Endlosschleife

Man weiß ja, was passiert, wenn zwei Spiegel einander gegenüber hängen und man zwischen die Spiegel tritt und am eigenen Spiegelbild vorbei in einen der Spiegel schaut. Man sieht im Spiegel den anderen Spiegel, in dem sich natürlich der erste Spiegel spiegelt, der wiederum den anderen Spiegel zeigt usw. Man blickt in einen Tunnel aus Spiegelbildern, die immer blasser und dunkler werden und irgendwo im Nichts verschwinden. Das ist ein Bild, das eine Darstellung seiner selbst enthält, und das enthaltene Bild enthält sich natürlich auch wieder selbst, bis ins Unendliche. Mit Kerzen o.ä. lassen sich da hübsche Effekte erzielen.

Ich habe jetzt eine sprachliche Entsprechung dieses optischen Phänomens entdeckt. Auf der Verpackung einer Fruchtschnitte habe ich folgende Zutatenliste gefunden:

Rosinen*, Haselnüsse*, Blaubeeren* 10% (Blaubeeren*, Apfeldicksaft*), Bienenhonig*, Mandeln*, Aprikosenkerne*, Blaubeerkonzentrat*, Sonnenblumenöl*, Kartoffelstärke*.
*aus ökologischem Anbau

Bei der dritten Zutat musste ich stutzen. Normalerweise wird mit Blaubeere nur die reine Frucht der Heidelbeere ohne weitere Zutaten oder Bestandteile bezeichnet. Hier ist aber offenbar etwas anderes gemeint, nämlich eine Mischung aus dieser Frucht und Apfeldicksaft. Von Joghurtbechern ist mir der Ausdruck Fruchtzubereitung mit Xbeeren oder Xbeerzubereitung erinnerlich, der für Fruchtpampe mit wie auch immer zustandegebrachtem Xbeergeschmack und exakt dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestgehalt an echten Früchten steht. Hier sieht es nicht ganz so schlimm aus. Die Zutaten sind einzeln aufgeführt, und Dreck ist – anders als bei manchen Joghurtmarken – keiner dabei. Aber komisch ist es trotzdem.

Natürlich habe ich nichts gegen Apfeldicksaft in Fruchtschnitten. Aber Apfeldicksaft ist ja eigentlich nicht dasselbe wie Blaubeeren, und mir will nicht einleuchten, warum man hier Apfeldicksaft als Bestandteil von Blaubeeren deklariert. Außer natürlich, es ist wie Schwefelsäure 25%, wo die Prozentzahl den Anteil der Schwefelsäure angibt. Da hätten wir dann also zehnprozentige Blaubeeren in apfeldicksaftiger Lösung oder so. Nachdem es sich hier aber nicht um Laborzubehör oder Medikamente handelt, sondern um Lebensmittel, dürften die 10% den Anteil dieser Zutat am Gesamtprodukt angeben. Die Fruchtschnitte enthält also 10% Blaubeeren, die ihrerseits aus Blaubeeren und Apfeldicksaft bestehen.

Wenn nun mit Blaubeeren in dieser Liste tatsächlich ein Gemisch aus Blaubeeren im engeren Sinne, also der Frucht der Heidelbeere, und Apfeldicksaft bezeichnet wird und die Liste terminologisch konsistent geschrieben ist, muss ich den in Klammern aufgeführten Bestandteil Blaubeeren der Zutat Blaubeeren* 10% ebenfalls als Gemisch aus Blaubeeren und Apfeldicksaft auffassen. Und dessen Bestandteil Blaubeeren besteht dann auch wieder aus Blaubeeren und Apfeldicksaft und so weiter und so fort bis ins Unendliche, ähnlich wie in der klassischen Homöopathie. Am Ende bleibt für alle als Blaubeeren gelisteten Zutaten ein gegen Null strebender Anteil der Blaubeere im engeren Sinne und ein gegen 100% strebender Anteil an Apfeldicksaft. Man hätte also als dritte Zutat auch Apfeldicksaft* 10% schreiben können, oder eigentlich müssen. Das wäre dann eine geniale Methode, eine wichtige Zutat als nebensächlich zu tarnen und eine nicht oder nur in Spuren enthaltene Zutat als namensgebende Zutat zu deklarieren.

Da das Zeug aber tatsächlich erkennbar nach Blaubeeren geschmeckt hat und laut Zutatenliste keine Farb- oder Aromastoffe enthält, muss es irgendwie anders sein. Wahrscheinlich handelt es sich nur bei Blaubeeren* 10% um eine Mischung aus Blaubeeren und Apfeldicksaft. Die restlichen Erwähnungen von Blaubeeren müssten sich tatsächlich auf Blaubeeren im engeren Sinne beziehen. Also haben wir es (natürlich wieder einmal) mit einem schlampig geschriebenen Text zu tun. Erstaunlich, was man alles ohne große Anstrengung aus einer harmlosen Zutatenliste herauslesen kann.

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In den Wald hineinrufen

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