Die Marionette

Vor einer Weile habe ich dieses Video gesehen (via). Der achtjährige James Groccia wünscht sich sehnlich ein bestimmtes Lego-Set. Er spart zwei Jahre lang fast all sein Geld, um sich diesen Traum zu erfüllen, und als er das Geld beisammen hat, gibt es das Set nicht mehr. Sehr enttäuscht schreibt er an LEGO und erhält – wie zu erwarten war – ein nettes, aber recht unverbindliches Schreiben von Direct Consumer Services als Antwort. Tenor: „Danke für Dein Interesse… stellen dieses Set nicht mehr her… muss sein, um Platz für Neues… hoffen, dass Du auch in Zukunft… tolle neue Lego-Sets…“. Nett genug, aber kein Trost.

Kurz darauf bekommt er ein Paket. Darin ist das ersehnte Lego-Set zusammen mit einem Schreiben von Megan, Consumer Services Advisor. Sie schreibt, dass sie versteht, warum er gerade das eine Set haben möchte, das sei einfach ein tolles Ding. Sie bewundere seine Beharrlichkeit und habe noch eine Packung von dem Ding aufgetrieben, die sie ihm jetzt schenke. In dem Video sieht man, wie James das Paket auspackt und vor Freude förmlich in die Luft geht. Ich finde es rührend, wie sehr er sich freut. (Ob man so eine private Begebenheit als Video hätte veröffentlichen sollen, ist eine andere Sache; ich hätte es nicht gemacht.)

Das Video hat mich jedenfalls an ein Erlebnis in einem Kunsthandwerkerladen erinnert. Vor Jahren war ich unterwegs auf diesen Laden gestoßen und hatte mir die Sachen dort angeschaut. Das war nicht der übliche Touristenkitsch, sondern es gab da wirklich schöne Sachen, auch Marionetten. Die waren alle sehr aufwändig gearbeitet und nicht eben billig. Eine davon gefiel mir besonders. Ich machte eine entsprechende Bemerkung und kam so mit der Ladenbesitzerin ins Gespräch.

Ein paar Wochen zuvor, erzählte sie dann, war ein kleiner Junge, vielleicht acht Jahre alt, in den Laden gekommen, um eine bestimmte Marionette zu kaufen. Während er das Geld in überwiegend kleinen Scheinen und vielen, vielen Münzen auf den Tisch zählte, erzählte er, er habe die Marionette gesehen und sie unbedingt haben wollen, und er habe über ein Jahr lang darauf gespart. Dabei ist es der Ladenbesitzerin eiskalt den Rücken hinuntergelaufen – die Marionetten sind nämlich Einzelstücke, und sie wusste ja nichts davon, dass der Junge sie unbedingt kaufen wollte. Die Marionette hätte jederzeit verkauft werden können, und dann wäre der Junge sehr, sehr enttäuscht gewesen.

Hätte sie das vorher gewusst, meinte sie, hätte sie die Marionette natürlich für ihn zurückgelegt. Der Hersteller baut zwar immer wieder ähnliche Puppen, aber die sind eben nie ganz genau identisch. Gerade die Gesichter unterscheiden sich teilweise erheblich, und die Kleidung wird aus dem gemacht, was gerade an Stoff zur Hand ist. Manchmal stehen die Puppen schon ein paar Monate im Fenster, bis jemand sie kauft, aber manchmal gehen sie auch ziemlich schnell weg. Jedenfalls war sie heilfroh, dass niemand dem Jungen das Ding weggekauft hat. Die Enttäuschung des Jungen, zumal da sie leicht vermeidbar gewesen wäre, hätte sie ziemlich mitgenommen.

Wer Kinder hat und erlebt hat, wie tief sie Enttäuschungen empfinden und wie sehr sie sich freuen können, wird das nachvollziehen können. Wem jemals ein Traum zerbrochen ist, oder wem umgekehrt jemals ein sehnlicher, unerfüllbar scheinender Wunsch dann doch in Erfüllung gegangen ist, wird verstehen, was für emotionale Achterbahnfahrten sowas auslösen kann. Wer selbst mal Kind war, müsste sich an das Gefühl noch erinnern. Entweder an die Freude oder eben an die Enttäuschung. Die allermeisten werden beides erlebt haben.

Ich war damals froh, dass er seine Marionette gekriegt hat, und gleichzeitig erschrocken, wie groß das Risiko einer Enttäuschung war. Ich hätte es nämlich ganz genauso gemacht: Niemandem verraten, dass ich genau dieses eine Ding will, lange darauf gespart, um es mir dann zu kaufen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir das Ding im Laden reservieren zu lassen, sondern hätte auch den Mund gehalten, bis ich das Geld beisammen gehabt hätte. Dann wäre ich mit dem Ersparten in den Laden gegangen, um meine Marionette zu kaufen. Es hat sich damals für mich so angefühlt, als wäre ich selbst der bitteren Enttäuschung, dass die ersehnte Marionette schon verkauft ist, nur knapp von der Schippe gesprungen. Deshalb ist mir die Geschichte von dem Jungen und der Marionette damals ziemlich nahegegangen.

Jetzt frage ich mich natürlich, was meine eigenen Kinder mittlerweile so alles mit sich selbst abmachen, anstatt sich von mir helfen zu lassen. Ich würde ihnen Risiken und Enttäuschungen am liebsten soweit wie möglich ersparen, aber die gehören wohl zum Erwachsenwerden dazu. Und zum Elternsein gehört es wohl, die Kinder machen zu lassen, wenn sie ihre eigenen Flügel ausbreiten und erste Flugversuche unternehmen. Das Erwachsenwerden, wenn ich so zurückdenke, fängt eben schon im Grundschulalter an. Eigentlich schon auf dem Wickeltisch.

Jedenfalls habe ich im Rückblick erheblichen Respekt für meine eigenen Eltern. Die haben mich nämlich ganz viel selbst machen lassen, und sie müssen beim Zuschauen oft genug Blut und Wasser geschwitzt haben. Aber es hat sich am Ende gelohnt. Das wünsche ich mir für meine Kinder auch: Dass ich es schaffe, sie zu begleiten, aber nicht zu gängeln; sie zur rechten Zeit im richtigen Maß loszulassen. Ich bin gespannt, wie’s wird! Hoffentlich halten meine Nerven das durch…

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3 Kommentare on “Die Marionette”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Ich ich jung war, hat meine kleine Schwester auf einen großen Plüschtiger hingespart, den sie bei Kaufhof in Köln gesehen hatte. Als sie nach Monaten das Geld zusammen hatte, war dieser weg, und zwar wohl gerade in den Tagen zuvor. Und der Oberhammer: an einen der nächsten Tagen war ein Bild von David Hasselhof in der Zeitung (es war die „Looking for Freedom“-Zeit) mit einem sehr ähnlich aussehenden Tiger, den er laut Bildunterschrift in Köln für seine Tochter gekauft hatte! Damit liegt zumindest der Verdacht nahe, dass der Hasseldoof damals meiner Schwester den Teddytiger weggeschnappt hat – boah, ey!

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  2. gnaddrig sagt:

    Geschichten, die das Leben schrieb. Sowas kann dann ja auch ein kleiner Trost sein – „mein“ Teddy gehört jetzt David Hasselhofs Tochter 🙂

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  3. Yadgar sagt:

    Kindheit, das ist so was von 20. Jahrhundert – das können wir uns im immer härter werdenden internationalen Wettbewerb(tm) nicht mehr leisten:

    http://www.assoziations-blaster.de/blast/In-vitro-Reifung.1.html

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