Aufgeflogen

Die Süddeutsche berichtet, dass die Stiftung Warentest Manipulationen an der Rezeptur getesteter Lebens- und Waschmittel festgestellt hat. Die Hersteller hätten von geplanten Tests der Stiftung vorab Kenntnis erlangt, möglicherweise über beteiligte, in der Branche vernetzte Sachverständige, und daraufhin die Rezeptur der zu testenden Produkte vorübergehend veredelt, um im Test besser abzuschneiden. Nach Veröffentlichung der Testergebnisse seien sie dann zur alten Rezeptur zurückgekehrt, natürlich ohne das öffentlich zu machen. Wahrscheinlich werben sie jetzt mit dem guten Abschneiden im Test auf Produkten, die nach der alten Rezeptur hergestellt werden, die eben nicht getestet wurde.

Das ist so bedauerlich wie nachvollziehbar. Die Hersteller werben natürlich gerne mit guten Testergebnissen, weil das den Absatz ankurbelt. Dass sie dabei alle halbwegs legalen Tricks anwenden, um mit ihren Produkten gut dazustehen, versteht sich. Dass ethische Bedenken dabei kaum eine Rolle spielen, nimmt auch nicht wunder. Die wollen ja Geld verdienen, je mehr je besser. Die Genauigkeit der Testergebnisse ist da von nachrangigem Interesse. Am wichtigsten ist, eine möglichst gute Zensur einzufahren und aus der dann möglichst viel Umsatz zu generieren.

Die Interessen der Stiftung Warentest sind dem natürlich diametral entgegengesetzt. Die Stiftung lebt von ihrer Glaubwürdigkeit als unabhängiges Testinstitut und muss deshalb versuchen, solche Manipulationen der Hersteller so weit wie möglich zu verhindern. Sie habe deshalb – so die Süddeutsche weiter – ihre Arbeitsweise geändert und spreche jetzt vorab nur noch vage von geplanten Tests, ohne das genaue Produktsegment zu benennen. Das Kalkül dürfte sein, dass kaum ein Saftabfüller oder Waschmittelhersteller sein gesamtes Sortiment vorsorglich um ein oder zwei Qualitätsstufen verbessern kann, bloß weil möglicherweise irgendwann ein Produkt der Firma getestet werden könnte.

Eine sinnvolle Strategie der Stiftung – sie wird sicher dazu beitragen, dass die Tester fast immer das echte Produkt zum Testen erhalten und kein aufgehübschtes Extrading. Die Glaubwürdigkeit der Stiftung und ihrer Tests bleibt erhalten. Das ist deshalb wichtig, weil es solche Tests braucht, damit man sich als Verbraucher überhaupt halbwegs orientieren kann.

Was mich ärgert ist, dass man offensichtlich unbedingt damit rechnen muss, von ziemlich vielen Marktteilnehmern eiskalt nach Strich und Faden beschissen zu werden, sobald sich die kleinste Gelegenheit bietet. Da gab es etwa die angeblich extraguten Silikonkissen der Firma PIP für Brustimplantate, die statt aus qualitativ hochwertigem medizinischen Silikon in Wirklichkeit im Prinzip aus billigem Baumarktsilikon bestanden. Oder die Bankberater, die ahnungslosen Kunden knallhart hochriskante Produkte als sichere Anlage aufschwatzen und sich neuerdings die ordnungsgemäße Beratung vom immer noch ahnungslosen Kunden auch noch schriftlich bestätigen lassen, was die Durchsetzung von etwaigen Schadenersatzansprüchen nicht eben erleichtern dürfte.

Dagegen sind diese kleinen Rezepturmanipulationen zur Aufhübschung möglicher Testergebnisse eigentlich Tüddelkram, aber sie zeigen sehr schön die sattsam bekannte Grundhaltung: Dem Profit ist alles zu opfern. Man macht alles, womit man irgendwie durchkommen kann, egal wie unethisch es ist und auch, wenn man dabei tief in die Grauzone zwischen erlaubt und illegal abgleitet. Hauptsache die Kasse stimmt und der Kunde merkt nichts.

Manchmal merkt er aber doch was, der Kunde, und dann schlägt er den Firmen ihre Mauscheleien um die Ohren. Und das ist auch gut so.


2 Kommentare on “Aufgeflogen”

  1. Yadgar sagt:

    Da sollte man es sich eigentlich wirklich zur Maxime machen, möglichst billig zu kaufen, da die teuereren Produkte auch nur Schund sind, sowohl was Qualität wie auch Umwelt- und Sozialstandards bei der Herstellung angeht… nur halt teurer Schund für Leute, die sich für etwas Besseres halten!

    Ein Beispiel: Fahrradtachos. Bei Aldi-Süd gab es im Frühling 2012 „bikemate“-Fahrradtachos (die Bezeichnung „FahrradCOMPUTER“ für so ein Dingelchen ist natürlich lächerlich – Computer zeichnen sich dadurch aus, dass man sie programmieren kann!) made in China für ganze 3,99 pro Stück. Jede Menge Funktionen, sogar ein Thermometer war eingebaut. Also kaufte ich mir gleich zwei… während mir einer der beiden irgendwann 2015 aus der Hemdtasche fiel und auf Steinboden zerschellte, hielt der andere bis dieses Jahr durch. Zwischenzeitlich (da ich mehrere Fahrräder besitze) kaufte ich mir allerdings auch noch einen vergleichsweise teuren Sigma BC 5.12 (16 Euro), made in Germany. Mit Drehbefestigung in der Halterung, die relativ locker war, so dass ich ihn im Januar irgendwann irgendwo beim Absteigen vor einer Ampel (mein damaliges Fahrrad hatte einen ziemlich kurzen Radstand) mit meiner Wampe kurzerhand aus der Halterung drückte und er im nächsten Gully verschwand.

    Drei Wochen später mit einem zweiten Exemplar dasselbe Spiel! Und dann noch einmal Anfang 2017! Dazu hat der Sigma BC 5.12 auch deutlich weniger Funktionen als der „bikemate“, misst die zurückgelegte Strecke statt in 1-Meter nur in 10-Meter-Intervallen und zeigt die Geschwindigkeit in 0.2 km/h-Intervallen an, während der „Chinese“ auf 0.1 km/h genau war. Made in Germany!

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  2. gnaddrig sagt:

    Außerdem kann es gut sein, dass die Chips beider Geräte aus derselben (oder genauso einer) Fabrik in China stammen oder sogar identisch sind und nur das Drumherum anders gebaut wurde, was den Preisunterschied noch absurder macht.

    Ich fahre mit Billigdingern auch oft ziemlich gut. Seit dem Ableben meiner Qualitätsarmbanduhr aus einer deutschen Traditions- und Qualitätsmanufaktur trage ich eine Uhr von Aldi für 30 Euro. Die trage ich mittlerweile länger als die „gute“ Uhr durchgehalten hat. Und alle paar Jahre eine neue Batterie ist weit billiger als auch nur einmal Uhrwerk reinigen lassen.

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