Teequartett

Im Teeladen haben die Kinder neulich ein Quartettspiel geschenkt gekriegt. Ein Tee-Quartett. Da kann man viele mehr oder minder interessante Sachen über ausgewählte Teesorten aus dem Sortiment des Filialisten erfahren, etwa dass der China Lung Ching bei 70°C aufgegossen gehört und 2 Minuten ziehen soll. Oder dass Karl-Heinz, der Herbsttee – 100°C, 2 Minuten – mich von innen aufwärmt. Dass man von Brennessel nur 4 g Teeblätter für einen Liter Aufguss benötigt, von KiBa-Flip aber 28. Oder dass der Japan Shincha Kirisakura – 60°C, 3 Minuten, Bio – in Sachen Qualität auf 105 von 100 möglichen Punkten kommt.

Die allerwenigsten Kinder werden sich für Tee interessieren. Aromatisierte Früchtetees, die wohl noch am ehesten kindertauglich sein dürften, sind nur mit wenigen Sorten vertreten: KiBa-Flip mit Kirsch-Bananen-Geschmack etwa, oder Heiß & Innig (Himbeer-Erdbeer-Vanille-Geschmack), oder Rote Grütze. Grüne und schwarze Tees, Kräuteraufgüsse u.ä. sind erfahrungsgemäß eher nichts für Kinder, und damit ist der größte Teil der vorgestellten Teesorten noch uninteressanter als Tees das sowieso schon sind.

Auf den Karten sind Fotos der trockenen Teeblätter, wie sie im Laden verkauft werden. Nicht nur für Kinder wohl völlig uninteressant. (Bestimmt gibt es Hardcore-Tee-Nerds, die einen Darjeeling FTGFOP1 Phuguri am Blattbild erkennen oder einen 2010er Formosa Fancy Superior Ooolong von einem 2011er unterscheiden können. Aber ob die sich mit so einem Quartettspiel abgeben würden?)

Wird ernsthaft erwartet, dass die lieben Kleinen begeistert das tolle Quartett spielen und ihnen die entsprechend kultivierten Eltern liebevoll und hochinteressiert über die Schulter schauen und sich dann denken: Mensch, dieser Sumatra Oolong Barisan, das wär doch was für Elke und Rüdi. Und den Darjeeling SFTGFOP1 Lingia könnten wir mal probieren. Dass sie dann stracks zum Teeladen abdüsen und dort per quartettspielinduziertem Rundumschlag das Weihnachtsgeschäft retten? Oder gar, dass die Eltern selbst das Quartett spielen? Ich kenne niemanden, dem ich das zutrauen würde.

Überhaupt die Spielbarkeit des Quartetts. Welche Tees warum in den jeweiligen Vierergruppen gelandet sind, ist mir ein Rätsel. Ich kann da jedenfalls keine Systematik erkennen. Es fängt mit Assam CTC, KiBa-Flip, Sumatra Oolong Barisan und Karl-Heinz, der Herbsttee an. So ziemlich die einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie in demselben Laden verkauft und mit heißem Wasser aufgegossen werden. Danach kommen, genauso zusammengewürfelt, Japan Bancha, Ceylon OP Uva highgrown, Rooitea und Earl Grey. Das dritte Quartett enthält Assam FTGFOP1 Mangalam, Darjeeling SFTGFOP1 Lingia, Marani (wohl eine Mischung aus japanischen und chinesischen Senchas) und Brennessel. Und so geht es kunterbunt durcheinander weiter.

Immerhin ist die Auswahl der für die Spielmechanik wichtigen Merkmale einleuchtend: Ziehzeit, Aufgusstemperatur, benötigte Menge Teeblätter in Gramm/Liter Aufguss, TGR-Rating, Trumpf in der jeweiligen Kategorie, Bio oder nicht-Bio.

Aber das ist sowieso alles Jacke wie Hose. So ein fades Spiel hätten wir damals™ keines Blickes gewürdigt geschweige denn damit gespielt. Wir haben Klasse Schlitten gespielt, oder Sportflugzeuge – zwei meiner alten Quartettspiele aus der Grundschulzeit, die mir beim Ausmisten im Keller in die Hände gefallen sind. Das waren Spiele, wo man eine Menge Spaß mit haben konnte. Wenn etwa der Mercedes 350 SL mit 210 km/h Höchstgeschwindigkeit den Datsun 260 Z 2+2 mit 200 stach, oder der Ferrari Dino 308 GT/4 mit V8 Zylindern kaum einer anderen Karte im ganzen Spiel eine Chance ließ. Oder wenn man mit egal welcher Karte gegen den langweiligen Renault 15 TL antrat, der mit seinen 60 PS endlose 17 Sekunden von Null auf Hundert brauchte und mit seiner Höchstgeschwindigkeit von 152 km/h sogar gegen Bauer Schlüters Hanomag einen schweren Stand gehabt hätte.

Die Autos kamen eben im echten Leben vor, und sie waren irgendwie wichtig und cool. Zu meinen besten Tagen konnte ich gefühlte 80% aller Autos, die man auf den Straßen so zu sehen bekam, an ihren Scheinwerfern oder Rückleuchten erkennen (damit haben wir uns auf langen Autofahrten die Zeit vertrieben). Damals werden vielleicht 50 oder 60 verschiedene Modelle 80% des Verkehrs auf dem Land bestritten haben. Heute hätte man als Carspotter wohl keine Chance mehr. Autos jedenfalls waren ein Teil des Alltags. Dieselloks (ein anderes altes Quartett) nicht ganz so, Sportflugzeuge eigentlich noch weniger, auch wenn man die wenigstens theoretisch manchmal am Himmel sehen konnte.

Aber Tee? Das sieht aus, finde ich, wie eine typische Marketingmaßnahme wo jemand eher ahnungsloses ohne groß mitzudenken einfach nur eine x-beliebige Idee aus der Grabbelkiste gegriffen hat, die es in jeder Werbeagentur geben muss. Als nächstes kommt dann wohl ein Bio-Limonaden-Quartett. Oder ein1s mit Vollkornbutterkeks oder Seeberger Trockenfrüchten. Was für ein Quark!



In den Wald hineinrufen

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