Mannschaftswahl

Über Sinn und Wert von Sportunterricht in der Schule kann man sich streiten. Viele Sportlehrer halten ihr Fach für das Allerwichtigste überhaupt. Im Sportunterricht, heißt es gelegentlich, lerne man am Meisten für das Leben (ähnlich wie später bei der Bundeswehr, in der „Schule der Nation“, dort stehen dann Verpissen, Zeittotschlagen und Kaputtpflegen sperrigen Geräts als zentrale Lerninhalte auf dem Plan). Mehr noch als um die Vermittlung motorischer Fähigkeiten gehe es gerade im Sportunterricht um Zwischenmenschliches: Zusammenarbeit in Teams, gegenseitige Unterstützung, Fairness, Kräftemessen, Aktivierung ungeahnter Leistungsreserven, Besiegen des inneren Schweinehundes. Das alles fördere ein gesundes Selbstbewusstsein und mache das Kind letztlich lebenstüchtig.

So ganz falsch mag das alles ja nicht sein. Es gibt auch gute Sportlehrer, die ihren Schülern tatsächlich Brauchbares vermitteln. Die meisten Schüler dürften das allerdings erheblich weniger idealistisch sehen. Ziemlich viele gehen durch den Schulsport wohl wie durch den meisten Unterricht: Sie machen mit, weil sie müssen. Mal macht es Spaß, mal nicht so. Man reißt sich kein Bein aus, schwimmt halbwegs unauffällig im Mittelfeld mit und lernt gelegentlich ein bisschen was. In der Grundschule ist der Sportunterricht eher eine lange Spiel- und Tobepause unter Aufsicht, in den höheren Klassen lernt man für das Leben so wichtige Dinge wie Barrenturnen, Medizinballkullern, Kugelstoßen oder Ringetauchen. Das ist alles ganz hübsch, aber nicht wirklich von Belang. Jedenfalls sehe ich keinen Grund, den Schulsport für allzu bedeutsam zu halten.

Die (einfach mal so geraten) 0,35% der Schüler, die aufgrund des Schulsports etwa Turnen als Hobby entdecken und dann vielleicht sogar in Turnieren bis hin zu den olympischen Spielen antreten, kann man beglückwünschen und gleichzeitig – weil es so wenige sind – vernachlässigen. Die Schüler, die vorher schon nicht besonders an sportlicher Betätigung interessiert waren und denen es durch den Schulsport gründlich abgewöhnt wurde, fallen da erheblich stärker ins Gewicht. Denen hat der Sportunterricht geschadet – sie trauen sich überhaupt nichts mehr zu und lassen es ganz bleiben.

Dann sind da noch die Schüler, die sich im Schulsport langweilen, in der Freizeit aber auf Skateboards, Inline-Skates, BMX-Rädern u.ä. teils erstaunlich Akrobatisches leisten. Deren Sportarten werden in der Schule oft gar nicht als solche anerkannt, bestenfalls still belächelt, schlimmstenfalls offen lächerlich gemacht. Schade eigentlich, weil man in der Halfpipe ein Maß Körperbeherrschung braucht, das sich jeder Turnlehrer für seine Schüler wünscht oder wünschen sollte. Aber statt dieses Potenzial anzuzapfen und zu fördern, unterdrücken manche Sportlehrer das förmlich. So dürfte der Sportunterricht am Ende mehr Schüler entsportlichen als man sich gemeinhin vorstellt und deutlich weniger Schüler für Sport begeistern als man das gerne hätte.

Aber zurück zum Zwischenmenschlichen. Es gibt in jeder Schulklasse ein paar ganz besonders Tolle. Geborene Anführer, Bestimmer, Meinungsmacher. Meistens laut, dreist, ungehemmt, oft körperlich weiter als die anderen. Geistig selten so unterbelichtet, wie das Klischee es immer behauptet. Die bestimmen, wer und was cool ist, wer dazugehört, was geht. Letztlich entscheiden sie, wer in der Klasse welchen Status hat. Das fängt in der Grundschule an und dürfte zwischen Klasse 5 und 11 am Stärksten ausgeprägt sein.

Dass es solche Meinungsführer gibt, ist wahrscheinlich unvermeidlich. Das ist einfach das Ergebnis ganz normaler gruppendynamischer Prozesse und deshalb auch an sich nicht weiter schlimm. Kritisch wird es erst, wenn man diesen Leuten erlaubt, sich unkontrolliert auszuleben, wenn man ihnen zu viel Raum gibt, wie das in den Schulen meiner Erfahrung nach fast flächendeckend der Fall ist. Und je weniger Lehrer das erkennen, je weniger sie ihre Klassen beratend und steuernd begleiten und da unter Umständen auch mal Grenzen setzen, desto größer ist das Risiko, dass die Meinungsführer sich zu veritablen Tyrannen entwickeln und de facto ihre Klasse beherrschen.

Es kann natürlich nicht Aufgabe der Schule sein, die Erziehungsdefizite der Elternhäuser auszugleichen. Aber die Schule soll den Kindern sozialverträgliches Verhalten beibringen oder sie zumindest zu solchem Verhalten ermutigen. Was sie ganz bestimmt nicht soll ist, unsoziales Verhalten dulden oder gar ermutigen. Genau das passiert aber gerade im Sportunterricht viel zu oft, da kommen die erwähnten Meinungsführer voll zum Zug. Gleichzeitig werden dort regelmäßig und beinahe systematisch Kinder entmutigt und demoralisiert. Das trifft primär diejenigen, die entweder tatsächlich nicht gut in Sport sind, oder das von sich glauben.

** * **

Ein nicht auszurottendes Übel des Schulsports ist die Mannschaftswahl durch die vermeintlich Tollen. Ich weiß nicht, ob die Sportlehrer nicht merken, was da abgeht, ob es ihnen egal ist, oder warum sie sonst immer diese Leute zum Wählen der Mannschaften abstellen. Jedenfalls erhalten die dadurch ganz offiziell erhebliche Macht übertragen, und die nutzen sie natürlich aus. Es werden immer dieselben Kinder zuerst gewählt, und es bleiben immer dieselben als Letzte übrig. Oft genug verhandeln die vermeintlich Tollen ganz offen und ungeniert, wer die vermeintlichen Luschen dann nehmen muss, wobei dann theatralisch deutlich gemacht wird, was für ein großes Opfer es ist, x oder y in der Mannschaft haben zu müssen: „Nimmst Du den x, dann nehme ich den y.“ – „Och nö, nicht schon wieder den x, der kann ja gar nichts! Dann musst Du aber die z nehmen.“

Wer zu den zuerst gewählten 50% gehört, ist fein raus. Die zweite Hälfte aber, und vor allem die letzten zwei, drei, kriegen jedesmal sehr deutlich gezeigt, welchen Status man ihnen zubilligt, wie man ihre Fähigkeiten, zum Erfolg einer Mannschaft beizutragen, einschätzt, und letztlich für wie wertvoll man (also die vermeintlich Tollen) sie hält.

Es kann sehr demütigend und verletzend sein, jedesmal bis ganz zum Schluss stehenzubleiben, während alle mitanhören, wie die Tollen die Nachteile der paar Letzten aufrechnen um festzustellen, wer wen in die Mannschaft nehmen muss. Natürlich wird man solche Situationen nie ganz vermeiden können. Vielleicht kann es auch sinnvoll sein, den Umgang damit zu lernen (obwohl: gerade die Tollen sollten das auch lernen müssen, nicht nur die Unsportlichsten der Klasse).

Es ist der Schule natürlich schlicht unmöglich, die Kinder vor allen Demütigungen zu bewahren. Aber es darf nicht sein, dass solche Demütigungen von vornherein ins System eingebaut werden. Dass ein Kind, bloß weil es nicht so gut in Sport ist (oder weil die Tollen das meinen) sich regelmäßig in die Seele treten lassen muss. Ein System, das dem Vorschub leistet, ist falsch und gehört abgeschafft. Verboten. Man könnte Mannschaften ohne Probleme auch anders zusammenstellen, etwa durch Abzählen der Reihe nach. Tricksereien (durch entsprechende Aufstellung) kann man durch unerwartete Arten des Abzählens konterkarieren. Oder der Lehrer lässt zur Abwechslung die üblicherweise bis zuletzt Übrigbleibenden wählen und setzt deren Wahl dann auch bei denen durch, die sich den Entscheidungen solcher Luschen nicht unterwerfen wollen. Was auch immer.

Es ist ja auch nicht so, dass man auch als Kind nicht ungefähr einschätzen könnte, auf welchem Niveau sich die eigenen sportlichen Leistungen bewegen. Es geht nicht darum, den Unsportlichen ihre Unsportlichkeit schönzureden. Es geht darum, systematische Verletzungen des Selbstwertgefühls auf der Grundlage einer so scheißegalen Kategorie wie Sportlichkeit (oder deren Fehlen) zu verhindern.

Das ist jetzt etwas länger geworden, aber ich hatte mehrmals Gelegenheit, mich über die Sportlehrerin meiner Tochter zu ärgern. Hoffentlich kriegt sie nach den Ferien eine andere…

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9 Kommentare on “Mannschaftswahl”

  1. Danke. Dieser Eintrag ist toll. ich würde sogar so weit gehen, dass solche Wahlen das Mobbing von Schülern noch begünstigen, denn es ruft ja regelrecht dazu auf, eine art Beliebtheitsranking zu erstellen. Dazu ist es einfach völlig unnötig, denn es gibt so viele Zufallsysteme, die letztlich weitaus fairer wären und auch dafür sorgen, dass mal unterschiedliche Schüler zusammenarbeiten und nicht nur die festgefahrenen Grüppchen.

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂
    Das sehe ich auch so. Vielen scheint es aber nicht bewusst zu sein, oder sie finden das nicht so wichtig. („Die sollen sich nicht so anstellen, da muss man eben durch!“)

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  3. Stefan R. sagt:

    Ja und? Hatunsdochauchnichgeschadetdamals! 😉
    Tja, Sportlehrer sind eben Sportlehrer. Trotz aller pädagogischen Qualifikation und Ausbildung schleppt man eben ein Mindset mit sich rum, das unsportliche Menschen als irgendwie defizitär einstuft. Statt zu versuchen, gerade den Unsportlichen Spaß an Bewegung zu vermitteln, kriegen sie die Eselsmütze auf.
    Ich wurde, außer beim Volleyball (da war ich sogar in der Nachmittags- AG), auch oft als Letzter gewählt und hatte exakt einen Sportleher, der die Mannschaften einfach ausloste. Wenn die Tollen dann rumgnadderten, dass sie jetzt mich im Team hätten, dann bekamen die mal eben einen drüber. Dumm nur, dass dann beim Umziehen schon mal die Quittung in Form einer kleinen Mobbingattacke kam…

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  4. gnaddrig sagt:

    Ich war eine Zeitlang auch meistens bis fast zum Schluss übrig, und man sieht ja, was jetzt aus mir geworden ist…

    Dabei war ich beispielsweise in Völkerball ziemlich gut. Konnte zwar weder hart noch genau werfen, aber mich zu treffen war nicht einfach. Ich habe dann oft genug als letzer im Feld die Zeit überbrückt, bis die Cracks dann doch mal einen von der anderen Mannschaft zu treffen schafften. Dafür hatte ich von Fußball null Ahnung, und das war der soziale Tod, sozusagen.

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  5. steve sagt:

    @gnaddrig Kenn ich nur zu gut…

    Guter Beitrag. Warum machen „Pädagogen“ soetwas??? Genauso wie die Leistungsbeurteilung vor versammelter Klasse. Dann am besten nöch mit süffisantem Lächeln. Soooo, da hätten wir dann noch den XYZ. Tja, leider eine 5, du hast es wieder nicht geschafft, streng dich doch mehr an e.c. pp

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  6. gnaddrig sagt:

    Stimmt, da wird ganz oft ganz viel Porzellan unnötig zerschlagen. Bösen Willen würde ich den wenigsten Lehrern unterstellen, aber Unvermögen oder Gedankenlosigkeit sind genauso schlimm. Eigentlich studiert man doch auf Lehramt, um den Umgang mit Kindern und Jugendlichen zu lernen. Und das Porzellan, das da zu Bruch geht, sind – etwas theatralisch formuliert – verletzliche Kinderseelen, und je nach den konkreten Umständen haben die lange was davon.

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  7. […] mit einigem Befremden beobachten durfte, wie ein paar von den Tollen (das sind die, die immer die Mannschaften wählen dürfen bzw. als erste gewählt werden) das Gehabe der jeweils aktuellen Fußballstars […]

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  8. aargks sagt:

    Ich habe immer zu den „zwei Guten“ gehört, die dann den Rest wählen durften (und mich jedesmal geärgert, nicht mit dem anderen „Guten“ in einer Mannschaft spielen zu dürfen). Leider habe ich mich als Schüler nie gefragt, wie das bei „den Schlechten“ ankommt. Ich frage mich das jetzt erst, mit eigenen Kindern.

    Man könnte Mannschaften ohne Probleme auch anders zusammenstellen, etwa durch Abzählen der Reihe nach.

    Genau.

    Es kann sehr demütigend und verletzend sein, jedesmal bis ganz zum Schluss stehenzubleiben

    Das werde ich versuchen, meinen Kids beizubringen.

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  9. gnaddrig sagt:

    Das werde ich versuchen, meinen Kids beizubringen.

    Recht so. Fies an dem ganzen ist auch, dass die Guten meistens ja nichts dafür können. Oft kennen sie diese Zusammenhänge nicht, wissen gar nicht, was sie da möglicherweise anrichten, und wären damit u.U. auch überfordert.

    Ob man sportlich (oder sportbegeistert) ist, hängt von vielen Dingen ab. Ob man (deswegen oder aus anderen Gründen) beliebt ist, vielleicht dazu neigt, Anführer zu sein, ebenfalls. Das ist auch alles nichts per se Übles.

    Aber Lehrer sollten diese Mechanismen kennen und zumindest ein wenig ausbalancieren. Tun sie das nicht, wie in meiner Schulzeit und bei meiner Tochter jetzt auch wieder, dann machen sie die Guten ohne Not zu – hart gesagt – Tätern.

    Klar gibt es Leute, die es genießen, Macht auszuüben und andere kleinzuhalten, auch in der Schule schon. Aber das sind sicher nicht alle, nicht einmal die meisten. Ich hatte einen in der Klasse, der war zwischen seinen Rollen als Rädelsführer einer grenzwertig fiesen Clique und als netter Großer-Bruder-Typ sichtlich hin- und hergerissen. Gar nicht gut, sowas. Umso besser, wenn Du Deinen Kindern was anderes mitgibst! Echt klasse 🙂

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