Kinderbücher und Gerechtigkeit

Derzeit wird viel über die Bereinigung von Kinderbüchern diskutiert. Mehrere Verlage entfernen Wörter wie Negerkönig, Negerlein u.ä. aus ein paar bekannten Kinderbüchern, etwa Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren oder Die kleine Hexe von Otfried Preußler.

Alle möglichen Leute sprechen sich strikt dagegen aus, beklagen eine angebliche Gesinnungsdiktatur der politisch Korrekten, barmen über den Verlust der Erinnerung durch Verstümmelung klassischer Texte und sehen überhaupt nicht ein, wieso jemand sich von rassistischen Ausdrücken herabgewürdigt oder beleidigt fühlen kann, wo diese Ausdrücke doch in den betreffenden Kinderbüchern sicher nicht in böser Absicht verwendet werden. Oder sie sehen es, halten es aber für irrelevant und argumentieren es aus dem Weg. Überhaupt finden sich in den Diskussionen erstaunlich oft Verhaltensweisen und Argumentationsmuster, wie sie in Derailing for Dummies beschrieben sind. Ich finde das beunruhigend.

Dabei zwingt, wie Andrej Reisin in Neunjährige erklärt deutschen Medien Rassismus schreibt, die Verwendung rassistischer Wörter in Kinderbüchern die Eltern nicht biodeutscher Kinder immer wieder in schwierige Identitätsdiskussionen mit ihren Kindern und vermiest ihnen das Vorleseerlebnis, das „normale“ deutsche Kinder in Ruhe und Geborgenheit genießen können. Dass rassistische Wörter in Kinderbüchern damit in den geschützten Raum der Familie eindringen und tief in das Gefühlsleben von Menschen eingreifen, will aber vielen nicht in den Kopf. Dass Generationen von Kindern mit den unredigierten Texten aufgewachsen sind („Hat uns doch auch nicht geschadet, sind ja auch keine Rassisten deswegen“) ist dabei irrelevant. Ein erkanntes Übel ist nicht deshalb unschädlich, weil es lange unerkannt blieb oder ignoriert wurde.

Trotzdem werden die Auswirkungen von rassistischem Wortgut immer wieder beiseitegewischt. Das könne doch so schlimm nicht sein und stelle überhaupt eine wertvolle Gelegenheit dar, sich mit der Geschichte der betreffenden Wörter oder dem gesellschaftlichen Klima zur Zeit der Entstehung dieser Bücher zu beschäftigen. Das sei doch auch sehr sinnvoll. Dabei haben die meisten dieser Kämpfer gegen die vermeintliche Zensur Diskriminierung wahrscheinlich nie am eigenen Leib erfahren. Sie können deshalb gar nicht ermessen, was solche Wörter anrichten können und inwieweit das Leben in einer Gesellschaft, die solche Wörter duldet und den Kampf gegen sie ins Lächerliche zieht, zum täglichen Spießrutenlauf werden kann.

Während sie die konkreten Folgen rassistischer Sprache also ignorieren oder leugnen, argumentieren sie häufig auch mit der Notwendigkeit, die „heiligen“ Texte von Astrid Lindgren oder Otfried Preußler nur ja intakt zu lassen, wehren sich gegen die angebliche Zerstörung der eigenen Erinnerungen an tolle Leseerlebnisse und lehnen die aus der Überarbeitung der Texte resultierende weniger diskriminierende Sprache als politisch überkorrekt und gekünstelt ab. Dass es nicht leichtfällt, liebgewordene Gewohnheiten zu überdenken und unter Umständen abzulegen, steht außer Frage. Man begeht aber vermeidbares Unrecht, wenn man vergleichsweise nebensächliche Elemente des eigenen Wohlbefindens über berechtigte und in diesem Fall existenzielle Interessen anderer stellt. Anatol Stefanowitsch schreibt in einem Artikel über gerechte Sprache:

Den ästhetischen Gegnern politisch korrekter Sprache kann ich dagegen nur freundlich raten, noch einmal in sich zu gehen und zu überlegen, ob ihr ästhetisches Empfinden schwerer wiegt als ihr Bedürfnis, auch Menschen, die nicht weiß, männlich, heterosexuell und im mittleren Alter sind, sprachlich gerecht zu behandeln. (Quelle)

Und darum geht es letztlich: Gerechtigkeit. Für alle, nicht nur für diejenigen, die schon immer am längeren Hebel saßen. Echte Gerechtigkeit, also auch für die anderen, und die Frage, wieviel wir sie uns kosten zu lassen bereit sind.

Im Zuge dieser Diskussionen wird immer wieder bemerkt, dass die Säuberung von Kinderbüchern den vorhandenen Rassismus nicht mindere. Oft wird gefordert, deshalb auch Überzeugungsarbeit zu leisten und rassistische Einstellungen mit geeigneten Mitteln anzugehen. Das ist eine sehr sinnvolle Forderung, ganz unabhängig von der Diskussion um die Überarbeitung von Pippi Langstrumpf und der kleinen Hexe.

Dass vielen Organisationen, die genau das tun, von der Regierung der Geldhahn abgedreht wird und sie zusätzlich noch ihr Einstehen für die freiheitlich-demokratische Grundordnung schriftlich zusichern müssen, um die wenigen noch verfügbaren Fördermittel überhaupt erhalten zu können, ist da nicht gerade ermutigend. Und dann sind da noch allerhand Leute in Polizei und Justiz, die auch nach dem Auffliegen des NSU immer noch laut und deutlich auf dem rechten Auge nicht so gut sehen. Man denke nur an Eisleben und Dresden. Beim Kampf gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und rechtsextreme Umtriebe ist man, wie es scheint, mehr und mehr auf sich allein gestellt. Dazu passt dann wieder die von Politikern immer mal wieder geäußerte Forderung nach Zivilcourage – je weniger Unterstützung es gibt, desto mehr Zivilcourage ist nötig.

** * **

Aber wie sieht es jetzt im Alltag aus? Wenn gerechte Sprache schon so wichtig ist, muss das doch für entsprechendes Verhalten umso mehr gelten.

Als weißer Deutscher (mein Migrationshintergrund liegt viele Generationen zurück) erlebe ich Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nicht am eigenen Leib. Aber miterlebt habe ich schon einiges. Ich kann es nicht verknusen, wenn jemand ungerecht behandelt wird. Rassistische bzw. fremdenfeindliche Äußerungen sind auf jeden Fall ungerecht, sie werden von Angehörigen einer Mehrheit gemacht und treffen Leute, die als Angehörige einer Minderheit in einer schwächeren Position sind und sich oft nicht wehren können. Bei sowas geht mir immer das Messer in der Hose auf.

Eine Begebenheit, die sich vor ein paar Jahren zutrug, geht mir bis heute nach. Eine lautstark prollige Gruppe von vier Leuten steigt in die recht volle Straßenbahn ein. Sie drängeln sich ziemlich rücksichtslos zwischen die Aussteigenden. Dabei kommen sie einer Frau mit Kopftuch und langem beigefarbenen Mantel in die Quere, die mit ihren zwei Kindern – einem im Grundschulalter und einem Kleinkind in der Karre – versucht, auszusteigen. Die Frau wirkt gepflegt, die Kinder sind gut angezogen und benehmen sich tadellos. Sie bittet die vier, ihr zum Aussteigen Platz zu machen. Daraufhin zetern zwei von denen los, was sie denn wolle, sie hätten hier bezahlt und lassen sich nicht von irgendwelchen sozialschmarotzenden Ausländern herumschubsen. Man sei ja hier wer, und als allenfalls geduldete Gäste solle sie mit ihrer Brut keine ehrbaren Deutschen belästigen usw.

Die Frau hat zuerst versucht, sich mit Argumenten zu wehren. Das verfing bei den Vieren natürlich nicht, sie legten immer nach, bis die Frau die Nerven verlor und laut wurde. Da wurden die vier erst wach und haben sie förmlich ausgebuht. Da die Straßenbahn weiterfahren musste, war keine Zeit für weitere Diskussionen. Sie stieg mit ihren Kindern aus, hocherhobenen Hauptes. Niemand in der ganzen Straßenbahn hat auch nur einen Mucks gesagt.

Ich auch nicht. Gut, ich war auch mit zwei Kindern unterwegs, damals fünf und zwei, saß drei Sitzreihen vor dem Geschehen und beobachtete das ganze als Spiegelbild in der Trennscheibe zwischen Fahrgastraum und Fahrerkabine. Nach hinten zu gehen und den Prolls ein paar Takte zu erzählen wäre nicht gut gegangen, weil der Gang voll mit Leuten war. Über mehrere Sitzreihen nach hinten zu rufen wäre auch nicht gut gekommen. Ein Brüllduell mit solchen Leuten führt sowieso zu nichts. Aber für die Frau muss es sich absolut scheiße angefühlt haben, völlig unbegründet von solchem Pack heruntergeputzt zu werden, und niemand sagt etwas. Sie muss denken, es sei allen egal, als sympathisiere zumindest ein großer Teil des Publikums mit den Stänkerern. Hätte ich die Klappe aufgemacht, hätte das für sie und ihre Kinder möglicherweise einen großen, wenn auch nur symbolischen Unterschied gemacht. Ein knappes, laut und deutlich ausgesprochenes „Schämen Sie sich!“ an die vier Helden hätte vermutlich schon ausgereicht.

Die Stänkerer zur Vernunft gebracht hätte ich sicher nicht. Aber die Frau wäre nicht mit dem Eindruck aus der Situation gegangen, dass die Mehrheit sich an solchem Verhalten nicht weiter stört, dass sie als Muslima Freiwild ist und nach Belieben angepöbelt werden darf. Dieser Vorfall geht mir deshalb nach, weil ich das Gefühl kenne, ganz allein in einer feindseligen Umwelt zu stehen. Schon symbolische Akte können da einen großen Unterschied machen. Ehrlich gesagt schäme ich mich, damals den Mund gehalten zu haben.

** * **

Nun kann ich nicht beurteilen, wieso diese Leute sich so danebenbenehmen. Das Verhalten ist jedenfalls nicht zu rechtfertigen. Und solange ihnen niemand mal bescheidsagt, müssen sie ja den Eindruck haben, ihr Verhalten sei doch ganz ok. Durch das Wegsehen und Schweigen bestärkt man solche Leute in ihrem Verhalten, und dadurch vergiften wir alle unsere Umwelt. Ein Wort ändert nichts daran, es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber wenn genug Tropfen zusammenkommen, kühlt der Stein mit der Zeit dann doch irgendwann mal wenigstens ein bisschen ab.

Jedenfalls hoffe ich, dass ich – anders als damals in der Straßenbahn – eher als wenigstens kleiner Aktivposten auf der Seite der Gerechtigkeit wirke und nicht als Teil der stummen, schweigenden Masse, die in ihrer Auswirkung leider nicht neutral ist, sondern den Rassisten in die Hände spielt. Weiter hoffe ich, dass ich im Ernstfall auch die Courage aufbringe, das Nötige zu tun. Meine Familie oder mich selbst möchte ich dabei nicht in Gefahr bringen – wenn eine Rotte Glatzen jemanden zusammenschlägt, werde ich wohl nicht dazwischengehen, das wäre Selbstmord. Aber Vorfälle dokumentieren und dann dazu aussagen, das sollte schon drin sein. Und offenen Auges durch das Leben gehen und an der richtigen Stelle das Richtige sagen und tun, das will ich schon, auch wenn es unbequem ist. Niemand hat es verdient, alleingelassen zu werden!

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4 Kommentare on “Kinderbücher und Gerechtigkeit”

  1. Stefan R. sagt:

    Mangel an Empathie, nichts weiter ist es. Ist mir doch egal, wie eventuell betroffene sich fühlen, ich lasse mir den Neger nicht verbieten! Und wenn es an die heilige Literaur geht (Pippi Langstrumpf halten solche Leute bei anderer Gelegenheit vermutlich für eine Aufforderung zum Anarchismus), dann wird man den Kindern ja wohl noch zumuten können… Jetzt nehmen diese Sarrazisympathisanten auch noch die Kinder in Geiselhaft. *doppelkotz*

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  2. gnaddrig sagt:

    Stimmt. Man muss die Kinder ja auch früh mit den Gegebenheiten vertraut machen und sie an die Tatsache heranführen, dass an bestimmten Gegebenheiten bitte auch nicht gerührt wird. Jetzt dürfen Schwule schon praktisch heiraten, die Deutsche Mark ist weg und die grünen Chaoten haben es bald geschafft, Gorleben zu verhindern. Da sollen wenigstens die Kinderbücher so bleiben wie sie sind.

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  3. Yadgar sagt:

    Andererseits speicht aber auch einiges dafür, den originalen Wortlaut zu behalten – nämlich der historische Kontext des jeweiligen Werkes! Kannst du dir z. B. eine politisch korrekt entschärfte und gegenderte Bibel (oder gar Koran) vorstellen? Ich nicht wirklich (wobei es die „Bibel in gerechter Sprache“ ja tatsächlich schon gibt)… und es hülfe auch nicht beim Verständnis realer religiöser Praxis! Genauso ist es sicherlich auch mit säkularen literarischen Werken – ein „Onkel Toms Hütte“ zum Beispiel, in dem selbst die Sklavenhalter nur von „Afroamerikaner*innen“ sprechen wäre reichlich bizarr und völlig absurd!

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  4. gnaddrig sagt:

    Hmjein. Man muss wahrscheinlich unterscheiden zwischen dem Text des Autors und dem, was die Figuren sagen. Die Sklavenhalter würde ich in Onkel Toms Hütte natürlich nicht von Afroamerikanern sprechen lassen, natürlich sagen die Nigger. Aber außerhalb der wörtlichen Rede, wenn die Autorin (nicht aus Sklavenhalterperspektive) von den Leuten spricht, würde ich das wohl ersetzen.

    Da muss man abwägen, für wen und wozu man den Text benutzen will. Als Literaturwissenschaftler würde ich den unverfälschten Text wollen, zum Vorlesen für Kinder eher den angepassten. Gerade wenn z.B. Farbige Kinder dabei sind, würde ich nicht von Negerkönigen u.ä. vorlesen wollen. Die sollen ja das Vorlesen entspannt genießen können, ohne jedesmal die angesprochenen Identitätsdiskussion führen zu müssen.

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