Dümmster anzunehmender User

Seit heute haben wir einen neuen Küchenwecker. Der alte war dem Spieltrieb der Kinder zum Opfer gefallen. Die Mikrowelle hat zwar auch so ein Ding eingebaut, aber ab 10 Minuten kann man den nur im Fünfminutenintervallen verstellen. Wer denkt sich eigentlich so einen Mist aus? Außerdem kann man die Mikrowelle nicht mitnehmen, wenn man anderswo beschäftigt ist, wo man das doch recht verhaltene Piepsen der Mikrowelle leicht überhört. Einen Küchenwecker kann man mitnehmen.

Unsere Neuanschaffung im Retrodesign (ungefähr das, was bei Autos der neue Fiat 500 ist) wurde natürlich mit einer Bedienungsanleitung geliefert. Wo sonst sollte der Hersteller (Zassenhaus) sich beim Kunden bedanken, dass Sie sich für diese (sic!) Kurzzeitmesser entschieden haben. Ich bin auch der Aufforderung gefolgt und habe die Bedienungsanleitung vor dem ersten Gebrauch sorgfältig durchgelesen. Das mache ich eigentlich fast immer. Ob ich sie auch, wie anschließend gefordert, gut aufbewahren werde, weiß ich noch nicht.

Die eigentliche Bedienungsanleitung beginnt mit einer für sich genommen mäßig aufschlussreichen Zeichnung des Geräts. Wenn man den Wecker aber danebenhält, versteht man schon, wie das zusammenhängt. Dann kommt der Text, den ich hier vollständig zitiere:

Funktion

Den Kurzzeitmesser am Verstellring bis zur 55 Minutenmarke im Uhrzeigersinn drehen und dann zurück auf die gewünschte Zeit einstellen. Auf diese Weise erreichen Sie die maximale Dauer des Alarms. Den Verstellring nie aus der Nullstellung gegen den Uhrzeigersinn drehen, da sonst das Uhrwerk beschädigt wird.

Da habe ich nur Kleinigkeiten auszusetzen. Den Uhrzeigersinn hätte ich vor die 55-Minutenmarke (mit Bindestrich!) gesetzt, weil man sonst beim Lesen schon anfängt zu drehen, und bis man beim Uhrzeigersinn angelangt ist, hat man das Uhrwerk u.U. schon beschädigt. Dass mit maximale Dauer des Alarms gemeint ist, dass so das Klingeln am längsten dauert, ist nicht so wichtig. Man kann das nach mehrmaliger Benutzung auch selbst herausfinden.

Wozu ich die Bedienungsanleitung aber sorgfältig aufbewahren soll, will mir nicht in den Kopf. Diese Art Küchenwecker kennt man doch, und ich war noch nie in der Verlegenheit, nicht mehr zu wissen, wie rum ich da drehen soll.

Es fehlt der Hinweis auf die Herstelleradresse, die natürlich unten auf dem Zettel steht und wegen derer man wenn überhaupt den Zettel (genau wie beim Inhalt von Überraschungseiern) aufheben sollte. Aber wer das nicht weiß, wird  mit der Adresse hinterher auch nichts anfangen können. Wie gesagt, Kleinigkeiten. Ansonsten ist die Bedienungsanleitung recht gelungen, sie ist schön knapp, erklärt aber auch dem mit Küchenweckern überhaupt noch nicht vertrauten Benutzer, was er tun muss, damit er das Ding nicht sofort als dümmster anzunehmender User zerlegt.

Wie bei Geräten Made in Germany üblich liegt die Bedienungsanleitung auch auf Englisch vor. Verständlich und soweit ok, da gibt es nichts zu meckern. Nett ist nur die Übersetzung der Sache mit der maximalen Dauer des Alarms: …to achieve maximum alarm. Niedlich!

Nachtrag (8. Februar 2013): So ganz toll ist der Text dann doch nicht. Mir ist jetzt nämlich aufgefallen, dass man ja den Küchenwecker eigentlich nicht „am Verstellring bis zur 55 Minutenmarke im Uhrzeigersinn“ dreht. Man hält, soweit ich das kenne, den Wecker selbst in der einen Hand fest und dreht dann den Verstellring (oder umgekehrt, man hält den Ring und dreht den Wecker, das kommt aber aufs selbe raus). Wie man dann die gewünschte Zeit einstellt, dürfte offensichtlich sein, aber erklärt wird es eigentlich nicht.

Mein Urteil („recht gelungen“) muss ich deshalb revidieren. Sie ist nur deshalb nicht völlig unbrauchbar, weil die meisten Leute sowieso wissen, wie so ein Küchenwecker funktioniert, und weil man außerdem schon daran gewöhnt ist, Texten nicht die tatsächlich formulierten Informationen zu entnehmen, sondern das, was vermutlich gemeint sein dürfte.


4 Kommentare on “Dümmster anzunehmender User”

  1. Stefan R. sagt:

    Wie, du liest Gebrauchsanweisungen? Vor dem Gebrauch?? Wie bist du denn drauf? Du bist ein Mann! Männer lesen so wenig Gebrauchsanweisungen, wie sie nach dem Weg fragen. 😉

    Gefällt mir

  2. gnaddrig sagt:

    Klar lese ich die. Überwiegend, um hinterher drüber meckern zu können 🙂 Die Bedienung so eines Küchenweckers traue ich mir normalerweise durchaus ohne Bedienungsanleitung zu…

    Gefällt mir

  3. hanseator sagt:

    Das mit dem längsten Alarm klingt logisch, schließlich ist auch der Anlauf von der 55-Minutenmarke am längsten.

    Vorausgesetzt, es wurde im Uhrzeigersinn gedreht.

    Gefällt mir

  4. gnaddrig sagt:

    Das mit dem Anlauf stimmt natürlich, aber nicht jeder weiß das. Ich bin mehrmals auf großes Erstaunen gestoßen, als ich diesen Effekt erwähnte. Denkbar wäre beim längsten Alarm auch gewesen, dass die längste Zeit bis zum Klingeln gemeint ist. Es kommt gerade in Bedienungsanleitungen und technischen Texten erstaunlich oft vor, dass das Gemeinte und das tatsächlich Geschriebene sich kaum in Sichtweite voneinander befinden. Ich kriege immer wieder mal Texte, die vergleichbar ungelenk und unscharf sind. Das nervt, und deshalb erlaube ich mir eine gewisse Pingeligkeit beim Sezieren von sowas 🙂

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s