Würfelerde

Meine Tochter hat mich letztens beim Gute-Nacht-Sagen gefragt, warum die Erde eigentlich rund ist. Weil das die einfachste Form ist, habe ich spontan geantwortet. Obwohl, ist das ein Grund? Wenn nach dem Urknall irgendwelche Materie wild durch das sich rapide ausdehnende Weltall wirbelt und aus welchen Gründen auch immer anfängt, irgendwodrum zu kreisen, ist es wohl schon irgendwie einleuchtend, dass sie sich früher oder später in Klumpen zusammenballt. Die könnten schon grob kugelförmig sein. Scheiben oder eher flache, fladenartige Gebilde wären vielleicht auch denkbar. Oder Ringe. Um das zu beurteilen kann ich allerdings nicht genug Physik. Bei wissenschaft im dialog steht, dass die annähernde Kugelform deshalb entsteht, weil dann alle Punkte an der Oberfläche ungefähr gleichweit vom Mittelpunkt entfernt sind, was sie wegen der auf alle gleich wirkenden Schwerkraft des Klumpens „wollen“. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können, bin ich aber nicht.

Was wäre denn, haben wir dann laut weitergedacht, wenn die Erde würfelförmig wäre? Das wäre vielleicht eine Frage für what if? von xkcd. Nur mal angenommen, Physik und Himmelsmechanik wären unverändert, aber die Erde wäre ein Würfel. Die Schwerkraft würde – wie jetzt auch – immer in Richtung Erdmittelpunkt wirken. Dann gäbe es in der Mitte jeder Seite des Würfels eine Senke. Alles, was nicht festgemacht ist, würde im Prinzip dorthin rollen. Dort müssten dann Meere sein, alle Flüsse würden dorthin fließen. Die Ecken wären Berggipfel. Je näher man der Ecke käme, desto steiler wäre der Berg, denn je näher man der Ecke kommt, desto mehr weicht die Richtung der Schwerkraft von einer Geraden ab, die senkrecht zum Boden steht.

Die Ecken-Berge wären im Verhältnis allerdings viel höher als die Berge auf der blauen Kartoffel, auf der wir tatsächlich leben. Man müsste nur lange genug bergauf gehen, um praktisch in den Weltraum zu gelangen. Ich vermute mal, dass die Atmosphäre nicht auch würfelförmig wäre – fester Boden mag sich in eigentlich unmögliche Formen zwingen lassen, aber Gas? Wohl kaum. Da würde nicht einmal mehr Reinhold Messner ohne Sauerstoffflasche klettern gehen.

Sicher wäre in der Nähe der Ecken die Fliehkraft größer als auf den höchsten Bergen der runden Erde. Gleichzeitig wäre wegen des größeren Abstands vom Erdmittelpunkt die Schwerkraft messbar schwächer, und man könnte da oben vielleicht phantastische Sprünge machen. Das müsste mal ein Physiker durchrechnen. Man bräuchte auf einem Würfel wohl auch keine Kommunikationssatelliten mehr, man müsste nur einigermaßen hohe Masten bauen und hätte von denen aus Sichtkontakt zu jedem Punkt mindestens der entsprechenden Würfelseite. Jedenfalls unter der Voraussetzung, dass die Seiten nicht allzu hügelig oder zerklüftet sind.

Dann stellt sich die Frage, wie die Erdachse verliefe – durch zwei gegenüberliegende Ecken, durch die Mittelpunkte zweier gegenüberliegender Seiten, oder irgendwie schief quer durch? Der erste Fall dürfte unserer Realität am Nächsten kommen, ein so drehender Würfel wäre eine Art stilisierte Kugel. Im zweiten Fall würden die Polarnächte – bei gleicher Neigung der Rotationsachse der Erde gegen die senkrechte Achse der Ekliptik – ein halbes Jahr dauern. Sie würden auch nicht langsam beginnen und enden wie jetzt, sondern relativ plötzlich, ähnlich als wenn die Sonne hinter einem Berg verschwindet. Es gäbe zwar auch eine dem Einsetzen der Polarnacht bzw. des Polartages vorausgehende Dämmerungsphase, aber die wäre wohl deutlich kürzer, und der Übergang wäre krasser, weil an einem ganz bestimmten Tag die ganze Polarseite des Würfels auf einmal ins dauerhaft Helle bzw. Dunkle kippen würde. Im dritten Fall hätte man wahrscheinlich interessante Effekte in Sachen Sonnenauf- und Untergang, Schatten, Tageszeiten usw.

Wenn die Oberfläche der Würfelerde auch zu 70,7% mit Wasser bedeckt wäre, könnte es sein, dass es viel weniger bewohnbares Land gäbe – wenn die Ecken praktisch bis in den Weltraum reichen und es dort oben kaum noch Atmosphäre gibt, kann man da nicht so ohne weiteres leben. Ich weiß nicht einmal, ob das in der Mitte der Kanten noch ginge. Und wer weiß, wie die Evolution auf dem Würfel verlaufen wäre – vielleicht gäbe es ja noch Dinosaurier, oder wir wären alle grüne Männchen oder so. Vielleicht hätten wir dann eine Weltreligion, der zufolge die Erde Teil des großen intergalaktischen Brettspiels der Götter wäre, und es gäbe eine Einser-Seite, eine Zweier-Seite usw. Die Elite würde natürlich auf der besten, der Sechser-Seite wohnen, jedenfalls bis Hermes das nächstemal würfelt…


3 Kommentare on “Würfelerde”

  1. […] Munroe auf What if? drängende Fragen seiner Leser (erste urkundliche Erwähnung bei mir bereits im August 2012). Damit ermutigt er, vorhandenes Weltwissen anzuwenden und zu erweitern, nimmt den Lesern die […]

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  2. […] dieser Abgefahrenheiten, und obwohl ich selbst ja auch gelegentlich einige Zeit und Energie in eher zweckfreie Überlegungen investiere, komme ich da wirklich nicht mit. Das ist natürlich nicht als Kritik gemeint, im […]

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  3. […] Form und des Ortes zu bestehen – ich finde nichts, das gegen rund und hier spricht (außer hier, aber das ist kein Lied). […]

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