Außenwerbung

Eigentlich sollte ich nicht immer über die Werbung auf den Bildschirmen im Bahnhof schreiben, um denen nicht mehr Aufmerksamkeit als vermeidbar zuzuschustern. Aber manchmal muss es sein. Außerdem dürfte der Einfluss dieses Blogs auf die Reichweite von Werbung eher überschaubar sein.

Also: Außenwerbung, heißt es derzeit in einem auffälligen Werbespot, trifft. Jeden. In der Version, die ich vorhin im Bahnhof gesehen habe, sieht man da ein Model in Jeans, mit nacktem Oberkörper und malerischen Farbflecken überall. Der Kerl wird aus dem Off mit einem dicken Strahl von blauem Pulver beschossen, und am Ende wendet er sein mehrfarbig beflecktes Gesicht zur Kamera. Über ihm erscheint Wort für Wort der Slogan.

außenwerbung

Der Spot fällt auf und prägt sich ein. Keine schlechte Idee also, und ausnahmsweise sagen sie in dem Slogan sogar die Wahrheit. Und genau das ist die Schwachstelle dieser Kampagne, damit entlarven sich die Werber selbst. Der Spot zeigt nämlich sehr schön einige Eigenschaften der dort beworbenen Außenwerbung, mit denen die Werbewirtschaft normalerweise eigentlich nicht hausieren geht.

Zum Beispiel, dass Außenwerbung oft nicht schön oder angenehm ist, sondern stört. Man wird ungefragt mit Dreck beschossen und kann sich dem nicht so einfach entziehen. Gut, die Flecken, die das Model hinterher im Gesicht trägt, haben schon tolle, intensive Farben. Aber will man große Farbflecken im Gesicht? Ich nicht. Schon gar nicht ungefragt.

Man kriegt die Werbung wie die Farbe hinterher nicht ohne weiteres wieder los, ohne zu schrubben. Werbebilder, gerade die bescheuerten, sind oft so eine Art visuelle Ohrwürmer, die einem dann immer wieder vor Augen stehen. Die Tatsache, dass ich diesen Artikel überhaupt schreibe, ist eine Folge davon.

Die Szenarios, mit denen und für die geworben wird, sind oft unrealistisch – wer steht schon mit freiem Oberkörper im Nichts und lässt sich mit Farbpulver beschießen? Ich normalerweise nicht. Da ist dieser Spot beispielhaft für die ganz alltägliche, ernstgemeinte Werbung für Produkte oder Dienstleistungen, die auf angebliche Alltagsszenarios zurückgreift. Ich kenne beispielsweise niemanden, der je auf dem Bauch mit aufgestützten Ellenbogen auf dem Parkett in einer leeren, sonnendurchfluteten Wohnung liegt und mit dem Notebook im Internet surft. Und der allergrößte Teil der Werbung, die ich so zu sehen kriege, ist für Dinge, die ich nicht will und nicht brauche. (Nicht, dass ich es unbedingt besser fände, wenn ich gezielt nur Werbung für Sachen vorgesetzt bekäme, für die ich mich wenigstens grundsätzlich interessiere, aber das ist ein anderes Kapitel.)

Mir wäre es am liebsten, die Firmen würden ihre Werbebudgets nicht Werbeagenturen in den Rachen werfen, damit die jede verfügbare Oberfläche mit ihren, ähm, kreativen Ideen zupflastern. Um die verschwindend wenigen guten Ideen wäre es sicher schade, aber das wäre ein kleiner Preis dafür, den ganzen anderen Schwachsinn nicht immer durch’s Hirn geblasen zu kriegen. Sie sollten das Geld lieber gleich für Betriebsausflüge nach Brasilien verbraten, oder noch besser in höhere Qualität und besseren Service zum gleichen Preis investieren.

Und als Nachgedanke kommt mir die Frage, was diese Werbung überhaupt bewirken soll. Die Kampagne wendet sich – angesichts der genutzten Medien – augenscheinlich nicht primär an ein Fachpublikum, sondern an die breite Öffentlichkeit. Aber wozu? Soll ich denken, dass Außenwerbung doch eigentlich eine tolle Sache ist? Dass die Außenwerber großartige Dinge anpreisen? Dass der Fachverband Aussenwerbung e.V., der mit dieser Kampagne für sich wirbt, ein prima Laden ist?

Otto Normalverbraucher hat mit denen doch überhaupt nichts zu tun. Die allerwenigsten werden jemals in die Verlegenheit kommen, irgendwo Außenwerbung (außer in der Schweiz übrigens immer noch mit ß!) schalten zu müssen. Dieser Fachverband ist für die Allgemeinheit von keinem Interesse, und die Kampagne läuft ins Leere. Werbung mehr als bisher beherzigen und vermehrt das beworbene Zeug kaufen werde ich deshalb ganz bestimmt nicht. Allenfalls könnte der Spot die Aussage „Hier könnte Ihre Werbung laufen“ an Leute transportieren, die Werbebudgets verantworten. Dann liefe das doch nicht ganz ins Leere. Vielleicht.

Egal, ich warte auf den Tag, wo es eine Datenbrille mit einem Werbeblocker gibt, der solche Nervigkeiten in Echtzeit aus dem Bild herausretuschiert. Prinzipiell ist das bereits möglich. Jetzt muss das nur noch jemand bauen und zu erschwinglichem Preis verkaufen.

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8 Kommentare on “Außenwerbung”

  1. Der Duderich sagt:

    Letztendlich geht es doch nur darum, sich möglichst geschickt in unsere Hirne hineinzuschleichen. Mich nervt es mittlerweile total, dass man nirgendwo mehr hingucken kann, ohne dass meine Augen auf einen Manipulationsversuch meines Kaufverhaltens treffen.

    Ich kann nur jedem empfehlen regelmäßig Spaziergänge in der Natur zu machen. Ganz ohne Werbeunterbrechung.

    Hab Dich übrigens in meine Blog-Roll aufgenommen.

    Grüße, Dude

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  2. gnaddrig sagt:

    Hallo Dude,

    einschleichen ist das richtige Wort. Mit so einer Gattungskampagne versuchen sie wahrscheinlich, eine Art Sendeplatz im Hirn mit möglichst positiven Konnotationen zu schaffen, der dann von anderer, echter Produktwerbung in Anspruch genommen wird. Keine Ahnung, ob das funktioniert, aber nerven tut’s auf jeden Fall.

    Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Natur auch massiv zugeworben wird. So mancher Smartphoneträger kriegt ja schon jetzt kaum mal den Blick vom Touchscreen los, und wenn Datenbrillen erst allgemein üblich sind, wird es noch viel penetranter in dieselbe Richtung gehen. Da kriegt man die Leute dann egal wo auch ohne Werbetafeln und so, und die bezahlen auch noch für das Privileg. *schauder* Gelobt sei der Aus-Schalter und das Nichtsmartphone.

    Ich auf Deiner Blogroll? Klasse, freut mich!

    Grüße zurück,
    gnaddrig

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  3. Ich glaube, die Kampagne hat ihr Ziel erreicht. Man sieht die Werbung überall und ob wir es wollen oder nicht, es wird darüber geredet und Werbung gemacht.

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  4. gnaddrig sagt:

    Keine Frage, die Kampagne ist sehr sichtbar. Es wird viel drüber gesprochen und geschrieben. Aber was verkauft die Kampagne, und an wen versucht sie, es zu verkaufen? Werber wissen sowieso, was gute Außenwerbung wert ist (und sie schaffen es allzuselten, gute Außenwerbung zu machen). Der normale Passant kauft keine Werbung und wird Werbung jetzt sicher nicht anders wahrnehmen als vor dieser Kampagne. Deshalb bin ich nach wie vor etwas ratlos, was das ganze bezwecken soll.

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  5. […] man so ein Implantat auch mit einem Werbeblocker ausstatten. Man könnte so die allermeiste nervige Außenwerbung ausblenden, vielleicht auch optisch identifizierbare Online- und Fernsehwerbung. Die TU Ilmenau hat […]

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  6. […] klar ist mir allerdings (kommt vor bei Außenwerbung), was diese Werbung erreichen soll. Leute in die TÜV-geprüften Spielhallen locken? Den […]

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  7. gnaddrig sagt:

    Die Außenwerber sind wieder los mit einer bearbeiteten Neuauflage der Kampagne. Diesmal trifft Außenwerbung nicht jeden, sondern Hörer: Außenwerbung trifft. Hörer. DAs Model trägt Kopfhörer. Wahnsinn…

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  8. Yadgar sagt:

    Und auch wieder typisch für die Zehnerjahre: der Werbeträger ist bärtig! Nicht, dass ich daran auch nur irgendwas auszusetzen hätte…

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