Zielgruppe ignoriert

Meine Tochter hat zum Geburtstag einen Webrahmen der Marke goki („Kindgerechter Spielwert und liebevolles Design“, Art.-Nr. 58.988) geschenkt gekriegt. Das Gerät hat ungefähr DIN A4-Format und ist einigermaßen sauber verarbeitet. Das macht zunächst einen guten Eindruck. Leider liegt keine Bedienungsanleitung bei, die den Namen verdient.

Natürlich lag in der Schachtel ein Heft mit Text, und zwar jeweils eine Seite auf Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Niederländisch, Dänisch, Italienisch und Portugiesisch. Der deutsche Text ist eine einwandfrei formulierte Einführung in die Grundlagen des Webens. Knapp, trocken und sehr technisch. Soweit ich beurteilen kann sowohl inhaltlich als auch sprachlich fehlerfrei. Bloß versteht das dummerweise kein Kind:

Beim Weben werden zwei Fadensysteme, die im rechten Winkel zueinander stehen, miteinander verflochten. […] Die Anordnung der Kettfäden ermöglicht es, einen Teil der Fäden so anzuheben, dass eine Öffnung entsteht – das Fach – in das der Schussfaden eingetragen wird. […]

Der Schussfaden ist endlos, der Eintrag – Schuss – erfolgt von einer Seite zur anderen hin und beim nächsten Schuss wieder zurück. Jeder eingetragene Schuss muss an den vorangegangenen mit dem Blatt angedrückt werden. So entsteht nach und nach das Gewebe.

Wenn ich nicht grundsätzlich ungefähr wüsste, wie Weben funktioniert, müsste ich mich schon sehr konzentrieren, um dem halbwegs folgen zu können. Das mag ein perfekter Fachtext für Ingenieure oder sonst irgendwelche Fachleute sein, Grundschüler werden damit kaum etwas anfangen können. Außerdem, und das ist das Beste, vermeidet der Text sorgfältig jeden Hinweis darauf, wie das Gerät denn nun praktisch benutzt wird.

Der Satz Die Anordnung der Kettfäden ermöglicht es, einen Teil der Fäden (…) ist eine grundsätzliche Feststellung, und als solche zwar korrekt, aber irreführend. Dieser Webrahmen hat nämlich außer dem Blatt keine beweglichen Teile. Es gibt also gar keine Vorrichtung, um einen Teil der Kettfäden anzuheben, also ein Fach zu bilden. Stattdessen muss man zum Eintragen des Schusses den Schussfaden mit dem Schiffchen wie mit einer Stopfnadel durch die Kettfäden hindurchfädeln und dabei die Kettfäden abwechselnd oben und unten passieren. Das wurde aber offenbar nicht für erwähnenswert gehalten.

Der Satz Der Schussfaden ist endlos (…) beschreibt zwar schon, wie das grundsätzlich funktioniert – da muss ein Faden hin und her quer durch die Kettfäden praktiziert werden. Aber es bleibt ziemlich abstrakt. Wie man das tatsächlich macht, steht da nicht. Man erfährt auch nicht, welcher Teil des Webrahmens wie heißt. Was hier das Blatt ist, muss man raten oder anderswo nachschlagen. Ebensowenig wird erklärt, wie man den Kettfaden auf den Rahmen zieht und befestigt, und wie man hinterher das Gewebe vom Webrahmen nehmen soll, ohne dass sich dabei alles wieder aufdröselt. Solche Banalitäten muss man Grundschulkindern wohl nicht erklären. Dass man die Kettfäden abschneiden und dann irgendwie verknoten muss, können die sich sicher selber denken.

Dann steht da allerhand Grundsätzliches über das Weben an sich, die grundlegenden Bindungen (Leinwand, Köper, Atlas) und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile:

Aus diesen drei Grundbindungen sind alle weiteren Bindungen entwickelt. Es gibt hunderte von Möglichkeiten zur Veränderung und Musterung. Welche Bindung gewählt wird, richtet sich nach dem Gewebe, das hergestellt werden soll. Jede Bindung hat spezifische Eigenschaften, die genutzt werden müssen. Man braucht beim Gewebe Eigenschaften wie z.B. Haltbarkeit, Dichte, Strapazierfähigkeit; bei anderen Wärme, Weichheit oder auch Glanz, Glätte, Duftigkeit usw., die durch die Art der Verkreuzung in Verbindung mit dem Material herbeigeführt werden müssen.

Leinwandbindung ist dicht und fest, Köper weicher, schmiegsamer, je nach Material jedoch auch haltbarer. Die Atlasbindung ist glatt, man kann Glanz erreichen bei Materialien wie Leinen oder Seide. Für einen Entwurf müssen also Material und die Struktur der Bindung koordiniert werden.

Das ist sicher alles richtig, aber es kommt bei einem Spielzeugwebrahmen, mit dem man ungefähr topflappengroße und eher grobe Gewebe herstellt, nicht wirklich zum Tragen. Und welche Materialien mit welcher Bindung kombiniert welche Effekte ergeben, wird – wenn man das mal ganz wohlwollend wertet – allenfalls kurz angerissen, aber nicht so, dass der Leser mehr weiß als dass er jetzt erstmal drei Dutzend Kombinationen durchprobieren muss, um einschätzen zu können, was er genau braucht. Aber zur Handhabung des Geräts findet man in dem ganzen Text kein Wort. Kein. Einziges. Wort.

Es ist schon ein Kunststück, einen derart fachsprachlichen Text über das Weben mit Webrahmen zu schreiben und die Bedienung des Webrahmens dabei auch nicht ansatzweise zu erklären. Es grenzt an eine Unverschämtheit, so einen Text Kindern zuzumuten. Aber es ist purer Hohn, eine solche kommunikative Fehlleistung mit den folgenden Worten abzuschließen: Jetzt hast Du bereits eine Menge über das Weben erfahren und kannst gleich beginnen, Dein erstes Gewebe herzustellen. Wir wünschen Dir dabei viel Freude!

Der einzige Hinweis darauf, wie man solch einen Webrahmen benutzt, ist eine Skizze auf der Außenseite des Heftes und ein Foto auf der Schachtel:

zielgruppe_ignoriert

Mehr als ein vager Hinweis ist das aber auch nicht. Als Bedienungsanleitung für einen Webrahmen, den Kinder benutzen sollen, ist mir das deutlich zu mager. Nun werden Kinder solche Geräte wohl überwiegend in der Schule unter Anleitung einer Lehrkraft benutzen und deshalb auch keine gedruckte Bedienungsanleitung benötigen. Aber dann hätte man sich das ganze Begleitheft auch sparen können, denn Handarbeitslehrer wissen bestimmt sowieso, wie Webrahmen funktionieren.

Immerhin enthält das Heft kein pseudopädagogisches Gewese darüber, was das Spiel mit dem Webrahmen alles fördert, etwa Hand-Auge-Koordination, räumliches Denken, Farbsinn, Kreativität, Disziplin und Durchhaltevermögen, Gründlichkeit und dergleichen mehr. Das ist ja immerhin schon etwas. Eigentlich ist das heutzutage nämlich schon bei Babyrasseln de rigeur. Dabei könnte das Fehlen einer brauchbaren Bedienungsanleitung die Kreativität der kleinen Besitzer fördern: Weil man partout nicht herausfinden kann, wie mit diesem Webrahmen gewebt werden soll, könnte man versucht sein, nach anderen Verwendungsmöglichkeiten zu suchen. Und das könnte irgendwann zu allerhand interessanten Erfindungen führen, wer weiß…

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2 Kommentare on “Zielgruppe ignoriert”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Die Bedienungsanleitung scheint offenbar für den Erziehungsberechtigten oder den Webpädagogen gedacht zu sein, obwohl derart technische Formulierungen bei Spielzeugen auch für Erwachsene völlig fehl am Platz sind. Und das der „Schussfaden endlos ist“, mag ich einfach nicht glauben, egal was ein Schussfaden sein mag.

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  2. gnaddrig sagt:

    Endlos im eigentlichen Sinne ist der Schussfaden natürlich nicht. Ein wirklich echt, mathematisch gesehen endloser Faden wäre nur noch durch ein Perpetuum Mobile zu toppen. Aber der Schussfaden geht in dem Gewebe ja immer hin und her, und wenn man nur mit einer Farbe arbeitet, enthält das Gewebe dann nur ein einziges, recht langes Stück Schussfaden, das dann zwischen seinen beiden, an jeweils gegenüberliegenden Ecken des fertigen Stücks Gewebe liegenden Enden schon sowas wie endlos ist, gerade im Vergleich zu den vielen Stücken Kettfaden, die nach Abnehmen des Gewebes vom Rahmen nur unwesentlich länger sind als das Gewebestück.

    Nichtsdestotrotz muss ich natürlich die Formulierung „sowohl inhaltlich als auch sprachlich fehlerfrei“ revidieren. Sieht nicht gut aus für die Autoren von goki…

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