Pädagogisch besonders wertvoll

Letzte Woche ist uns der Herbst- und Winterkatalog von livipur ins Haus geflattert. Das ist ein mir bisher nicht bekanntes Versandhaus für Kindersachen, ähnlich wie jako-o. Da gibt es Kleidung, Spielzeug, Möbel, jahreszeitlichen Schnickschnack und sonst alles mögliche für Kinder. Das sieht großenteils ganz nett aus und ist ansonsten nicht weiter bemerkenswert. Die Versuche, Mütter und Töchter im Partnerlook auszustaffieren, wirken etwas gezwungen. Außerdem: Welche erwachsene Frau mag sich im Alltag ernsthaft genauso wie ihre schreibunte Kindergartenprinzessin anziehen, und sei es nur auf dem Weg zum Kindergarten? Das ist fast so schlimm wie Micky-Maus-Schlafanzüge oder Hello-Kitty-Socken für Erwachsene. Aber gut, manchen mag das gefallen.

Interessant ist das sogenannte Titelangebot. Eine etwa fußballgroße, halbkugelförmige Schale aus Keramik zum Feuermachen. Das Ding heißt Zwergenfeuer und wird so vorgestellt:

Alle Kinder sind neugierig auf Feuer. Damit umzugehen, es zu beherrschen, es spielerisch zu erleben und seine Gefahr einzuschätzen, gibt ihnen Selbstvertrauen. Unsere Erfahrungen mit Kindergärten und Kindergruppen haben gezeigt, dass Kinder mit dem Zwergenfeuer den sicheren Umgang mit Feuer erlernen können und großen Spaß daran haben, dem Feuer zuzusehen, Würstchen zu grillen oder Stockbrot zu backen. Diese Erkenntnisse sind für die Entwicklung pädagogisch besonders wertvoll. Beheizt wird das Zwergenfeuer mit Anzündholz (z.B. aus dem Baumarkt) und natürlich auch mit selbst gesammelten Zweigen und Ästen.

Immerhin, da hat wer getextet, der es kann: Mit Feuer umzugehen macht Spaß und ist nützlich, mit dem Zwergenfeuer kann man das lernen, man braucht Holz dazu. Soweit so gut.

Natürlich ist das Ding nicht unverzichtbar. Auf dem Katalogbild steht das Zwergenfeuer beispielsweise auf steinigem Boden, wo man auch ohne Feuerschale ein allen Sicherheitsansprüchen genügendes Lagerfeuer bauen könnte. Das hätte den zusätzlichen Nutzen, dass dann auch nichts umkippen kann, man nicht auf sehr kleines Holz beschränkt ist und hinterher auch keinen glühend heißen Keramiktopf mitschleppen oder auf tragbare Temperatur abkühlen (lassen) muss. Aber gut, die wollen ihre Feuerschale verkaufen, da werden sie natürlich nicht mit Lagerfeuer à la nature werben, logisch.

Außerdem hat nicht jeder Gelegenheit, einfach so draußen ein Feuer zu machen. Mancher will den repräsentativen Vorzeigegarten nicht mit wildem Feuer versauen. Andere haben gar keinen Garten und müssen mit einem asphaltierten Hinterhof oder einem Balkon Vorlieb nehmen. Denen sagt man hier sinngemäß: Das Zwergenfeuer ist ein unter bestimmten Umständen nützliches Ding, wenn man mit Kindern echtes Feuer machen will und nicht am Yukon wohnt. Städter aufgepasst, hier gibt es ein Scheibchen Abenteuer für den Balkon. Keine schlechte Sache, das!

Ich störe mich aber trotzdem an der Formulierung für die Entwicklung pädagogisch besonders wertvoll, und zwar wegen der gebetsmühlenartigen Betonung des pädagogischen Werts. Der ganze Spaß, den die Kinder haben können, wirkt dabei irgendwie vorgeschoben, weil es in Wirklichkeit darum geht, die Kinder zu fördern, dass die Schwarte kracht. Der Spaß ist nur der Köder, mit dem man die Kleinen zum Lernen, zur Selbstverbesserung, zur möglichst umfassenden Vorbereitung auf das für später vorgesehene Leistungsträgersein kriegt, ohne dass die das selbst merken.

Wohlgemerkt: Ich habe nichts dagegen, dass man sich Lerneffekte zunutze macht, die sich beim Spielen ganz nebenbei ergeben. Auch nichts dagegen, dass man Spielumgebungen in vernünftigem Maß nach pädagogischen oder didaktischen Gesichtspunkten gestaltet, um diese Lerneffekte zu maximieren. Gerade in Kindergärten und Schulen wäre man angesichts dünner Personaldecken und generell knapper Ressourcen ja dumm, ohne Not auf solche Effekte zu verzichten. Wenn Kinder (und natürlich Erwachsene) beim Spielen nebenbei noch was lernen, ist das ganz unstrittig eine gute Sache.

Aber hier wird versucht, die Eltern zu manipulieren. Kauf dieses Ding, höre ich es wispern, und Dein Kind wird fitter für’s Leben. Ohne dieses Ding könnte es dieselben Sachen wohl auch lernen, aber nicht so einfach, oder es wäre unter Umständen aufwändiger. Lieber jetzt die 50 Euro hinlegen und die Lerneffekte damit praktisch im Sack haben, als ohne dieses Ding weiter auf’s Geratewohl wertvolle Lernzeit zu verschwenden. Das ist manipulativ und grenzt haarscharf an falsche Versprechungen. Und zwar nicht, weil das Zwergenfeuer nicht tatsächlich sinnvoll einsetzbar wäre, sondern weil mit dieser vom Zeitgeist diktierten Einstellung noch jede Rolle Klopapier pädagogisch überhöht wird, und weil dann nichts mehr einfach nur so passieren darf, sondern vor allem im Rahmen von Förderprogrammen, Entwicklungsplänen und Optimierungsstrategien gesehen wird und jeder Schluckauf einen messbaren Lerneffekt nach sich ziehen muss.

Das riecht für meine Begriffe viel zu sehr nach straff durchorganisiertem Spaßstundenplan, wo neben Ballett, Reiten, Schach, kreativem Malen und Kinderyoga (die Blagen müssen ja beizeiten lernen, sich von dem ganzen Freizeitstress angemessen und standesgemäß zu erholen) auch ein wöchentlicher Slot für Outdoor-Aktivitäten steht. Die sind plangemäß wild, ungezähmt, besonders vätertauglich (da können auch den Zwängen der modernen Arbeitswelt unterworfene, workoholische 60-Stunden-die-Wochen-Anzugträger vergleichsweise mühelos aus dem Stand punkten).

Bei diesen durchgestylten Outdoor-Events werden natürlich Schnappschüsse für das Familienalbum geschossen, die man dreißig Jahre später auch den Enkeln vorführen kann. Da holt Opa vielleicht in einem Anflug von Nostalgie das alte Zwergenfeuer aus dem Keller und geht mit dem dann aktuellen Kurzen ein pädagogisch besonders wertvolles Feuerchen im Garten machen.

Wenn die beiden Glück haben, hat der Opa sich bis dahin durch Einsicht ein bisschen entschleunigt und sieht das ganze nicht mehr so eng. Ich tät’s ihnen wünschen. So ein Lagerfeuer, das vor allem Lagerfeuer sein und Spaß machen darf, ist nämlich klasse!

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3 Kommentare on “Pädagogisch besonders wertvoll”

  1. Stefan R. sagt:

    Ich bewundere es immer wieder, wie diese Ökofirmen es verstehen, den total nachhaltig lebenden Eltern die Kröten aus der Tasche zu ziehen.

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  2. gnaddrig sagt:

    Sie verstehen offenbar, wie die Kundschaft tickt.

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  3. […] ganz wichtiger, praktisch unverzichtbarer Punkt wäre dabei Outdoor-Aktivitäten (Zwergenfeuer, Mountainbiken,…). Der Personaler sieht dann Zwergenfeuer und denkt befriedigt, dass der […]

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