Viermal weniger

Neulich ist mir im Supermarkt eine Salami aufgefallen, die recht edel daherkommende Delice de St Agaûne („Nur ein Heiliger kann da widerstehen“) von Bordeau Chesnel. Da stand ganz groß auf der Packung, das Produkt enthalte 4-Mal weniger Fett als eine traditionelle Salami. Wahnsinn, wollte ich denken, viermal weniger Fett!

Aber Moment mal, hat mich mein innrerer Korrekturleser sofort zurückgepfiffen, was soll das denn überhaupt heißen, 4-mal weniger? 4-mal mehr wäre einfach, obwohl das bei einem normalen Fettanteil von 39% natürlich nicht geht – eine Salami kann ja nicht zu 156% aus Fett bestehen. Immerhin, viermal x ist simpel. Man hat eine Bezugsgröße und einen Faktor, das kann im Prinzip jeder Viertklässler nachrechnen. Aber 4-mal weniger? Vielleicht ist das mit der nervigen Mode verwandt, jung statt alt zu sagen, wie in x Jahre jung, y kg leicht, z cm dünn.

4-mal weniger Fett also. Das könnte sowas sein wie das Gegenteil von 4-mal so viel, also 1/4 des als normal angenommenen Wertes. Man würde also nicht mit 4 multiplizieren, sondern mit 1/4. Mal sehen, ob das hinkommt. Konkret hat die Viermal-weniger-Salami 7% Fett. Eine traditionelle Salami von Aoste in demselben Regal hat laut Packung 39% Fett, und das scheint ein halbwegs typischer Wert zu sein.

Da wäre man mit 7 statt 39% Fett höchstens ganz grob in der richtigen Nachbarschaft. 39 durch 7 ist 5,57. Da hätte man also mäßig dreist aufrundend mit fast 6-mal weniger Fett werben können, oder zuallermindest mit 5-mal weniger. Und die Gelegenheit, das Produkt mit diesen höheren Werten in noch besseres Licht zu rücken, hätte sich doch kein Werber bei Verstand entgehen lassen. Kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen. Andererseits, vielleicht liegen dem 4-mal weniger ja intensive Marktstudien zugrunde, denen zufolge der durchschnittliche Fettgehalt aller in Deutschland (oder in der EU oder meinetwegen auch weltweit) verkauften Salami bei 28% liegt. Kann ja sein. Aber das würde auch wieder dem Bestreben zuwiderlaufen, hier mit einem möglichst großen Unterschied im Fettgehalt zu punkten.

Klassische Light-Produkte kann man in diesem Zusammenhang wohl von vornherein vernachlässigen, die Formulierung eine traditionelle Salami klingt jedenfalls nicht nach kalorienreduzierter Wurst. Dass man ausgerechnet die vergleichsweise fettarme Salame Felino als Maßstab gewählt hat, ist auch nicht anzunehmen. Deshalb liegt es nahe, dass man den typischen Fettgehalt von knapp 40% zugrundegelegt hat und eigentlich auf die oben vorgerechnete Zahl hätte kommen müssen. Außer, mit 4-mal weniger ist doch nicht 1/4 gemeint. Wie man auf 4-mal weniger gekommen ist, kann ich so oder so nicht nachvollziehen.

Vielleicht kann mir ein Marketingexperte, Wurstfabrikant oder Lebensmittelchemiker im Publikum erklären, wie die Zahl zustandekommt. Die Formulierung ist jedenfalls unsinnig und wohl auch rechnerisch falsch. Auch wenn die meisten Leute an den allgegenwärtigen sprachlichen Schneematsch dieser Machart gewöhnt sind und die Message deshalb verstehen dürften – es steht eben nicht da, was gemeint ist. Was dasteht ist eine Formulierung, die in der vorliegenden Form schlicht und ergreifend keinen Sinn ergibt.

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5 Kommentare on “Viermal weniger”

  1. […] (Mit erheblicher Genugtuung merke ich ganz nebenbei noch an, dass ich zu dem exklusiven Personenkreis gehöre, der das Verb sich einer Sache entledigen korrekt anwenden kann und das gelegentlich auch tut. Andere Leute scheitern ja schon an Anfängerfragen wie: Kostet es mir oder mich unnötig Nerven? Und wieder andere verbringen viel Zeit mit dem Schreiben von Kolumnen oder Büchern darüber, dass manche Leute etwa den eminent wichtigen Unterschied zwischen gleichzeitig und zeitgleich nicht kennen. Da stehe ich voll drüber. Meistens.) […]

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  2. aurorula a. sagt:

    Hmmmm… mal überlegen.
    Angelehnt an Prozentrechnung „jetzt X Prozent reduziert!“ lässt sich da vielleicht ein Bissl Sinn hineinlesen, allerdings nicht viel.

    Angenommen, ein Trumm kostet 12,50. Dann wird der Preis um 20% reduziert auf 10,00 – was ein Fünftel ist, es kostet jetzt ein Fünftel weniger (von 12,50; 2,50 sind 20% von 12,50). Irgendwann ist das Sonderangebot vorbei, und der Preis wird von 10,00 auf 12,50 erhöht – um 25% (2,50 sind 25% von 10,00). Jetzt kostet es ein Viertel mehr, nicht ein Fünftel; weil der Bezug ein anderer ist.
    Analog ist es mit Prozentangaben ohne konkreten Bezug: sollte ich mich theoretisch an der Börse verzocken und „meine“ Aktien rauschten um 20% in den Keller, müssten sie sich um 25% „erholen“, damit ich meinen Verlust wieder ausgeglichen hätte. Genau wie oben, nur daß es dann für jede 12,50 bzw. jede 2,50 und jede 10,00 einmal gilt.
    So funktioniert, normalerweise, Prozentrechnung.

    Die Extrawurst dagegen wechselt mitten im Satz die Bezugsgröße. Sie enthält 1/5 des Fetts einer nicht fettreduzierten Salami. Okay, 100% sind der Gehalt der anderen Salamis. Das sind 4/5 weniger Fett, immer noch mit dem Fettanteil der anderen Salami als 100%. Dann aber überlegen sich die Salamitaktiker, sie hätten doch lieber den Gehalt ihrer Salami als 100%. Häh??? Das was aus der Salami genommen wurde (4/5) ist viermal soviel wie das was noch drin ist (1/5), schließen sie. Aber das macht ein Fünftel noch lange nicht zu viermal weniger als ein Ganzes, sondern zu vier Fünftel weniger oder 80% weniger oder einem Viertel von vier Fünftel oder eben einem Fünftel ist ein Fünftel ist ein Fünftel.

    Werbetexter können nicht rechnen. Oder zu gut Englisch der Klassiker: don’t drink and derive.

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  3. gnaddrig sagt:

    Wow, ich bin baff. Ganz schön viele Ecken, um die man da denken müsste. Kreative Buchhaltung wäre sicher nicht so mein Ding (ohne dass ich Dir da was unterstellen will natürlich). Stellt sich die Anschlussfrage: Hatte ein Werbetexter den Einfall mit „viermal weniger Fett“ und hat dann der Produktion den Zielfettgehalt für eine neue Salami vorgegeben, oder war es andersherum?

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  4. aurorula a. sagt:

    Das muß ich als Apothekerin erkennen können, nicht mit Geld, sondern in wissenschaftlichen Veröffentlichungen beziehungsweise den Werbeblättchen der Pharmavertreter.
    Die erfinden höchst selten die eierlegende Wollmilchsau, verlassen sich aber oft drauf daß fast niemand sich die Mühe macht und ihren Aussagen hinterherrechnet – und tun dann gerne mit ein paar Rechentricks so als ob.
    Wenn ich jemandem etwas empfehlen möchte muß ich aber wissen, was es konkret tut und ihm letztenendes bringt.
    „Wir haben das an 5000 Leuten mit Schnupfen ausprobiert und die waren ihre Triefnase im Schnitt zwei Tage schneller los als üblicherweise ein Schnupfen dauert“ hört sich nicht gerade werbewirksam an – ist aber das was nach einer solchen Übersetzung beispielsweise konkret übrigbleibt.

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  5. gnaddrig sagt:

    Recht so 🙂

    Das zeigt, wie wichtig guter, einigermaßen praxisorientierter Matheunterricht ist. Mit solider mathematischer Grundbildung kann man solche Sachen wenn schon nicht selbst erfinden dann doch wenigstens nachrechnen oder nachvollziehen.

    Mein letzter Mathelehrer hat versucht, uns zu zeigen, wie man an Alltagsprobleme herangeht, u.U. selbst Formeln entwickelt oder die Plausibilität von Behauptungen abklopft, soweit sie mathematisch greifbar sind. Der Denkansatz hat mir im Leben viel geholfen, auch abseits mathematischer Fragestellungen.

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