Inflationär

Seit einer Weile hängen an einem Plakatständer in der Nachbarschaft nebeneinander ein Plakat für die „Nacht der Fünf Tenöre“ und eines für einen Auftritt der „12 Tenors„. Soviele Tenöre, muss das sein? Früher gab es den Tenor als Solisten vor allem in der Oper. Den legendären Enrico Caruso etwa. Vielleicht gibt es in der klassischen Opernliteratur auch Werke, die zwei oder mehr Tenöre erfordern, aber gewöhnlich hatte man einen Tenor und gut war.

Im Lauf des 20. Jahrhunderts ging die allgemeine Bildung wieder einmal den Bach hinunter. Die Aufmerksamkeitsspanne der jetzt nicht mehr so gebildeten jungen Leute wurde mit dem Aufkommen von Radio, Fernsehen und anderen Kommunikationstechnologien immer kürzer. Die moderne Musik, also das, was auf bildungsbürgerdeutsch U-Musik heißt, bietet bis heute vorwiegend Formate, die diese Entwicklung unterstützen und beschleunigen. Weil also kaum noch jemand ganze Opern hört, schon gar nicht im Opernhaus, viele Solisten aber durchaus Popstarqualitäten mitbringen, war hier eine Vermarktungslücke entstanden. Jemand hatte dann wohl die Idee, die klassische Opernliteratur durchzukämmen, die für Klassik-Laien am ehesten verdaulichen Passagen zusammenzuschnipseln und im Stil von Best-of-Alben unter’s Fernsehvolk zu bringen.

Anfang der 90er Jahre debütierten also Plácido Domingo, Luciano Pavarotti und José Carreras als „Die drei Tenöre“ mit „den schönsten Opernarien“. Das schlug voll ein und fand natürlich prompt jede Menge Nachahmer. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Ensembles mit dem Strickmuster „Die x Tenöre“ mit immer größeren Werten für x (irgendwann tritt bestimmt der Donkosakenchor als Die 33 Tenöre oder so ähnlich auf, und der Deutsche Chorverband könnte sicher leicht 1000 Tenöre ins Rennen schicken).

In der eingangs erwähnten Nacht der Fünf Tenöre gibt ein Fünfertrupp ähnlich wie Domingo, Pavarotti und Carreras ausgewählte Opernschnipsel zum Besten. Die größeren Ensembles – etwa die Ten Tenors oder die auch oben schon erwähnten 12 Tenors – machen das anders. Das sind im wesentlichen eher Männerchöre, die sich anscheinend überwiegend aus dem typischen Rock-Pop-Repertoire bedienen, das sonst auch Party- und Coverbands und Leute wie Richard Clayderman beackern. Die Bohemian Rhapsody von Queen ist beispielsweise ein muss bei Tenors. Das erinnert auch ein bisschen an die  King’s Singers, die neben alter Musik ja auch Stücke von den Beatles, Billy Joel u.a. vortragen und diese Art Chormusik wenn nicht erfunden so doch wesentlich geprägt haben.

Ich muss gleich sagen, dass ich die klassische Oper scheußlich finde. Da werden Musiker in Kostüme gesteckt und sollen neben der musikalischen Interpretation ihrer Parts auch noch rudimentäre Schauspielerei leisten. Dem kann ich nichts abgewinnen. (Theater ohne Gesang finde ich genauso idiotisch, aber das ist ein anderes Kapitel.) Dazu kommt, dass man praktisch alles von Schütz bis Stockhausen ums Verrecken mit möglichst starkem Vibrato singt. Diese Quintenschleuderei finde ich so unangenehm, dass sie mir lange Zeit auch die klassischen Gesangsstücke verleidet hat, die mir ansonsten gefallen hätten. Dank der mittlerweile sehr verbreiteten historischen Aufführungspraxis werden wenigstens ältere Sachen mit moderatem oder fast keinem Vibrato zur Aufführung gebracht.

Die Oper mag ich also nicht so besonders, vor allem Tenöre. Das Geknödele finde ich unerträglich. Die wackeln durch die Takte, glitschen in langen Bögen auf die richtigen Töne wie ein amerikanischer Straßenkreuzer bei einer Verfolgungsjagd um die Ecken rutscht, und wie dieser die Straßen treffen sie die Töne längst nicht immer. Greulich. Dass man jetzt statt eines Tenors deren drei oder fünf zusammen auf die Bühne stellt und die schlimmsten Stellen der sowieso bescheuerten Opern aufführen lässt, finde ich furchtbar. Da sind mir die eher nichtklassisch orientierten Tenor-Boygroups wesentlich weniger unlieb. Von Tenören wird da wahrscheinlich vor allem aus Marketinggründen gesprochen. Auch wenn die Leute von der Stimmlage tatsächlich Tenöre sein und eine klassische Gesangsausbildung haben sollten, würde ich unter dem Etikett „Tenor“ am ehesten an den Massengeschmack angepasste Derivate klassischer Musik erwarten. Aber sei’s drum, die größeren Tenorgruppen knödeln wenigstens nicht in großer Pose.

Übrigens erinnert mich die Tenöreschwemme an Rasierklingen. Die waren jahrzehntelang auch nur einzeln unterwegs, bis jemand zwei Klingen parallel in einen Rasierer gebaut hat. Mir sind die in den 80er Jahren zuerst begegnet. Ende der 90er kamen dann drei Klingen. Mittlerweile sind wir, soweit ich weiß, bei fünfklingigen Rasierern angelangt. Viel mehr dürfte aus Platzgründen kaum machbar sein. Jedenfalls singt bei Rasierklingen allenfalls der Benutzer, und das in der Regel nicht öffentlich.

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3 Kommentare on “Inflationär”

  1. […] und Rasierklingen treten bekanntlich in immer größeren Gruppen auf. Es war abzusehen, dass das irgendwann um sich greifen und auch […]

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  2. […] muss ich nicht haben, und mit Opern im Allgemeinen und Tenören im Besonderen habe ich es bekanntlich nicht […]

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  3. […] entdeckt. Der ist ein tolles Beispiel dafür, dass man (Achtung: Arrogante Spitze eines bekennenden Opernverächters) auch als Tenor gut singen kann und überhaupt dafür, dass alte Musik nicht langweilig sein muss, […]

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