Vom typographischen Fliegendreck

Der vor allem von seinen Gegnern Deppenapostroph genannte freie Apostroph ist nun schon lange nichts Neues mehr im deutschsprachigen Raum, er ist im öffentlichen Raum allgegenwärtig. Meistens findet man ihn in der Nachbarschaft des Buchstaben s. Laut Duden darf er zur Kennzeichnung der Grundform vor dem Genitiv-s und der Adjektivendung -sch gesetzt werden und gilt damit zumindest in diesen Fällen offiziell nicht mehr als falsch. Natürlich schmeckt das bei weitem nicht jedem. Alle möglichen Leute wüten nicht erst seit gestern gegen die wilde Apostrophensetzerei, und es gibt anscheinend eine ganze Deppenapostrophhasserszene.

Ich finde es zwar bedauerlich, dass so viele Leute es aus welchen Gründen auch immer nicht schaffen, den Apostroph korrekt zu verwenden und offensichtlich auch andere elementare Rechtschreibregeln, etwa zur Getrennt- und Zusammenschreibung, nicht beherrschen. Das treibt bisweilen arg merkwürdige Blüten, macht das Lesen anstrengender und nervt deshalb schon manchmal. Aber so richtig schlimm ist das eigentlich nicht. Auch wenn ich die weit verbreiteten Wissenslücken in Sachen Rechtschreibung bedauerlich finde – sie treiben das Abendland nicht in den Untergang. Sie bringen auch die deutsche Sprache nicht in ein frühes Grab. Und sie rechtfertigen schon gar nicht die oft erhebliche Gehässigkeit mancher Apostrophenschützer.

Schon das Wort Deppenapostroph ist eine Unverschämtheit, weil es gleichzeitig unzutreffend und beleidigend ist. Unzutreffend, weil sich an der Verwendung des Apostrophs nicht ablesen lässt, ob jemand ein Depp ist. Falsche Apostrophe kommen in allen Bevölkerungskreisen vor, bei akademisch gebildeten Leuten genauso wie in den so genannten bildungsfernen Schichten, und Deppen gibt es überall, unabhängig von der Bildung. Die Rechtschreibung nicht zu beherrschen ist jedenfalls kein zwingendes Kennzeichen von Dummheit, und die Rechtschreibung zu beherrschen ist wiederum kein zwingendes Kennzeichen von Nichtdummheit.

Beleidigend ist das Wort, weil sich hier Leute, die den Apostroph korrekt verwenden oder zumindest dessen falsche Verwendung bei anderen erkennen, gegenseitig zu ihrer grammatischen Korrektheit gratulieren und sich über den dummen Plebs mokieren, der nicht einmal den Apostroph korrekt zu setzen weiß und damit die heilige deutsche Sprache meuchelt. Diese Apostrophenschützer beleidigen in ihrer Selbstgerechtigkeit alle Leute, die nicht korrekt schreiben können oder wollen, ungeachtet der Gründe. Und sie machen gleichzeitig alle zu Komplizen, die selbst (meistens eher) richtig schreiben, aber keinen Grund sehen, sich über die zu erheben, die das nicht tun. Diese ganze kleingeistige Blockwarthaltung finde ich ziemlich abstoßend, und mir ist es sehr unangenehm, auf diese Art vereinnahmt zu werden. Eine lesenswerte sprachwissenschaftliche Abhandlung zum Thema gibt es übrigens hier.

Solange die Leute sich verständlich ausdrücken können, ist doch alles in Butter. Ich gehe ja nicht zu dem einen Friseur, weil er so gutes Deutsch schreibt, sondern weil er mit der Schere gut umgehen kann und bezahlbar ist. Und beim Schnellimbiss interessieren mich auch nicht die orthographischen Leistungen des Personals, sondern die Sauberkeit des Ladens und Qualität und Preis des Essens. (Das hält mich natürlich nicht davon ab, mich immer mal wieder über falsch, merkwürdig oder missverständlich Geschriebenes zu echauffieren, obwohl ich mich dabei eher auf Grammatik und Ausdruck stürze als auf die Rechtschreibung.)

Deshalb hätte ich jedenfalls keine Probleme, trotz fehlerhafter Apostrophierung hier etwas zu kaufen:

Die machen Essen, keine Texte. Und für die (soweit ich herausfinden konnte) neue oder bisher jedenfalls noch kaum verbreitete Variante des freien Apostrophs kriegen sie bei mir eher noch Bonuspunkte. Außerdem macht mir der typographische Fliegendreck auf Speisekarten weniger aus als der echte im Essen.

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7 Kommentare on “Vom typographischen Fliegendreck”

  1. Es ist einfach ein Deppenapostroph und wenn ich es falsch verwende stehe ich voll dazu, ein Depp zu sein. So. Das ist zumindest erzaehlmirnix´ Meinung 😀

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  2. gnaddrig sagt:

    Man darf sich natürlich selbst für einen Deppen halten, keine Frage. Man darf das eigene Deppsein auch an der nicht regelkonformen Verwendung etwa des Apostrophs festmachen, und öffentlich kundtun kann man das natürlich auch. Da habe ich überhaupt nichts gegen. Was ich nicht abkann ist, wie manche Rechtschreibwächter pauschal und unbekannterweise alle möglichen Leute zu Deppen erklären, bloß weil sie den Apostroph nicht an die richtigen Stellen gesetzt kriegen. Dabei ist die Textproduktion nun wirklich keine zentrale Aufgabe von Handwerkern, Verkäufern, Ingenieuren usw.

    Mich ärgert die Arroganz, mit der sich manche zu Hütern des Heiligen Grals aufschwingen.

    Du, erzählmirnix, darst aber gern Apostrophen-Depp sein 🙂

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  3. rolf sagt:

    Der falsch gesetzte Apostroph taucht ja besonders häufig auf Beschilderungen der unterschiedlichsten Art auf. Nun soll ein Schild oder eine Hinweistafel ja normalerweise mit knappen Worten für irgendetwas die Aufmerksamkeit gewinnen; es ist meistens irgendeine Art von Werbung, mit der man an eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit geht.

    Da sollte man eigentlich meinen, dass der Urheber oder die Urheberin sich ein paar Gedanken macht. Wär doch gar keine schlechte Idee.

    Wenn dann bei den Gedanken herauskommt, dass man CAFE´ (C – A – F – E und dahinter ein einsamer accent aigu) auf eine Markise druckt oder „Werscht’scher“ auf eine pseudo-hessische Speisekarte, dann ist das m.E. schon eine recht peinliche Fehlleistung.

    Das Apostroph ist sicher das geringste Problem solcher Hinweis- oder Werbetafeln. Aber es ist ein so häufiger und ein so häufig diskutierter Fehler und einer, der so einfach zu vermeiden ist, dass ich die Arroganz der Rechtschreibfans zumindest ein wenig nachvollziehen kann.

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  4. rolf sagt:

    Nachsatz:

    Ich bin auch der Ansicht, dass man einen Handwerker oder Pizzabäcker seine falschen Apostrophe nicht zum Depp machen. Aber ich erinnere mich genau an eine Rechtsratgebersendung in der ARD, an der eine nette junge Dame aus der Redaktion die Chancen irgendeines Klägers mittels hochgehaltenem Schild illustrierte. Auf diesem stund geschrieben „Nicht’s geht mehr“. Das stand da sehr sauber und ordentlich geschrieben, offensichtlich nicht vom Praktikanten fünf Minuten vorher hingekritzelt. Und in einem solchen Fall würde ich dann auch von einer Deppin sprechen.

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  5. gnaddrig sagt:

    @ rolf: Klar, es gibt konkrete Fälle, wo man von Deppen sprechen kann. Redakteure, Volontäre und Praktikanten von Qualitätsmedien sollten das mit dem Apostroph schon hinkriegen oder zumindest wissen, dass es da Regeln gibt, deren Einhaltung man überprüfen kann. Und wenn es um das Bedrucken von Markisen oder Ladenschildern geht, würde ich von dem Anbieter erwarten, dass er offensichtliche Fehler im Text findet und beim Auftraggeber zumindest anspricht. Da ist dann aber eher der Drucker der Depp als der Ladenbesitzer. Wahrscheinlich jedenfalls, weil der Letztere ja auch trotz Hinweisen auf seiner Schreibweise bestanden haben kann.

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  6. gnaddrig sagt:

    Mittlerweile gibt es anscheinend auch ein „Deppenleerzeichen“ und Leute, die sich darüber mokieren. Kristin Kopf dekliniert deshalb am Beispiel des vermeintlichen Deppenleerzeichens nochmal durch, warum das mit Deppen nichts zu tun hat: Das Deppenleerzeichen gibt es nicht: Eine Art Replik.

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  7. Yadgar sagt:

    Nennen wir das Ding doch einfach Katastroph… ach nee, das wäre ja Überdramatisierung, geht also auch nicht!

    Das „Deppenleerzeichen“ ist übrigens ein Stück uralter Usenet-Folklore, dort nennt man es „Plenken“ und ich habe ich schon oft genug über diese Prinzipienreiterei aufgeregt… es muss wohl aus der Steinzeit der Datenfernübertragung stammen, als die Bytes noch per Esel angeliefert wurden und man folglich unter allen Umständen Bandbreite sparen musste – aber jemanden heute, 2017 (oder auch schon 1997) wegen „Plenkens“ zurechtzuweisen ist ja sowas von kleinkariert…

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