Die innere Uhr

Ich lese viel und gern. Seit ich in der zweiten Klasse mit dem Lesen richtiger Bücher angefangen habe, bin ich eigentlich ständig am Lesen. Seit Jahren bilden Räuberpistolen einen Großteil meiner Lektüre. Die laufen manchmal als Thriller, manchmal als Krimis. Psycho-Thriller lese ich nie, Horror und Schlachtereiporno schon gar nicht. Ich mag lieber gute, solide Actiongeschichten. Der frühe Tom Clancy, bevor er allzu bräsig-amerikanisch-patriotischen Kitsch zu schreiben anfing, Robert Ludlum, Ken Follett, Alistair MacLean, Desmond Bagley, Frederik Forsyth, David Baldacci, Michael Connelly, John Grisham sind so Autoren, mit denen ich was anfangen kann.

Viele dieser Bücher haben naturgemäß Polizisten, Privatdetektive oder Soldaten als Protagonisten. Und ganz viele dieser Protagonisten haben eines gemeinsam: die innere Uhr. Die stellen sich den inneren Wecker auf eine bestimmte Uhrzeit oder Zeitspanne und wachen dann zuverlässig und pünktlich von selbst auf. Ob das nun um x Uhr nachts ist oder y Stunden von jetzt an, die verschlafen nicht. Nach deren innerer Uhr kann man die Uhr stellen.

Nun gibt es so eine Art innere Uhr tatsächlich, ich habe auch so ein Ding. Vor Jahren hatte ich mal einen quarzgetriebenen Wecker mit Zeigern und mechanischem Weckmechanismus. Da hat, wenn die Weckzeit erreicht war, ein kleines Plastikteil einen Schalter betätigt, und der hat dabei scharf aber leise geknackst, leiser als das Ticken des Sekundenzeigers. Da ich regelmäßig um dieselbe Zeit aufstehen musste, war ich so darauf eingestellt, dass ich entweder von diesem Knacksen wach wurde oder kurz davor aufwachte, das Knacksen hörte und reflexartig den Wecker ausschaltete, bevor er zu piepsen anfing. (Ich wachte auch dann pünktlich auf, wenn ich mal vergessen hatte, den Wecker zu stellen. Das ist natürlich blöd, wenn man morgens mal ausschlafen will.)

Vielleicht kann man diese Fähigkeit kultivieren und trainieren. Vielleicht ist es Veranlagung, und manche haben eine beliebig stellbare innere Uhr, wie andere Leute das absolute Gehör haben und ohne Stimmgabel ihre Geige stimmen können. Das kann man auch trainieren. Zu meinen besten Zeiten konte ich einen Ton auf einen knappen Viertelton genau bestimmen und konnte meine Lieder ohne instrumentales Intro so anstimmen, dass die Tonlage zur Gitarre passte. Jetzt, wo ich aus verschiedenen Gründen weniger zum Musikmachen komme, klappt das nicht mehr ganz so gut.

Trotzdem fällt es mir schwer, zu glauben, dass man sich in wild wechselnden Situationen unter erheblich unterschiedlichen Umständen einfach so nach x Stunden oder um y Uhr selbst wecken kann. Das hört sich ein bisschen nach einem deus ex machina an, oder nach einer Nachlässigkeit von Autoren, die ihren Protagonisten einen coolen Touch verpassen wollen. Nur leider haben sie alle denselben Touch und es wirkt gelegentlich etwas gezwungen.

Man sollte sich mal was Neues ausdenken, etwa die Fähigkeit, zu Fuß gegangene Entfernungen auf eine Fußlänge genau nennen zu können. Oder das Gewicht von Dingen, die man gehoben, angehoben oder verschoben hat, auf das Pfund genau angeben zu können.

Oder den absoluten Temperatursinn – analog zum absoluten Gehör.  Der Rioja hat 21 °C und ist damit deutlich zu warm. Bringen Sie mir bitte einen sachgerecht temperierten Wein! Das wäre doch mal was, womit man Wetten gewinnen könnte!


2 Kommentare on “Die innere Uhr”

  1. philosworte sagt:

    Ich persönlich meine auch eine Art inneren Wecker zu haben. Allerdings funktioniert er hauptsächlich vor außergewöhnlichen Ereignissen und nicht bei normalen Tagesablauf. Und vor allem nicht bei zu wenig Schlaf. Leider. Denn nach lanegn Nächten – da braucht man ihn am häufigsten.

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  2. gnaddrig sagt:

    Vor außergewöhnlichen Ereignissen funkt manchmal auch der innere Wachhalter dazwischen. Das kann ganz schön lästig sein.

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