Metzger oder Tierarzt?

Pfeffermatz hat hier über Übersetzbarkeit geschrieben. Er schreibt, dass er ständig überlegt, wie man bestimmte Sachen auf Englisch oder Deutsch sagen würde. Das geht mir ähnlich. Wenn ich Leute sprechen höre, läuft bei mir gelegentlich der innere Simultandolmetscher mit und versucht, das Gesprochene je nachdem auf Deutsch oder in einer meiner Fremdsprachen wiederzugeben. Wenn ich Texte lese, läuft mein innerer Korrekturleser mit und klopft das Gelesene auf Fehler (Rechtschreibung, Grammatik, Stil) und unklare Passagen ab.

Das ist  beim Übersetzen immer der erste Schritt. Unklare Texte lassen sich nämlich in der Regel nicht gescheit übersetzen. Man muss sich dann entweder auf eine der denkbaren Bedeutungen festlegen und riskiert damit, in der Übersetzung genau das falsche zu sagen. Oder die Übersetzung wird so unscharf, dass sie nicht funktioniert und damit letztlich unbrauchbar ist.

Bei literarischen Texten mag man sich über solche Stellen gelegentlich hinwegretten können, sofern man die Stimmung der Passage einfängt und inhaltlich nicht allzugroßen Unsinn schreibt. Bei der Übersetzung technischer Texte ist das aber meistens nicht möglich. Wenn die richtig geschrieben sind, gibt es da nichts, was man schadlos weglassen kann. Und der Grat zwischen vage genug, dass es nicht falsch ist und zu vage, sodass es nichts aussagt ist meistens recht schmal, und man fällt leicht auf der einen oder anderen Seite vom Pferd.

„Schreiben Sie das mal auf [Zielsprache]“

Übersetzen ist fast immer mehr als einfache Schreibarbeit. Der zu übersetzende Text ist nicht einfach eine Reihe von mehr oder minder eindeutigen Vokabeln, die nach mehr oder minder bekannten Regeln aneinandergeknüpft wurden. Jeder Text hat eine bestimmte Funktion und muss mit den relevanten Textkonventionen, seinem Stil, seiner Sprachebene, seiner Zielgruppe, dem kulturellen Hintergrund, vor dem er steht, in eine andere Sprache überstragen werden, in der das grammatische und lexikalische Instrumentarium oft erheblich anders aussieht, in der andere Textkonventionen gelten, der kulturelle Hintergrund ein anderer ist, wo die Zielgruppe in der Form vielleicht gar nicht vorhanden ist oder anders zusammengesetzt ist oder anders tickt. Dann ist da das weite Feld der zwischen den Zeilen implizierten Informationen, von Anspielungen, ironischem Sprachgebrauch usw. Diese Dinge fallen allzuleicht unter den Tisch oder werden vom Übersetzer schlimmstenfalls gar nicht erst erkannt.

Übersetzen ist also alles andere als trivial. Maschinen verschiedenster Art sind zwar oft nützliche Werkzeuge dabei, können aber bisher keinen menschlichen Übersetzer ersetzen. Trotz interessanter Entwicklungen auf den Gebieten automatische Spracherkennung, maschinelle Übersetzung und Sprachsynthese sieht es im Moment auch nicht so aus, als würde sich das in absehbarer Zeit ändern. Google-Übersetzungen sind eine feine Sache und haben durchaus ihren Sinn, allerdings nicht bei der Produktion tatsächlich benutzbarer Übersetzungen, schon gar nicht für die Veröffentlichung.

Auch die Sekretärin oder der Ingenieur mit Schulenglisch und Wörterbuch, die Bedienungsanleitungen oder Produktbeschreibungen in eine Fremdsprache übersetzen, produzieren oft ziemlich schmerzhafte Texte. (Ähnlich daneben ginge es, wenn ich Software schreiben oder Maschinen konstruieren würde.) Die Leute tun sicher ihr Bestes, sind aber auf einer Baustelle unterwegs, auf der sie sich nicht auskennen. Die resultierenden Übersetzungen sind deshalb oft genug auch nicht wirklich benutzbar. Es reicht eben nicht aus, sich Wort für Wort durch einen Text zu hangeln und mehr oder weniger willkürlich aus dem Wörterbuch zusammengesuchte Vokabeln aneinanderzureihen. Deshalb braucht es Übersetzer, die halbwegs wissen, was sie tun (dazu muss man übrigens nicht unbedingt Diplom-Übersetzer sein, ich habe eine Reihe von Leuten kennengelernt, die ganz hervorragend übersetzen, ohne das je formal gelernt zu haben).

Maler, Bildhauer, Schrauber

„Echtes“, umfassendes Übersetzen möchte ich mal mit einem Vergleich illustrieren: Man kriegt ein Poster mit einem Foto darauf vorgelegt und soll mit den verfügbaren Mitteln eine Kopie von diesem Poster machen. Die vorhandenen Mittel sind natürlich nicht Fotoapparat oder Farbkopierer. Je nachdem, in welche Sprache man übersetzt, hat man eine Staffelei mit einer Leinwand, einen Block mit Zeichenpapier, eine Schultafel, eine weiß gekalkte Wand, ein Stück asphaltierte Straße, ein hölzernes Brett, eine Glasscheibe, ein Stück Linol, eine Kupferplatte oder sonst eine Oberfläche, auf die man das Bild draufpraktizieren soll. Als Werkzeug hat man, wieder abhängig von der Zielsprache, Pinsel und Farbe – etwa Gouache, Öl oder Acryl, oder einen mehr oder weniger umfangreichen Satz Buntstifte, Filzstifte, Wachsmalstifte, Kreide, einen Bleistift, einen Grabstichel, Schnitzmesser oder was es sonst noch so gibt.

So wie es unzählige Materialien, Werkzeuge und Techniken zur Produktion von Bildern gibt, hat jede Sprache ihre Eigenheiten. Man kann zwar grundsätzlich jeden Gedanken in jeder Sprache ausdrücken. Aber manche Sachverhalte lassen sich in manchen Sprachen einfacher ausdrücken als in anderen, in der einen Sprache eleganter, in der anderen umständlicher. Oft muss man in der Zielsprache andere Abgrenzungen vornehmen als in der Ausgangssprache, oder man muss aus grammatischen Gründen Festlegungen vornehmen, die der Ausgangstext nicht hergibt.

Wenn dann über die reine Information hinaus, auf die es etwa in technischen Texten ankommt, noch Metaphern, rhythmische Elemente, Reime u.ä. vorhanden sind, die auch übersetzt werden sollen, wird es vollends schwierig. Da kommt man schnell an die Grenzen des Machbaren, und es ist offensichtlich, dass jede Übersetzung in manchen Aspekten hinter dem Original zurückbleibt.

Als Übersetzer kann man sich dem Original nur mehr oder weniger annähern und im besten Fall eine Übersetzung abliefern, die in der Zielsprache und -kultur funktioniert und dem Original in seinen wesentlichen Aspekten einigermaßen ähnlich ist. Nicht immer wird man eine fotorealistische Zeichnung hinkriegen, die sich von der Vorlage vor allem durch die weniger gesättigten Farben unterscheidet. Manchmal muss man sich mit einem in eher groben Pinselstrichen ausgeführten Ölgemälde zufriedengeben, das wenigstens erkennbar dasselbe darstellt wie das Foto.

Dazu kommt, dass Übersetzung gerade bei literarischen Texten nicht einfach die Übertragung eines Textes aus einer Sprache in die andere ist. Sie ist immer auch die Übertragung aus einer Kultur in die andere. Die gesellschaftlichen Gegebenheiten unterscheiden sich oft fundamental, und viele Bilder funktionieren in der Zielkultur nicht oder werden missverstanden, Konnotationen gehen verloren. Konzepte, die in der Ausgangsskultur selbstverständlich geläufig sind, müssen in der Zielkultur manchmal erst eingeführt und erklärt werden.

Das machen wir schnell auf der Werkbank, hol mal wer das Teppichmesser

Unter Umständen sind Ausgangs- und Zielsprache und -kultur so unterschiedlich, dass der Übersetzer nicht einmal ein Bild produziert, sondern stattdessen ein Relief auf Sandstein herstellt, eine Skulptur aus Holz, Ton oder Legosteinen, oder statt einer möglichst ähnlichen Reproduktion des Fotos nur eine detaillierte Beschreibung liefern kann. Die Reproduktion der Mona Lisa aus Sand mit Schäufelchen und Haarspray könnte im Rahmen dieses Vergleichs durchaus eine angemessene Übersetzung sein. Übersetzen ist kein Hexenwerk, aber es braucht mehr als ein Wörterbuch dazu.

Kaputte Zähne lässt sich heutzutage ja auch niemand mehr beim Schmied ziehen. Und während ich mir den Blinddarm deutlich weniger ungern vom Tierarzt als vom Metzger entfernen ließe, würde ich dafür trotzdem den einschlägigen Fachmann unbedingt vorziehen und mich nach Möglichkeit von einem entsprechend ausgebildeten Humanmediziner operieren lassen.

Gut, anders als hobbymäßig auf der Werkbank im Keller ausgeführte Blinddarmoperationen sind Übersetzungen von unterirdischem Niveau meistens nicht lebensbedrohlich, aber schmerzhaft sind sie allemal. Jedenfalls für feinsinnige Gemüter wie (hüstel) mich. Das Blöde ist nun aber, dass nicht die Produzenten dieser „Übersetzungen“ die Schmerzen haben, sondern ich. Die merken wahrscheinlich kaum je, dass sie Schrott produziert haben, kommen vielleicht gar nicht erst auf die Idee, dass diese Möglichkeit überhaupt besteht. Deshalb wird diese Art Übersetzung so schnell nicht aussterben.

(geht jammernd ab, eine mehrsprachig verkorkste Bedienungsanleitung unterm Arm, die sicherlich in einem eigenen Blogartikel verwurstet wird…)

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4 Kommentare on “Metzger oder Tierarzt?”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Danke für die Erwähnung 😉 Aber noch größeren Dank für diese ausführliche Betrachtung der Übersetzungsproblematik. Dein Bild mit dem Gemälde, das es in ein anderes visuelles Medium zu „übersetzen“ gilt, gefällt mir – das werde ich aufgreifen!

    Was Bedienungsanleitungen angeht, da ärgere ich mich weniger über die (eher belustigenden) Übersetzungen, sondern über den Inhalt und die nutzlosen Tipps zur Fehlerbehandlung: „Problem: Gerät wird trotz erfolgter Installation nicht erkannt. Lösung: Befolgen sie die Anweisungén im Kapitel <>“. Aaargh.

    Schlimmer finde ich es tatsächlich, wenn ich eher zufälligerweise auf eine Film-(oder TV-)Übersetzung stoße, die den Charme oder der hintergründigen Humor oder die Intelligenz des Originals außer acht lässt.

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  2. gnaddrig sagt:

    Gern geschehen. Der Gedanke zu diesem Beitrag kam mir tatsächlich beim Lesen Deines Textes. Hat dann eine ganze Weile gebraucht, aber gut Ding will Weile haben 🙂

    Bei Bedienungsanleitungen gebe ich Dir recht. Oft sind die Dinger schon von vornherein schlecht geschrieben. Unvollständig, falsch strukturiert, sprachlich missraten. Die Übersetzung passt dann in jeder Hinsicht zum Ausgangstext und ist eine Bestätigung der Regel crap in, crap out.

    Filme gut zu synchronisieren ist, glaube ich, fast unmöglich, schon weil man viele Witze und Anspielungen nie in derselben Kürze übersetzt kriegt. Wenn sie denn überhaupt verständlich wären.

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  3. Yadgar sagt:

    „Man kann zwar grundsätzlich jeden Gedanken in jeder Sprache ausdrücken.“

    Also, in Ozeanischer Neusprache geht das nicht… „Der Große Bruder ist ungut“ ergäbe zum Beispiel überhaupt keinen Sinn!

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  4. gnaddrig sagt:

    So? Es wäre eine unerwünschte Äußerung, aber sie wäre in Ozeanischer Neusprache sicher möglich.

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In den Wald hineinrufen

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