Leit-

In den letzten Jahren ist immer häufiger von Leitdingern die Rede. Die sind in Technik, Wirtschaft und Natur nichts Besonderes. Alles mögliche wird mit Leittechnik gesteuert, Flugzeuge haben Leitwerke. Banken benutzen Leitwege zur Verarbeitung von Zahlungsposten. Leitstellen koordinieren Polizei- oder Feuerwehreinsätze. Leitgewebe sorgen für den internen Wassertransport von Pflanzen. Leithäuser weisen Schiffen den Weg an gefährlichen Untiefen vorbei in sicheres Fahrwasser.

Im Bildungsbürgerlichen gibt es auch manchmal Leitdinger, etwa Wagners Leitmotive. Organisationen, Parteien und Denkschulen haben Leitgedanken und gelegentlich auch Leitmythen. Alle diese Leitdinger führten lange Zeit ein vergleichsweise ungestörtes Nischendasein in ihrer jeweiligen Ecke.

Das hat sich geändert, als Theo Sommer von der ZEIT und Friedrich Merz von der CDU uns den von Bassam Tibi geprägten Begriff der Leitkultur in die Arena warfen und damit die Leitkulturdebatte lostraten. Dieser Wurm geht nun nicht mehr so leicht in die Dose zurück, die Diskussion kocht immer mal wieder hoch. Deutsch sollte sogar Leitsprache werden, obwohl das eigentlich auch bloß was Technisches ist.

Egal, Deutschland ist im Leitfieber. Die Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg steigt voll drauf ein und will sich zur Leitmetropole in Sachen Elektromobilität aufschwingen, Deutschland soll Leitmarkt für Elektromobilität werden und kann sich auch gleich zum Leitanbieter der dafür nötigen Technik entwickeln. Das hat beim Transrapid nicht so gut geklappt, aber vielleicht wird es ja diesmal was…

Das zu diesem Thema gehörige Vokabular verleitet mich übrigens zu einem ganz raffinierten Wortwitz: Elektromobilität ist im Prinzip ein vornehmes Wort für das Fahren mit Stromautos. Strom wird durch Leitungen geleitet, da kommt man fast zwingend zu Leitmetropole, Leitmarkt und Leitanbieter. Wenn man vorhätte, Vorreiter in Sachen Computerisierung zu werden, würde man hier wahrscheinlich von Halbleitmetropole, -markt und -anbieter sprechen. Dieses Schicksal ist uns zum Glück erspart geblieben, wir spielen jetzt erstmal mit rollenden Taschenlampen.

Nun ist Deutschland ja in Sachen Ingenieurskunst bekanntlich unschlagbar. Man klotzt gern, wie man gerade in Berlin sehr schön sehen kann. Groß ist geil. Mit Zeit- und Kostenplänen haben wir es dafür nicht so hierzulande, aber man kann ja nicht alles haben. Das heißt, eigentlich machen wir das mit dem zu spät und zu teuer bei Großprojekten sowieso nur, damit die Engländer sich angesichts der gelegentlich beklagten, angeblich typisch deutschen ruthless efficiency nicht allzusehr grämen müssen. Es reicht ja, wenn die im Fußball kaum mal ein Bein auf den Boden kriegen. Da war es doch ganz nett, mit dem neuen Flughafen Berlin-Brandenburg die Panne mit dem neuen Terminal 5 von Heathrow mal locker um mehrere Größenordnungen zu toppen.

Vielleicht könnte Deutschland ja auch ganz nebenbei endlich mal leadership zeigen und sich zum Leitmarkt für Pleiten, Pech und Pannen entwickeln, um den ganzen Stümpern mal zu zeigen, wo der Hammer hängt bzw. wie man ihn sich möglichst effektreich selbst auf den Daumen haut. Genügend Material gäbe es sicherlich dafür…

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6 Kommentare on “Leit-”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Darf ich bitte der erste sein, der zum naheliegenden Wortwitz greift: Gnaddrig, Du hast schon dein Leid mit dem Leit!

    Sorry, der war echt mies, tut mir LEIT…, ääh, ich bin dazu verLEITet worden, will sagen, es ist mir entgLEITet.. Oder: das aktuellste Leit-Thema ist immer noch die BankenpLEITen… Ach, ich könnte ewig so weiter machen (und schäme mit auch dafür). Tut mir… nee, lass gut sein.

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  2. gnaddrig sagt:

    Musst Dich nicht schämen, Pfeffermatz, ich habe ja schließlich damit angefangen. Ich könnte mich jetzt natürlich super in Pose werfen und beklagen, dass man mir meinen schönen Leitartikel verleidet, aber das wäre unfair. Ich will ja hier auch nicht unleidlich sein. Also nur zu 🙂

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  3. Stefan R. sagt:

    Hm, da liegt womöglich eine neue Internetseite in der Luft: Nach seidseit.de nun leitleid.de…

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  4. gnaddrig sagt:

    Genau, und der Betreiber sitzt in Leiden in NL.

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  5. tinyentropy sagt:

    Es muss ganz einfach in der Phonetik begründet sein, denn das ähnlich klingende Wort „light“ ist ja auch zum inflationären Leithammel geworden.

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  6. gnaddrig sagt:

    Leithammel? Muss einer von diesen hier sein.

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