Atomkraft, Nassrasieren und lustige Geschichten

Immer wieder kann man es beobachten: Jemand erklärt die Welt. Die Welt insgesamt oder Teile davon, die ihn besonders faszinieren oder von denen er glaubt, sie besonders gut zu kennen. In Bussen, Bahnen, Cafés, Kneipen, Kantinen und wo sonst Leute zusammenkommen, die Zeit totzuschlagen haben oder sich nicht ausweichen können.

Zwar gibt es Leute, die ihre Welterklärungen mit einiger Wortgewandtheit, mit Sachkenntnis und sogar mit Witz abliefern, aber das ist meiner Erfahrung nach eher die Ausnahme. Im Normalfall lässt sich jemand (typischerweise ein Mann) ausgiebig über sein Thema aus, nicht selten mit einer gewissen Herablassung, oft langatmig und verquast, gelegentlich mit peinlichen Wissenslücken, meistens sterbenslangweilig. In dem nicht immer berechtigten Bewusstsein, zu den klügeren Köpfen zu gehören, unterstellt er dem Publikum weitgehende bis völlige Unwissenheit allermindestens bezüglich seines Themas.

Das Publikum hat interessiert und bewundernd zuzuhören. Das Publikum darf natürlich gern mal dumme Fragen stellen, die dann ebenfalls in aller Ausführlichkeit beantwortet werden. Das Publikum ist in den allermeisten Fällen eine Frau.

Ich habe den Eindruck, dass Frauen auch in der heutigen westlichen Welt mit ihrer weitgehenden, zumindest formalen Gleichberechtigung immer noch oft zu Männern aufschauen, ihnen Vorrang gewähren und zuhören. Die meisten werden das empört von sich weisen, aber man kann den Effekt immer wieder beobachten. Wann immer sich zu einer Gruppe Frauen ein Mann gesellt, dauert es nicht lange, bis sie an seinen Lippen hängen, während er sich über irgendetwas auslässt. Sogar, wenn sie sich mindestens so gut in der Sache auskennen wie er und sich vor seiner Ankunft selbst lebhaft darüber am Unterhalten waren. Und wenn er sich nun schonmal am virtuellen Rednerpult wiederfindet, sonnt er sich natürlich in der Aufmerksamkeit. Und weil man seine Äußerungen immer wieder bewundernd aufnimmt, glaubt er irgendwann selbst, ein besonders kluger Mensch und begabter Redner zu sein. Und redet noch mehr.

Mansplaining

Für diese Art des fast immer männlichen Welterklärens gibt es im Englischen das schöne Wort to mansplain, gebildet aus man – Mann und to explain – erklären. Den Begriff gibt es seit ein paar Jahren vor allem in feministischen Blogs, und in letzter Zeit verbreitet er sich auch sonst im Internet. Es ist sehr nützliches Wort, für das mir leider keine vergleichbar griffige Übersetzung einfällt.

Als Pendler habe ich unzählige Fälle von Mansplaining miterlebt. Ich habe zwangsweise mit angehört, wie die Atomkraft erklärt wurde, die Grundlagen der Nahostpolitik, der Zusammenbruch von Lehman Brothers, die beste Art, Urlaubsreisen zu buchen und vieles andere mehr. Das hat mitunter hohes Fremdschämpotenzial. Mir ist es schleierhaft, wie die Opfer das so lange aushalten und wieso sie sogar noch aktiv mitspielen, aufmerksam zuhören, an den richtigen Stellen die richtigen Geräusche machen usw. Die sind wahrscheinlich einfach zu höflich, oder sie wollen es sich vielleicht nicht mit dem Kollegen verscherzen – es heißt, dass Mansplainer notorisch dünnhäutig auf Kritik oder zu großes Vorwissen der Zuhörer reagieren. Jedenfalls ist es kein Vergnügen, das zu mitanzusehen.

Fairerweise muss ich zugeben, dass ich mich auch schwertäte, so jemandem geradeheraus zu sagen, dass er mich langweilt, weil mich sein Monolog entweder nicht interessiert oder ich über das Thema sowieso schon bescheidweiß. Und ebenfalls fairerweise muss ich auch noch anmerken, dass das Publikum augenscheinlich nicht immer gelangweilt oder genervt ist. Manche Zuhörerinnen wirken tatsächlich interessiert und gut unterhalten. Ob das echt ist oder Schauspielerei, weiß ich natürlich nicht, und die Leute sind sicherlich in der Lage, selbst auf sich Acht zu geben. Es ändert jedenfalls nichts an der Qualität oder dem Stil der Monologe.

Der neue Mann

Jetzt gilt ja seit Jahren schon, dass der neue Mann nicht mehr nur harter Kerl sein darf (Autos reparieren, Säbelzahntiger verjagen und so), sondern auch Gefühle haben und zeigen muss. Er soll die harte Schale öffnen und sein weiches Inneres offenbaren. Nicht zuletzt, weil ihm dann angeblich mehr und hübschere Frauen zu Füßen (und möglicherweise bis ins Bett) fallen, woran man als Mann nach wie vor unbedingt jederzeit stärkstes Interesse zu haben hat. In der Folge hat sich eine gefühlsbetonte Variante des Mansplaining herausgebildet, wo Kerle dann etwa ihre Erfahrungen und Gefühle beim Nassrasieren referieren. Sowas habe ich im Lauf der Zeit auch mehrmals miterleben dürfen, und das ist kein bisschen weniger unangenehm als die vorher erwähnten belehrenden Monologe.

Wir haben bisher also das klassische, eher technisch orientierte Mansplaining betrachtet und ein neues, eher gefühlsorientiertes Mansplaining. Es gibt aber noch eine dritte Art, die eher auf Unterhaltung abzielt als auf Belehrung. Als Sujet eignet sich alles, was irgendwie interessant oder witzig ist oder im weitesten Sinn mit Freizeitgestaltung zu tun hat. Gern werden beispielsweise Filme nacherzählt. Ich habe im Bus schon Avatar mit angehört, Inception, eine ausführliche Abhandlung über Star Wars, eine über das segensreiche Wirken Clint Eastwoods und eine Nacherzählung der Shrek-Filme. Das ist meistens allenfalls mäßig unterhaltsam, kann aber doch immerhin ein bisschen nützlich sein, wenn man sich für den abgehandelten Film zufälligerweise sowieso interessiert. Da spart man sich u.U. die Onlinerecherche. Auch ein Konzert von Bob Dylan mit Mark Knopfler als Vorgruppe habe ich erzählt gehört, Freizeitparkbesuche und lustige Begebenheiten aus dem Urlaub.

Übel wird es aber, wenn jemand versucht, Witziges nachzuerzählen. Kürzlich hat ewa jemand im vollbesetzten Bus mehrere lustige Reden von einer Toastmasters-Veranstaltung zusammengefasst. Dabei hat er jeweils das humoristische Grundgerüst referiert und die Pointen erklärt. Das war für mich so unkomisch wie der Beipackzettel von Fieberzäpfchen, und ich hatte dummerweise keine Kopfhörer greifbar, um die Ausführungen mit Musik zu übertönen. Nach der zehnminütigen Busfahrt war ich zum Schreien genervt. Schlimmer war nur Erdkunde in der 9. Klasse. Immerhin hat der Herr kohärent und ruhig erzählt, anders als das Dampfgesabbel, dem Volker Strübing vom Schnipselfriedhof neulich auf einer Zugfahrt das Unglück hatte beizuwohnen. Dafür hat der sich eine geniale  Methode ausgedacht, sowas abzustellen. Das könnte auch bei Mansplainern funktionieren, man muss dafür allerdings recht unverfroren sein und ein dickes Fell haben.

Mantertainment

Für diese Art Monolog fehlt noch ein Wort. Denkbar wäre da Mantertainment. Das wäre analog zum Mansplaining ein vorwiegend von Männern vorwiegend an Frauen gerichteter Monolog mit dem Ziel, zu unterhalten. (Das Wort gibt es schon, allerdings nicht in dieser Bedeutung, aber das kann sich ja entwickeln. Der Wortschatz ändert sich bekanntlich recht schnell.) Die Grenzen zum Mansplaining sind natürlich fließend, beide kommen selten in Reinform vor. Meistens sind Mischformen zu beobachten, wo der Vortragende sowohl belehren als auch amüsieren will.

Mir als jemandem, der sich (hoffentlich nicht ganz zu unrecht, und nein, das ist nicht fishing for compliments) für einigermaßen klug und gebildet hält und der gern sein Wissen mit anderen teilt, unterläuft sicher auch gelegentlich der eine oder andere Ausrutscher ins Monologisieren. Deswegen will ich hier auch nicht allzu hart urteilen, von wegen eigene Nase und so. Aber wenn ich dann tatsächlich mal ins Mansplainen gerate, hoffe ich nur, dass meine Zuhörer sich dann trauen, mir das möglichst gleich zu sagen anstatt sich mit zunehmend glasigen Augen meinen uninteressanten Quark an die Backe sabbeln zu lassen. Seufz, man hat es nicht leicht, wenn man soviel weiß wie ich…

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3 Kommentare on “Atomkraft, Nassrasieren und lustige Geschichten”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Als Übersetzung für das „mansplainen“ fiele mir spontan die Deutschkreationen „erkerlen“ als Mischung zwischen „erklären“ und „Kerl“ ein. Oder „erkärlen“ oder „erklerlen“?

    Und gibt es nicht etwa auch das „womansplaining“ – bei welchem alles interpretiert und zum Zwecke der Böse-Absichten-Unterstellung auf verborgene Hintergedanken durchleuchtet wird?

    Davon abgesehen ist die Blogosphäre für mans- und womansplain-Allergiker sowieso ein viel gefährlicher Aufenthaltsort als das ÖPNV 🙂 Nur ist dort das abschalten einfacher…

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  2. gnaddrig sagt:

    Klar ist die Blogosphäre eine wahre Mansplainingorgie. Aber da weiß jede im Prinzip schon vorher, worauf sie sich einlässt, wenn sie wo lesen geht. Und eben, das Wegsurfen oder Abschalten ist nur einen Klick entfernt.

    Und ja, es gibt noch alle möglichen verkorksten Formen des *plaining, aber ich sehe mich das nicht typisieren. Da soll sich wer anders dran abarbeiten.

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  3. Yadgar sagt:

    Hoffentich hatten die Mansplainer und Mantertainer wenigstens Bärte… richtige Bärte, versteht sich, nicht George-Michael-Designerstoppeln! Und wenn sie dann auch noch nach Kräften Manspreading betrieben…

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