Autofrei

Nachdem die letzte Woche hier recht autolastig war, geht es jetzt erstmal mit dem Fahrrad weiter. Das Fahrrad ist aus guten Gründen ein recht beliebtes Fahrzeug, es soll in Deutschland über 70 Millionen Stück geben. Die meisten Fahrräder sind erschwinglicher als die meisten Autos, sie gelten als deutlich umweltfreundlicher, verbrauchen weniger Platz in den Städten und verhelfen den Leuten zu mehr Bewegung an der frischen Luft.

Der ehrenwerte Freiherr von Drais hätte sich sicher nicht träumen lassen, auf welche technischen Höhen man seine Erfindung dermaleinst bringen würde. Eine ganz großartige Verbesserung war natürlich der Schritt vom Laufrad zum eigentlichen Fahrrad mit Pedalen, Ritzeln und Kette. Ein weiterer großer Sprung kam mit der Erfindung der Gangschaltung. Und dann gibt es da noch die ganzen eher unspektakulären, aber nützlichen Kleinigkeiten wie Bremsen, Klingel, Beleuchtung, Klammern für die Hosenbeine, Drahtspeichen, Luftreifen, Gepäckträger usw. Alle diese Entwicklungen haben das Fahrrad benutzbarer und vielseitiger gemacht. Ohne sie wäre es kaum zu dem praktisch allgegenwärtigen Verkehrsmittel und Sportgerät avanciert, als das wir es kennen. Hut ab vor allen Tüftlern, Erfindern und Geldgebern, die das ermöglicht haben!

Im Gegensatz zum Fahrrad ist der Radfahrer eher unbeliebt. Der Radfahrer wird oft pauschal als rücksichtsloser Verkehrsrowdy wahrgenommen. Er schert sich einen Dreck um die Verkehrsregeln, schießt schonmal bei rot schräg über vielbefahrene Kreuzungen, fährt ungeniert auf Bürgersteigen, natürlich viel zu schnell und auf der falschen Straßenseite, und hat obendrein noch die Dreistigkeit, alte Omas und Leute mit Kinderwagen aus dem Weg zu klingeln. Er fährt bei Dunkelheit entweder ganz ohne Licht oder mit diesen idiotischen LED-Blinkdingern, die wahrscheinlich epileptische Anfälle auslösen und zumindest älteren Verkehrsteilnehmern das richtige Erkennen des Fahrrads als solches sowie das Erfassen von Position und Fahrtrichtung schwer bis unmöglich machen. Radfahrer sind im Straßenverkehr im wesentlichen Störfaktoren, schlimmer als Fußgänger, fahrbare Stereoanlagen und Baustellen zusammen.

Ein weiteres Problem mit Radfahrern ist, dass sie ihre Geräte überall – aber ÜBERALL – abstellen. An Gartenzäunen, Bäumen, Verkehrsschildern stehen Fahrräder. Sie wuchern Fußgängertunnel zu, verstopfen Gehwege, Toreinfahrten und sogar die Haupteingänge mancher Großstadtbahnhöfe. Gelegentlich werden sie an den Stangen festgeschlossen, an denen die Fahrräder-abstellen-verboten-Schilder hängen. Selbst wilde Drohungen und radikale Maßnahmen der örtlichen Obrigkeit zeigen keine große Wirkung, jedenfalls nicht lange.

Fahrräder, die zu lange irgendwo abgestellt sind, werden dann irgendwann zum Ersatzteillager, zum Objekt für im weitesten Sinne künstlerische (meist – ahem – dekonstruktivistische) Betätigung oder auch einfachen Vandalismus. Am Ende sind sie bloß Müll, den wegzuräumen sich niemand bemüßigt fühlt. Die Überreste solcher Fahrräder haben manchmal sogar etwas Poetisches an sich, sie regen zum  Nachdenken über den Sinn des Lebens und die Vergänglichkeit allen Seins an.

Manchmal begegnen einem bei der Betrachtung abgehalfterter Drahtesel aber auch Merkwürdigkeiten:

 

Zwischen den beiden Aufnahmen desselben Fahrrads liegen 50 Tage und reichlich 1,5 Kilometer quer durch die Stadt. Auf dem ersten Bild links ist das Rad mit Sicherheit nicht mehr fahrbereit. Wie kommt es also an die zweite Stelle? Wer trägt kaputte Fahrräder anderthalb Kilomenter durch die Stadt? Ist hier eine Flanders and Swann Tribute Band mit einer urbanen Neuauflage der Bedstead Men* (Text) unterwegs?

Egal, manchmal bleibt trotz guter Schlösser nicht viel übrig:

Und wenn was übrig bleibt, hilft einem das oft genug auch nicht wirklich:

Obwohl, damit könnte man vielleicht noch Einrad fahren üben…

*Ich bin mir natürlich im Klaren darüber, dass die hier verlinkte Darbietung der Bedstead Men bei weitem nicht an das Original von Flanders and Swann herankommt. Das kann man sich glücklicherweise – und eigentlich ist gnaddrig ad libitum ja ein werbefreies Blog, aber hier muss ich wirklich eine Ausnahme machen, Flanders and Swann sind einfach unvergleichlich, weitere Empfehlungen auf Anfrage – für 99 Cent bei amazon als MP3 kaufen.

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5 Kommentare on “Autofrei”

  1. gnaddrig sagt:

    Wieso fällt eigentlich niemandem auf, dass hier jemand ein Schrottfahrrad zweimal im Abstand von mehreren Wochen fotografiert? Es war ja beim ersten Treffen kaum anzunehmen, dass das Gerät später an anderer Stelle nochmal auftauchen würde (und nein, ich habe das Ding nicht quer durch die Stadt geschleift). Ich verbringe auch meine Tage nicht damit, durch die Stadt zu streifen, alles zu fotografieren und mit allem abzugleichen, das ich schonmal fotografiert habe.

    Es war nun so, dass ich beim erstenmal das malerisch-traurig-kaputte Rad fotografiert habe, weil ich dachte, das könnte ich mal zu einem Artikel verwursten, wie auch immer. Später ist mir dasselbe Rad dann anderswo begegnet und ich habe das malerisch-traurig-kaputte Rad fotografiert, weil ich dachte, das könnte ich mal zu einem Artikel verwursten. Beim Sortieren meiner Fotos malerisch-traurig-kaputter Fahrräder ist mir dann aufgefallen, dass ich dasselbe Rad zweimal abgeschossten hatte. Mir war beim zweiten Fotografieren nicht bewusst, dass ich das schon einmal gesehen hatte.

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  2. Zeitungsgruppe sagt:

    Hallo. Können Sie auf dieser Seite bitte mal eine E-mail Adresse eingeben, damit wir sie kontaktieren können. Wir haben Fragen zur Vewendung des einen Fotos mit dem kaputten Fahrrad. MfG

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  3. gnaddrig sagt:

    Steht auf der Seite „Was das hier soll“ unter „Kontakt“.

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  4. Yadgar sagt:

    Nun ja, Fahrräder wechseln ja gerne für relativ kleines Geld ihren Besitzer (mein letztes neu gekauftes Fahrrad liegt schon 23 Jahre zurück, und selbst das war ein Auslaufmodell und Weihnachtsgeschenk, hat mich also nichts gekostet), entsprechend achtlos werden sie von ihren Zweit-, Dritt-, Viert-… -Besitzern behandelt, wenn sie mal auf freier Strecke kaputt gehen. Und mitunter müssen sie nicht einmal kaputt gehen – im Frühling 2004 durfte ich mir mal einen Pentium 90-PC aus Köln-Worringen gratis abholen… das liegt am äußersten nördlichen Ende des Kölner Stadtgebietes, und der Computer stellte sich als zu sperrig für das Kettler-„Daxi“-Alurad heraus… also schloss ich das Rad (das ich mich selbst fünf Jahre zuvor gebraucht gekauft hatte) kurzerhand am nächsten Laternenmast fest und vergaß es… keine Ahnung, was aus ihm geworden ist.

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  5. gnaddrig sagt:

    Ja, und wenn das Ego dann doch größer war als das Fahrvermögen kommt „mein“ Cabrio oben, die Reste von der Straße schieben..

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In den Wald hineinrufen

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