Der Kettenbrief

Jetzt hat er auch gnaddrig ad libitum erreicht, der Kettenbrief von WordPress unter dem Titel Award. Geschickt hat ihn mir der Kollege 0x0d, und zwar schon vorgestern. Vielen Dank, aber was mache ich jetzt damit? Annehmen? Da hängen ja Bedingungen dran:

1. Das Blog darf nicht mehr als 200 Leser haben, ist also noch in den Kinderschuhen.
Das mit den Kinderschuhen will ich mal überhört haben, aber die 200 Leser unterbiete ich locker. Was allerdings ist mit 200 Leser genau gemeint? 200 WordPress-Follower? 200 Seitenaufrufe laut WordPress-Statistik? Täglich, wöchentlich, monatlich oder wie? Für das ganze Blog oder pro Artikel? Ein derart schwammiges Kriterium muss man erst einmal formuliert kriegen!

2. Man muss über den Award auf seinem Blog berichten.
Das hätte ich hiermit getan.

3. Man muss das Blog des Nominators auf dem eigenen Blog verlinken, damit auch dieses bekannter wird.
Das wäre dann so eine Art erzwungener Linktausch. Diese Linktauscherei ist, finde ich, eine völlig idiotische Sache, eine typischerweise aus der Kombination von fehlverstandener Höflichkeit und unbedingtem Willen zu mehr Seitenaufrufen geborene Unsitte, die gerade in den windigeren Gegenden des Internet grassiert. Irgendjemand hat darüber mal eine herrliche Tirade gebloggt, die ich jetzt aber grad nicht finde.

Das wahllose Verlinken von allem und jedem bläht Blogrolls auf und entwertet sie dadurch. Und bloß weil irgendein Kasper, dessen Ergüsse mich nicht im Geringsten interessieren (Diese Überlegungen sind übrigens völlig allgemeiner Natur, das geht jetzt ausdrücklich nicht an 0x0ds Adresse!), mich in seine Blogroll schreibt, will ich dem seinen Mist doch noch lange nicht selbst auch verlinken müssen! Wer gnaddrig ad libitum gut findet oder aus sonstwelchen Gründen weiterempfehlen will, darf das gerne tun. Aber das ist für mich noch lange kein Grund, denjenigen auch Retour zu verlinken. Wo sollte das denn hinführen, soll ich am Ende noch jedem Spammer eine Plattform bei mir geben, wenn er mich nur verlinkt? Nichts da, das wäre ja noch schöner!

Aber ich schweife ab. Den Nominator soll ich hier also verlinken. Bleibt unklar, ob nur in diesem Artikel oder in meiner Blogroll. Regel Nr. 5 impliziert aber, dass dieser Blogpost gemeint ist – man wird kaum erwarten, dass jeder Award-Preisträger diese fünf Regeln auf einer Extraseite oder in einem Widget dauerhaft an prominenter Stelle vorhält. Und wenn für Regel Nr. 5 dieser Artikel ausreicht, dann doch sicher für Regel Nr. 3 auch! Und für wie lange gilt diese Verpflichtung überhaupt? Ist das unkündbar wie die EU oder ein Premiere-Abo? Egal, 0x0d kann ich guten Gewissens verlinken.

4. Gib den Award an 5 Blogger weiter und berichte ihnen von der Nominierung.
Spätestens hier fängt es an, problematisch zu werden. Die wichtigste, um nicht zu sagen einzige, Bedingung für die Verleihung dieses Awards ist ja die Leserzahl. Und ich weiß nun nicht, wieviele Leser die von mir frequentierten Blogs so haben. Manche haben einen Klickzähler, bei manchen sieht man die Zahl der Follower, bei anderen nicht, glaube ich. Ich könnte dort natürlich per Mail oder Kommentar anfragen, wieviele Leser die in Frage kommenden Bloggerkollegen so haben, wenn ich denn fünf Blogs kennte, denen ich den Award weiterreichen wollte.

Und da hakt es dann endgültig – wo findet man ausreichend Blogs in den Kinderschuhen, denen man auf diesem Wege zu größerer Bekanntheit verhelfen könnte oder wollte? Sie sind ja eben unbekannt. Ich könnte natürlich selbst fünf weitere Blogs aufmachen, aber dann müsste ich im nächsten Zug ja schon fünfundzwanzig kleine Blogs zum Auszeichnen finden. Das wäre ein klassisches Eigentor. Ich nehme mal an, die fünf Blogs sich bis zum Weltuntergang gegenseitig den Award zuschieben zu lassen wäre denkbar, aber sicher nicht im Sinne des Erfinders. Außerdem müsste ich ja dann ständig dieselben Award-Annehm-Artikel schreiben oder ganz zeitgemäß als Selbstplagiat kopieren. Mir fehlt das technische Know-How, um das als Selbstläufer im Stil der automatischen Literaturkritik á la Riesenmaschine einzurichten.

Will heißen, mir fehlen ungefähr fünf Blogs, denen ich den Pokal weiterreichen könnte. Naja, drei. Mein erster Follower, Hanseator, würde den Award natürlich kriegen. Der schreibt zwar selten, es ist aber immer nett. Den Pfeffermatz habe ich kürzlich entdeckt bzw. er mich, der gefällt mir und soll auch nicht leer ausgehen. Dann ist da noch birgitrie mit ihren meistens nachdenklichen Texten. Bei ihr könnte es mit den 200 Lesern allerdings eng werden. Und jetzt gehen mir schon die Nominanden aus. Der Nominant begibt sich in Denkerpose und, ja…

Es steht nirgendwo geschrieben, dass man nur Blogs auf WordPress.com auszeichnen darf, obwohl das offensichtlich eine von WordPress zur Bei-Laune-Haltung von Nachwuchsbloggern ist. Anderswo bloggenden Neulingen will man das dortige Bloggen sicher nicht durch einen von WordPress gesponsorten Award schmackhafter machen. Im Gegenteil wird man, wenn überhaupt, eher hoffen, sie durch die Aussicht auf so einen Award auf WordPress.com zu locken. Als nicht zahlender Nutzer dieser Plattform kann ich da nicht gut querschießen, man hat ja Anstand. Hm, Dilemma.

Wie übrigens soll man den Nominanden von ihrer Nominierung berichten? Nicht jeder schaut zufällig rechtzeitig hier vorbei wie ich vorhin bei 0x0d, von dem ich auch keine gesonderte Benachrichtigung erhalten habe. Das hat was Unausgegorenes.

5. Schreibe diese Regeln auf dein Blog.
s. 2.

Insgesamt sind diese Bedingungen eine kuriose Mischung aus Anforderungen an denjenigen, der den Award weitergibt, und an die Empfänger. Besser wäre es, wenn man ein paar Anforderungen an den Nominator formuliert, die sofort als solche zu erkennen sind, und zusätzlich ein paar Anforderungen an die Nominanden. Dann wüsste ich zum Beispiel, ob ich recherchieren muss, wieviele Leser die Blogs haben, die ich hier auszeichnen will, oder ob die Ausgezeichneten die Annahme des Awards davon abhängig machen sollten, ob ihre Leserzahl tatsächlich noch unter der Schwelle liegt. Ich hätte das so nicht durchgehen lassen, sondern das ganze vor dem Übersetzen nochmal zurück in die Werkstatt geschickt. Aber gut, das wird ja am Ende auch nicht verkauft, und geschenkten Gäulen schaut man bekanntlich nicht ins Maul.

Das wäre dann also erledigt, und jetzt kommen natürlich die ganzen kleinen Dinge, die bei solch einem Anlass zu beachten sind: Wann und wo findet die Verleihung überhaupt statt? Und wo kriege ich bis dahin einen Frack her? Wird erwartet, dass ich eine Rede halte, oder reicht ein knappes „Ja, äh, vielen Dank!“ schon aus? Was passiert, wenn ich einer der fünf Regeln zuwiderhandele, wenn ich etwa den Nominator irgendwann von meiner Blogroll streiche oder von vornherein gar nicht erst fünf andere Blogs nominiere – kommt dann jemand von WordPress und nimmt mir den Award wieder weg? Fragen über Fragen, die ich heute sicher nicht mehr beantwortet kriege.

Deshalb lasse ich jetzt einfach mal die Korken knallen und freue mich über meine überschaubare, aber besondere Leserschaft. Vielen Dank nochmal, besonders an 0x0d!

Nachtrag (29. September 2012): Der Titel dieses Artikels ist nicht ganz zeitgemäß (ein Wort, das ich überhaupt nicht abkann, weil es fast immer völlig nichtssagend verwendet wird, so auch hier). Die Parallelen zwischen dem klassischen Kettenbrief der 1980er Jahre und diesem Award hatten mich zu dem Titel inspiriert, aber den wesentlichen Unterschied, nämlich den Sprung vom Papier ins Internet, ignoriert der Titel. Treffender, sicher auch zeitgeistiger, wäre wohl Kettenbrief 2.0 gewesen. Aber dafür ist es jetzt zu spät…

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5 Kommentare on “Der Kettenbrief”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Wie der Amerikaner sagt: Ich bin rosa gekitzelt! Danke!

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  2. gnaddrig sagt:

    Umso besser, das war auch der Sinn der Übung 🙂

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  3. birgitrie sagt:

    ein verspätetes, aber umso herzlicheres DAAAANKEEEEE! http://birgitrie.wordpress.com/2012/09/29/ausgezeichnet-yippie/

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  4. gnaddrig sagt:

    Och, verspätet ist anders, das hätte vielleicht Ende Oktober angefangen. So richtig eilig ist das mit dieser Art Award doch nicht 🙂

    Nachtrag (21:16): Was als verspätet zu gelten hat, müsste sich aus der durchschnittlichen Häufigkeit neuer Artikel auf dem Blog ableiten lassen. Bei jemandem, der zweimal täglich was veröffentlicht, müsste man nach zwei oder drei Tagen von verspätet reden. Bei jemand, der alle zwei Monate was bloggt, müsste man sich schon die zwei Monate und ein paar Tage gedulden, bevor man meckern kann. Oder so ähnlich.

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  5. […] nicht mal anständig was zu meckern, anders als beim letzten vor gut zwei Jahren, bei dem es viel mehr zu zerpflücken […]

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