Bauzaun

Manchmal sieht man ja Sachen, die gar nicht wirklich da sind. Man muss nur lange genug auf einen Terrazzoboden schauen, dann kann es passieren, dass man in dem unregelmäßigen schwarz-weiß-und-etwas-bunten Gewimmel alle möglichen Dinge zu sehen glaubt: Gesichter, Tiere, Monster, Bäume, Landschaften, was auch immer. Mir geht das jedenfalls oft so, am ehesten wenn es nicht allzu hell ist.

Als Kind fand ich das beängstigend, ähnlich wie die sich zu unheimlichen Gestalten verdichtenden Umrisse von irgendwelchen harmlosen Sachen in dunklen Zimmern. Im Vor- und Grundschulalter kann sowas ganz schön bedrohlich wirken. Gelegentlich hatten diese wie aus Nichts auftauchenden Bilder fast schon etwas Alptraumhaftes für mich. Mittlerweile macht mir das Phänomen keine Bange mehr, obwohl ich im Terrazzo gelegentlich immer noch schräge oder wirre Dinge sehe. (Terrazzolesen™ wäre übrigens eine hervorragende und bisher völlig unverbrauchte Methode für Wahrssager! Anfragen wegen Franchise oder Lizenzen bitte per E-Mail.)

Ich habe es allerdings noch nie geschafft, dasselbe zweimal zu sehen. Auch wenn ich mir die jeweilige Stelle genau merke (einmal habe ich sie markiert, ein anderes Mal fotografiert), finde ich beim zweiten Hinschauen das Bild nicht wieder. Keine Chance. So manches Interessante ist so aus dem Terrazzo unseres Badezimmers aufgetaucht und nach einem Augenblick für immer wieder darin verschwunden. Da war ein Detektiv mit Schlapphut, Gesicht im Schatten, nur die Nase und die Kippe ragten aus dem Halbdunkel. Ein schief grinsender Vampir. Eine buckelnde Katze. Eine verbeulte Tuba. Wurzelsepp, Bergschrat, ein paar Hexen, eine Gitarre, ein Wasserfall. Und nein, ich hatte nichts geraucht.

Wer weiß, wie die Bilder zustandekommen, die man da sieht. Eigentlich sind es ja nicht einmal Bilder. Ich weiß natürlich, dass ich da nur zufällig zusammenwürfelte weiße, schwarze, braune usw. Steinchen sehe. Wahrscheinlich spielt einem die Mustererkennung im Gehirn da Streiche und produziert visuelle Assoziationen mit bekannten oder imaginierten Dingen. Vielleicht – Freud lässt grüßen – verrät einem das, was man da zu sehen meint, etwas über das eigene Selbst, Über-Ich, Unbewusste, was auch immer. Da müsste ich vielleicht mal einen Fachmann fragen. Obwohl, so genau will ich das jetzt auch gar nicht wissen.

Egal, bedeutungslose Muster gibt es jedenfalls nicht nur auf Terrazzo. Auch Holzoberflächen haben häufig – je nachdem, wie gesägt wurde – interessante Linienmuster. Dass ich nicht der einzige bin, dem sowas auffällt, wird an diesem Bauzaun deutlich:

Der Geselle ist dort übrigens nicht allein, ein paar Meter weiter schleicht seine, naja, Katze (vielleicht war es auch ein verkleideter Gremlin) durch die Maserung:

Eigentlich hätte ich das gern selbst gesehen und gemalt, aber HPS ist mir da zuvorgekommen. Hut ab vor diesem Blick für Linien!

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2 Kommentare on “Bauzaun”

  1. […] bietet so eine Sperrholzwand viel Platz für interessante künstlerische Betätigungen, man kennt das. Hübscher als eine hinter Drahtgitter präsentierte schlammige und vollgemüllte Baustelle […]

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  2. […] manchmal auch Ineinander von Menschengemachtem und Natur bringt hin und wieder interessante oder skurrile Dinge hervor. Wer auf dem Land wohnt oder sich gelegentlich dort aufhält, kennt sicher […]

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In den Wald hineinrufen

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