Grenzwertiges

Neulich ist mir in einem Schaufenster ein Plakat aufgefallen, das für einen Mid Season Sale warb. Da stand „-30% -50% und mehr“ drauf.Gewundert habe ich mich über das und mehr. Wenn man schon minus dreißig Prozent, minus fünfzig Prozent schreibt, warum dann noch und mehr dazu, bzw. warum dann nicht gleich den höchsten gebotenen Rabatt? Es würde doch durchaus Sinn machen, das beste Angebot möglichst lautstark in die Welt zu blasen, damit jeder sieht, wie geil man hier abstauben kann. Die -50% hätte ich als unbedarfter Normalkonsument zunächst auf jeden Fall als eine Art Obergrenze verstanden, als den besten Rabatt, den es in diesem Mid Season Sale gibt.

Aber diese Aktionen werden erstens nicht von unbedarften Normalkonsumenten aufgesetzt, sondern von ausgebufften Marketingstrategen. Und sie werden zweitens natürlich auch nicht für unbedarfte Normalkonsumenten gemacht, sondern für rabattgeile Sparfüchse, die für ein paar Paybackpunkte ihre Großmutter verkaufen würden. Es ist ja allgemein bekannt, dass Schnäppchenjagen der deutsche Nationalsport ist. Und vor diesem Hintergrund ergibt sich ungefähr das folgende Bild:

Das Plakat soll den Jagdinstinkt des deutschen Schnäppchenjägers wecken. Der soll im Laden möglichst lange nach dem höchsten Preisnachlass suchen. Idealerweise beschäftigt der Laden ein paar Aushilfskräfte, die als Kunden verkleidet ständig Artikel mit 70 oder 80% Rabatt zur Kasse tragen und sich darüber laut unterhalten. Da kann man als preisbewusster echter Kunde natürlich nicht anders, als auch so ein Teil aufspüren zu gehen. Und wenn man dann was mit 55% findet, glaubt man irgendwie, man habe den Laden überlistet und einen besseren Deal an Land gezogen, als die Nulpen von dem Laden sich das vorstellen konnten. Man ist also hochzufrieden, weil man 55 statt 50 Euro Preisnachlass gekriegt (also 55 statt 50 Euro gespart [sic!]) hat. Dass man das Teil überhaupt nicht brauchen kann, fällt da kaum ins Gewicht.

Dann habe ich mich gefragt, ob da statt minus dreißig nicht vielleicht bis dreißig usw. gemeint war. Ein kurzer Blick ins Internet – Google, Suchbegriff „bis zu“ „% und mehr“ – zeigt, dass Formulierungen dieses Strickmusters tatsächlich vorkommen, und zwar nicht eben selten. Eine kleine, willkürliche und nicht repräsentative Auswahl:

Das ist sprachlicher Schneematsch, wo ein klar umrissener Inhalt mit irgendwelchen lieblos dahingeschluderten Sprachfetzen zum Ausdruck gebracht werden soll. Mit „bis zu x“ wird ganz klar eine Obergrenze angegeben. Demnach müsste bei x Schluss sein, normalerweise jedenfalls. Nicht so bei Schluss-, Vorschluss-, Saisonmitte- und Einfach-mal-so-Verkäufen. Gemeint ist natürlich, dass man – wie eingangs ausgeführt – nicht einfach nur schnöde 30% Rabatt gewährt, oder immerhin schon mäßig interessante 50%. Nein, da geht noch viel mehr, bei 50% fängt es erst richtig an.

Das ist die schriftliche Version des Straßenverkäuferwortschwalls: „Aufgepasst, meine Damen und Herren. Ich verkaufe ihnen das xy nicht für 100 Euro, nicht für 50 Euro, nicht für 30 Euro. Nein, bei mir kriegen Sie das für 19 Euro 95, und da lege ich noch ein yz dazu. Nur heute, nur hier, verehrte Damen und Herren. Nutzen Sie diese einmalige Gelegenheit und…“

Der Straßenverkäufer nennt einen utopisch hohen und natürlich rein fiktiven Preis, um dem Publikum vorzugaukeln, es könne richtig viel Geld sparen, wenn es jetzt zulangt und kauft, solange das Ding statt 100 nur 20 Tacken kostet und man noch was dazukriegt. Analog nennen die Läden in ihren Schaufenstern verschiedene, wie willkürlich aus der großen Menge herausgegriffene Preisnachässe, um dann noch eins draufzulegen. Mit „bis zu“ soll suggeriert werden, dass das jetzt ja schon ein gewaltiger Preisnachlass ist, der aber natürlich – wir sind hier auf Sensationstrip – im Laden nochmal getoppt wird. Kommen Sie nur herein, da werden Sie staunen! Da fällt so eine kleine grammatische Ungenauigkeit nicht weiter ins Gewicht. Man braucht die Obergrenze, um sie dann publikumswirksam durchbrechen zu können. Hat der Marketinguru so gesagt.

In Wirklichkeit kann die Formulierung „bis zu x% und mehr“ aber nur eine von zwei Botschaften transportieren. Entweder: Wir belügen Euch sowieso, die suggerierte Obergrenze stimmt gar nicht. (Die angepriesenen Preise meistens auch nicht.) Oder: Glaubt uns nicht, wir haben sowieso keine Ahnung, wovon wir hier reden. Hauptsache die Kasse stimmt am Ende.

Dass Einzelhändler Geld machen wollen, ist dabei natürlich keineswegs verwerflich. Dafür betreiben sie ja ihre Läden. Und dass sie dabei auf die von professionellen Werbern ausbaldowerten Konzepte und Methoden zurückgreifen, leuchtet auch ein, sogar wenn diese gelegentlich ins Halbseidene abgleiten. Interessant wird es aber, wenn man diese Denkart auf andere Bereiche anwendet und Grenzwerte generell nicht als solche auffasst, sondern als Sprungbretter.

Das könnte sich dann so lesen: Das Mindestalter für diesen oder jenen Film ist 18 Jahre oder weniger. Der gesetzliche Grenzwert für Alkohol am Steuer ist 0,5‰ oder mehr. Die außerorts zulässige Höchstgeschwindigkeit ist 100 km/h oder mehr. Für eine Geschwindigkeitsübertretung von x km/h gibt es Bußgeld und y Punkte in Flensburg, oder mehr. Am Ende würde jemand noch die Telefonnummer um ein paar Prozent aufstocken oder von der Kreditkartennummer 30% abziehen – wer weiß, auf was die noch alles kommen. Alles ist denkbar, fast nichts unmöglich…

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In den Wald hineinrufen

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