Die Ausleuchter

Verschwörungstheorien sind seit Jahren schon voll der Renner. Die US-Regierung beispielsweise soll das ominöse Area 51 seit Jahrzehnten abriegeln, weil dort angeblich Ufos gelandet sind und seitdem Außerirdische herumspazieren. Deren galaktische Spaceschokolade will die Regierung nicht mit dem eigenen Volk und schon gar nicht mit dem Rest der Welt teilen. Dass das so ist, steht außer Frage – obwohl es Dutzende Organisationen und Vereine gibt, die sich die Aufklärung dieser Sauerei auf die Fahnen geschrieben haben, obwohl es mittlerweile zahlreiche Insiderberichte mit der wirklichen Wahrheit™ im Internet gibt und Herr von Däniken sich die Finger wundgeschrieben hat über das Thema, ist es immer noch eines der bestgehüteten Geheimnisse unserer Zeit. Die Vertuscher sind dabei so raffiniert, dass sie alle diese Berichte nicht löschen, die betreffenden Insider nicht verschwinden lassen und ihre Organisationen nicht verbieten. Andernfalls würde die Öffentlichkeit ja Lunte riechen. So versteckt man die wirkliche Wahrheit kackfrech vor den Augen der Welt.

Ähnlich läuft es mit den Chemtrails. Das ist eine noch bessere Verschwörung, weil sie im Gegensatz zu den Spielereien im Area 51 nicht auf der absoluten Verschwiegenheit von wenigen hundert oder höchstens ein paar tausend Leuten beruht. Um die wirkliche Wahrheit der Chemtrailgeschichte angemessen geheimzuhalten, müssen insgesamt viele tausend Mitarbeiter von Regierungsstellen, Hightech-Firmen in Flugzeug- und Gerätebau und in der Chemieindustrie, Zulieferern, Wartungsfirmen, Logistikfirmen usw. in aller Welt mitmachen, stillhalten und in aller Heimlichkeit ihrem bösen Tun nachgehen. Einem Tun, das ihnen und ihren Familien selbst natürlich auch schadet. Aber gut, wer böse genug ist, kriegt das hin, so die Theorie. Dass das im Wesentlichen Unsinn ist, dürfte klar sein. Details kann man z.B. auf Contrail Science nachlesen.

Weniger verschwörungstheoretisch belastet, dafür in Wirklichkeit beängstigend, ist das Potential der technischen Überwachung praktisch des gesamten öffentlichen Raums und zunehmend auch der Privatsphäre, das in den letzten Jahren entsteht. Da gibt es die technischen Möglichkeiten, aus den Bewegungs- und Kommunikationsdaten von Handys Bewegungsprofile und vieles mehr zu erstellen. Die Möglichkeit, das von Firmen wie Google detailliert aufgezeichnete Internetverhalten jedes Menschen, die aus Facebook auslesbaren Angaben, die Kundendaten aus den Datenbanken von Versandunternehmen, die Kontobewegungen, die erwähnten Telekommunikationsdaten, vielleicht auch noch die auf der Gesundheitskarte hinterlegten Daten zur Gesundheit zusammenzuführen und daraus ein Register völlig gläserner Bürger zu bauen. Wahrscheinlich könnte man Einzelpersonen – eine ausreichend große Datensammlung vorausgesetzt – durch Abgleich einer relativ kurzen Reihe bekannter Aufenthaltsorte und -zeiten mit den vorhandenen Bewegungsprofilen recht zuverlässig identifizieren. Das ist doch das Paradies für Rasterfahnder!

Geoffrey K. Pullum schreibt auf Language Log, diese Art der totalen Überwachung sei unwahrscheinlich. Nicht weil interessierte Stellen in den Regierungen nicht böse genug seien, es zu versuchen, sondern weil sie schlicht nicht kompetent genug sind, das hinzukriegen:

You may say I’m not paranoid enough about government intrusion and snooping, but I say that a civilization in which it is all but impossible to get duplicate entries out of junk mail address databases is not a civilization that is going to be able to figure out how to correlate your pornography rentals, golf club memberships, gas bills, and political leanings. I’m not saying they aren’t evil enough to do it; I’m saying they’re too incompetent to do it.

[Meine Übersetzung:] Man mag meinen, ich sei nicht paranoid genug was Verletzungen der Privatsphäre und Schnüffeleien seitens der Regierung angeht. Ich halte dagegen, dass eine Zivilisation, in der es praktisch unmöglich ist, Dubletten aus Anti-Spam-Datenbanken zu entfernen, kaum in der Lage sein wird, jemandes Ausleihhistorie bei der Pornovideothek, die Mitgliedschaft im Golfklub, Tankstellenrechnungen und die politische Ausrichtung zueinander in Beziehung zu setzen. Ich sage nicht, dass sie dafür nicht böse genug sind; ich sage, dass sie dafür zu inkompetent sind.

Wahrscheinlich hat er recht, das Debakel um den missglückten Staatstrojaner stützt seine Position recht eindrücklich, sowohl was die Bösartigkeit als auch was die Inkompetenz angeht. Wahrscheinlich wird es also in absehbarer Zeit keine flächendeckende Schnüffelei von Seiten der Regierungen geben (obwohl die chinesische Regierung allem Vernehmen nach ihr Bestes tut und auch verschiedene nahöstliche Regierungen auf dem Gebiet Erstaunliches leisten sollen). Trotz ausgesprochen problematisch gestalteter Anti-Terror-Dateien und trotz der im letzten Jahr bekannt gewordenen Pannen beim Verfassungsschutz dürften wir im rechtsstaatlichen Deutschland da relativ sicher sein (zumindest diejenigen, die sich nicht als allzu weit linksaußen outen und nicht an Sitzblockaden o.ä. teilnehmen). Aber die technischen Möglichkeiten sind durchaus gegeben, und die Begehrlichkeiten auch. So gibt es immer wieder Vorstöße von Innenministern und Sicherheitsbehörden, umfassenderen Zugriff auf immer umfangreichere Datensammlungen zu erlangen und dabei gern auch die teilweise Aushebelung grundgesetzlich garantierter Menschenrechte in Kauf zu nehmen (INDECT lässt grüßen).

Das ist eine Entwicklung, die mich persönlich mit großer Sorge erfüllt. „Wer nichts Unrechtes tut, hat nichts zu verbergen“ ist ein denkbar schlechtes Argument für diese Art der Überwachung. Denn wer legt denn fest, was unrecht ist? Derzeit das Grundgesetz und ein paar Regalmeter überwiegend demokratisch gebastelter Gesetze. Aber das kann sich ändern. Wir wissen nicht, wer in ein paar Jahren oder Jahrzehnten das Sagen hat. Wer weiß, wann wir in einem Polizeistaat aufwachen.

Und damit zum eigentlichen Thema. Eingangs hatte ich zwei sehr beliebte Verschwörungstheorien erwähnt, die ich völlig hanebüchen finde. Niemand, der logisch denkt, kann ernsthaft an diesen Unsinn glauben, da gibt es zu viele Lücken, An-den-Haaren-Herbeigezogenheiten und unhaltbare Prämissen. Ich möchte hier aber eine eigene Verschwörungstheorie vorstellen. Eine, die die Welt nicht braucht und, um das gleich vorweg zu sagen, an die ich selbst nicht glaube.

Mehr und mehr Leute benutzen Notebooks, Tablet Computers und Smartphones. Praktisch alle diese Geräte haben mindestens eine Kamera. Viele zwei – eine als Hauptkamera für atemberaubende Fotos, und eine als Zweitkamera für Videotelefonie und solche Sachen. Man kann diese Kameras zwar abschalten, aber weiß man, ob sie dann wirklich aus sind? Es ist hinlänglich bekannt, dass Sicherheitsbehörden Handys orten und per sogenannter stiller SMS bestimmte Funktionen auslösen können, ohne dass der Besitzer das merkt. Ich sehe keinen vernünftigen Grund zu der Annahme, bei anderen Mobilgeräten sei das anders. Man kann also davon ausgehen, dass die Sicherheitsbehörden ebenso wie interessierte Hacker grundsätzlich Zugriff auf die Kameras sämtlicher internetfähigen Geräte haben können. Dazu kommt, dass viele Leute sich ganz sorglos alle möglichen Apps von zweifelhaften Anbietern auf die Geräte ziehen und sich nicht weiter darum kümmern, was diese Apps eigentlich so treiben. Das ist schon keine Hintertür mehr für Schnüffler, sondern eine gut ausgeleuchtete Einfahrt.

Dann ist da noch IPv6 mit seinem gigantischen Adressraum. Damit wird die Hürde für die Anonymisierung von IP-Adressen höher als im praktisch aufgebrauchten IPv4, wo man mit den vorhandenen IP-Adressen sorgfältig haushalten musste. Es stehen neuerdings soviele IP-Adressen zur Verfügung, dass jeder Kugelschreiber, jedes Taschenbuch, jedes Paar Schuhe eine eigene stabile IP-Adresse kriegen kann, und wenn genügend internetfähige Dinge mit eigener IP-Adresse einem Individuum zugeordnet sind, kann man die Person noch viel leichter verfolgen und noch viel mehr über das Verhalten herausfinden. Es muss nicht so kommen – wer weiß, wie mit IPv6 tatsächlich umgegangen wird, aber die Möglichkeiten sind zunächst vorhanden.

Ich habe Leute gesehen, die die Kamera ihres Notebooks abgeklebt hatten, wohl aus solchen Überlegungen heraus. Meine Theorie setzt genau da an. Die finsteren Bürgerausleuchter wissen natürlich, dass man diese Kameras einfach abdecken und ihnen damit die direkte Sicht nehmen kann. Um das zu vermeiden haben sie dafür gesorgt, dass diese Kameras nicht einfach herkömmliche optische Kameras sind, sondern auch Infrarot und mindestens einen weiteren Frequenzbereich lesen können, der durch Klebeband, Aufkleber und ähnliche Materialien nicht abgeschirmt wird. Will heißen, abgeklebte Kameras liefern z.B. Infrarotbilder an die Ausleuchter, die für Gesichtserkennung, Lügendetektorei u.ä. genauso tauglich sein dürften wie herkömmliche Bilder. Dass das bisher noch nicht bekannt geworden ist, spricht – behaupte ich mal in bester verschwörungstheoretischer Manier – für die hohe Wichtigkeit, die dieser Überwachungskanal für die Ausleuchter hat.

Jetzt ziehe ich mich wieder mit Alufolie auf dem Kopf und ohne elektronische Geräte in meine Bleikammer zurück und warte auf den ersten unterdrückten Insiderbericht über die Vertuschung der tatsächlichen Spezifikationen sämtlicher Handy-, Tablet- und Notebookkameras. Und auf den ersten Anbieter briefmarkengroßer Stückchen Bleiblech zur wirklich sicheren Abdeckung von Kameras.

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3 Kommentare on “Die Ausleuchter”

  1. tinyentropy sagt:

    Ich möchte jeden warnen, hier einen Kommentar zu hinterlassen. Dieser Artikel ist Teil einer grossangelegten Verschwörung der Aluminiumfolien produzierenden Industrie, ach, was sage ich, dem Aluminium-Politisch-Militärisch-Humoristischen-Komplex. Ich will es klar sagen; jeder, der hier postet begibt sich in Gefahr. Kauft einfach weiter Eure Alufolienpackungen und geht kein Risiko ein. Auch mein Post wird sich in Kürze selbst zerstören. Jeder, der ihn noch zu lesen bekommt, hat Glück gehabt und sollte sich gewarnt fühlen. Falls mein Kommentar nicht im Vorfeld der Zensur zum Opfer fällt. In diesem Sinne! Nehmt Euch in acht.

    „Mit vernetzten Grüssen“, um mal berühmte Worte zu zitieren

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  2. gnaddrig sagt:

    Scheiße, durchschaut. Leute, wie kriegen wir das auf die Schnelle verschleier? Schreib hier mal schnell jemand was Passendes!

    knister
    Jetzt war ich fast versucht, zu sagen: „Wenigstens einer, der mich versteht!“ Aber das ist bestimmt nur der erste Baustein der von IHNEN konzertierten Vertuschungsaktion. Wenn hier ab jetzt nur noch harmlose Sachen stehen, wisst Ihr, warum. Da ziehen SIE im Hintergrund ihre Fäden.

    Scheiße, ist diese dämliche Alufolie schon wieder gerissen!

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  3. gnaddrig sagt:

    Irgendwie will ich IHNEN, wenn SIE schon ungefragt auf die Kameras meiner Mobilgeräte zugreifen, halbwegs deutlich sagen, was ich davon und von IHNEN halte. So ähnlich, wie angeblich manche Leute beim Telefonieren auch immer einen freundlichen Gruß an die Mithörer vom Verfassungsschutz richten (ähnliches wird auch aus Russland und den KGB bzw. FSB berichtet). Keine Ahnung, ob das stimmt, aber egal. Man könnte anstelle schnöden Bleiblechs eine Schachtel vor die Kamera kleben, deren Seiten so lichtdurchlässig sind, dass die Kamera ein Bild erfassen könnte, das an der Rückwand der Schachtel angebracht ist. Und was man da dann für ein Bild hinhängt – ja, da sind der Fantasie eigentlich kaum Grenzen gesetzt. Ich warte also, dass „die Märkte“ es richten und auf einschlägig interessierten Seiten Bastelanleitungen oder Bausätze angeboten werden.

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