Traumgespinste

Meine Jüngste meinte neulich beim Gute-Nacht-Sagen, es wäre doch gut, wenn man Sachen aus Träumen mitbringen könnte. Wenn man zum Beispiel von einem großen Haus ganz aus Schokolade träumt und man kann das dann in die Wirklichkeit mitnehmen. Eine interessante Idee, da verstehe ich schon, wie sie drauf kommt und warum sie das gut fände.

Auf den ersten Blick klingt das natürlich völlig utopisch. Träume sind wahrscheinlich nur eine Art Artefakte, die das Gehirn beim nächtlichen Ablegen des im Lauf des Tages Erlebten produziert. Man hat auf Träume keinen Zugriff, außer man ist sie selbst am Träumen. Schon nach dem Aufwachen sind sie meistens nicht mehr recht greifbar, allenfalls unscharf in Erinnerung, wenn überhaupt.

Andererseits ist das, was im Gehirn so abgeht, gar nicht so unzugänglich, wie der Volksmund sich das seit Jahrunderten vorstellt. So soll es schon vor Jahrzehnten jemand geschafft haben, die eigenen Gedanken direkt in Originalgeschwindigkeit mitzustenografieren. Ich weiß nur nicht mehr, wo ich das gehört habe und wer das gewesen sein soll. Aber egal, wenn das stimmt, hat man dann schon einen direkten, schnellen Draht aus der Gedankenwelt in die Wirklichkeit. Und mittlerweile gibt es die Möglichkeit, Geräte per Gedanken zu steuern. Dazu werden wohl Gehirnströme gemessen und interpretiert. Man trainiert das Gerät bzw. die Software auf bestimmte Muster oder Kurven von Gehirnströmen, die bei bestimmten Tätigkeiten oder Gedanken auftreten.

Damit kann sogar jemand vollständig Gelähmtes durch Anschauen der entsprechenden Buchstaben auf einem Monitor diese Buchstaben am Computer „schreiben“. Ähnlich können auch andere Geräte gesteuert werden. Da ist man noch eine Stufe tiefer im Gehirn als beim bewussten Mitstenografieren. Und diese Entwicklung ist noch lange nicht ausgereizt, immerhin arbeitet IBM an einer Art echter Gedankenleserei.

Was wäre aber, wenn man mit solcher Technik Träume gewissermaßen mitlesen könnte? Will heißen, ich träume etwa das Haus aus Schokolade, und der an mein Gehirn angeschlossene Computer generiert ein 3D-Modell von diesem Traumhaus. Das würde ungeahnte Möglichkeiten in Sachen Erfindungen und Erkenntnisse eröffnen. Man lässt einfach den Computer mitlesen, was man so träumt. Hinterher sichtet man das oder lässt eine Suchmaschine drüberlaufen, um brauchbare Ideen zu isolieren und gegebenenfalls zu verwerten.

Man hätte endlich eine Möglichkeit, all die genialen Ideen und Offenbarungen, die einem im Traum oder auch unter der Dusche so kommen, festhalten und verwerten zu können. Gewöhnlich hat man die ja vergessen, bis man was zum Schreiben organisiert und sich soweit abgetrocknet hat, dass man sie aufschreiben könnte. Das ist immer besonders ärgerlich, wenn man noch genau weiß, es war genial und potentiell weltbewegend und hatte mit xy zu tun, aber die Details kriegt man nicht mehr zusammen. Da ist so mancher nobelpreiswürdige Geniestreich im Abfluss versickert.

Eine andere Möglichkeit wäre, direkt einen 3D-Drucker anzuschließen. Der baut mir zwar nicht das Haus aus Schokolade, aber immerhin ein 3D-Modell aus was auch immer er zum Drucken benutzt. Und wenn es heute schon Fotos in Vierfarbdruck auf Schokolade gibt, kann man in nicht allzuferner Zukunft solche Schokoladenhäuser vielleicht wirklich nach Traumvorlage direkt aus Schokolade ausdrucken lassen.

Das würde spätestens dann spannend werden, wenn ich etwa von Alpträumen heimgesucht werde. Dann hätte ich morgens die ganzen Monster oder was da sonst so vorkam neben dem Bett stehen. Da stellt sich natürlich gleich die Frage, ob und wenn ja wie man Träume entweder filtern oder steuern kann. Wenn der Computer mitliest, könnte er die Träume sicher in Echtzeit analysieren und mich bei Alptraum gleich wecken. Oder, nächster Schritt, den Traum beeinflussen, entschärfen, in gefälligere Gefilde dirigieren (dann gäbe es bestimmt bald eine florierende Traum-Abo-Industrie mit ganzen virtuellen Welten).

An dieser Stelle sind wir schon in voller Sichtweite von Googles Cyborgifizierungsplänen für die Menschheit – alles ist Computer, und der Computer ist alles in allem (eine Suppe, in der Apple bekanntlich auch eifrig am Rühren ist), und spätestens jetzt wird es gruselig. Die geplante augmented reality mag ja ihre guten Seiten haben, aber so ganz überzeugt bin ich noch nicht, zumal diese Szenarios zwar immer in den leuchtendsten Farben ausgemalt werden, hinterher aber doch viel hakeliger laufen als vorher angekündigt und oft genug unkalkulierbare Nebenwirkungen haben.

Diese Visionäre wollen alle am Paradies bauen. Die teilweise ziemlich beängstigenden Möglichkeiten des Missbrauchs und Schiefgehens blenden sie dabei oft bequem und fahrlässig aus. Bisherige Erfahrungen mit technischen Fortschritten lassen jedenfalls befürchten, dass das ganze irgendwann ganz heftig ins Dystopische abrutscht, womit wir wieder bei den Alpträumen wären. Man muss ja an der Matrix nicht unbedingt selbst mitbauen, und als Truman Burbank würde ich mich ganz sicher nicht wohlfühlen.

Vollends verrückt würde es mich aber machen, wenn irgend eine Scheißmaschine jedes Wort, das ich von mir gebe, als Mensch-Maschine-Interaktion fehlinterpretieren würde und mich ums Verrecken nicht in Ruhe ließe. Eines der allerwichtigsten Bauteile von Computern ist immer noch der Netzschalter! Damit kann man den Kasten ausschalten, und ohne Strom bleibt er auch aus und gut ist. Ich will auch weiterhin selbst entscheiden können, wann ich vom Rechner unterstützt werde und wann nicht. Darum träume ich im Normalfall lieber auch weiterhin zu Fuß, schreibe meine Geistesblitze von Hand auf und lasse die Schokoladenhäuser im Traumland.


5 Kommentare on “Traumgespinste”

  1. Das klingt wie die Grundidee eines Zukunftsromans im Gattaca-Stil^^

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  2. gnaddrig sagt:

    Vielleicht bin ich ja doch ein Genie?

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  3. gnaddrig sagt:

    Ein paar interessante Gedanken zur Google-Brille gibt es übrigens hier

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  4. tinyentropy sagt:

    Besonders darf man das Unbewusste in uns nicht unterschätzen:

    Es ist eine krasse Vorstellung, dass jemand mit Geräten das uns selbst gar nicht bewusste auslesen könnte. Was würden wir über uns erfahren? Würden wir uns davon und somit von uns selbst distanzieren?

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  5. Yadgar sagt:

    Gab es nicht in den 1990ern mal einen Film von Wim Wenders zu genau diesem Thema?

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