaulustigen zu sprechen, sondern das Kind beim Namen zu nennen: Es sind Gaffer. Sie betrachten das Unglück anderer Menschen als Unterhaltung. Sie verursachen dabei gelegentlich Unfälle und u.U. erhebliche seelische Verletzungen. Dafür sollten sie sich gehörig schämen. Ich hoffe jedenfalls, dass ich niemals dazugehören werde.

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In den Wald hineinrufen

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