Merkwürdige Zurückhaltung

In einem Artikel im Wirtschaftsteil der gedruckten Süddeutschen Zeitung von gestern lese ich, dass die Deutschen ihr Geld falsch anlegen. Sie setzen anscheinend zu sehr auf Sicherheit und lassen dadurch gute Gelegenheiten sausen, höhere Renditen zu erzielen. Der Bundesverband der Investmentgesellschaften (BVI) bedauert das naturgemäß. Diese Leute wissen selbstverständlich, was gut ist für den Anleger und beraten seit eh und je seriös und uneigennützig.

Rüdiger Sälzle, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Fondsconsult, barmt, er höre immer wieder von Mitarbeitern der von seiner Firma betreuten Sparkassen, dass deren Kunden „Aktienanlagen derzeit scheuen wie der Teufel das Weihwasser.“ Man könne sie höchstens zu Garantieprodukten überreden, bei denen die Verlustrisiken begrenzt seien. Die Finanzwelt ist sich einig, dass das natürlich die falsche Anlagestrategie ist, weil die Inflation die niedrigen Zinsen etwa bei Bundesanleihen auffrisst und derzeit sogar negative Renditen zur Folge hat. Die Aktien der 30 Firmen im DAX haben dagegen allein im letzten Jahr um 30 Prozent zugelegt. Statt Sparbücher zu horten, sollten die Deutschen, findet Sälzle, eher „stärker in Richtung Risiko gehen.“

Tun sie aber nicht, sie verstecken ihr Geld lieber in Sparbüchern oder auf Festgeldkonten mit erbärmlichen Zinsen. Ja, schade. Aber wo mag diese Haltung herkommen? Waren es nicht Banken, die den Leuten allen möglichen hochriskanten Schrott als todsichere Anlage aufgeschwatzt haben? Berater, wie sie sich jetzt über die übertriebene Vorsicht der Deutschen wundern, waren es doch, die den Leuten eifrig Scheiße als Schokolade verkauft haben, um ihre von allzu ehrgeizigen Chefs vorgegebenen, übersteigerten Umsatzziele zu erreichen. Die gutgläubige Kundschaft hat sich an den ganzen undurchsichtigen Produkten der Finanzfirmen gründlich die Finger verbrannt und fasst jetzt eben nichts mehr an, was auch nur so ähnlich aussieht.

Natürlich stimmt es, was Thinkabout hier schreibt: Wenn die Finanzkrise durch Gier ausgelöst wurde, dann steht hinter der Maßlosigkeit der Banker zumindest als eine Ursache die Gier der Kundschaft. Wenn man den Leuten einredet, sie könnten immer noch ein Prozent hier und ein Prozent da an Rendite herauskitzeln, werden genügend Leute genau das versuchen. Dann ist die Nachfrage vorhanden, und die Finanzfirmen bieten natürlich – auf vielfachen Publikumswunsch, wir geben den Leuten nur, was sie wollen – entsprechende Produkte an. Dass diese Produkte dann riskanter sind, sollte man als Anleger schon wissen, und als Bankberater hätte man sehr ausdrücklich darauf hinweisen müssen. Das haben viele Banken bekanntlich nach Möglichkeit vermieden, aber gut, jede Krähe hackt für sich, und jetzt ist das ganze Geld eben weg.

Viele Kunden sind durch eigene Naivität und manchmal Dummheit ins offene Messer gelaufen und haben viel Geld verloren. Viele Banken haben ihre Kunden ins offene Messer laufen lassen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass das dort niemand hat kommen sehen. Dass die phantastischen Gewinne der Investmentabteilungen nur auf irgendjemandes Kosten zustandekommen konnten, musste schon damals zumindest den Banken klar sein. Die Banken haben die zugegeben oft naive und oft auch gierige Kundschaft nach Strich und Faden ausgenommen. Und die Oberbanker, bzw. die Kundenberater, die deren Vorgaben umgesetzt haben, wundern sich jetzt, dass die Kunden von allen Anlageformen die Nase voll haben? Da hat jemand ganz laut und deutlich den Schuss nicht gehört. Das ist Abgehobenheit, Realitätsverlust, Realitätsverweigerung der allerobersten Güte.

Jetzt kenne ich die Firma Fondsconsult des Herrn Sälzle nicht und weiß auch nichts über ihr Verhalten vor und während der Finanzkrise. Aber im Großen und Ganzen haben die Banken – wahrscheinlich oft von solchen Beratungsfirmen angefeuert – alles Vertrauen, das die normalen Anleger je gehabt haben, systematisch ausgenutzt, missbraucht und damit zu recht gründlich verspielt. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, heißt es. Und wer jahrelang lügt und damit schmerzhafte finanzielle Verluste bei seinen Kunden verursacht, dem glaubt man erst recht nicht. Und wenn dieselben Banken ganz offensichtlich nichts aus der Sache gelernt haben und weitermachen als sei nichts geschehen, braucht man jetzt nicht unschuldig zu tun und muss sich auch nicht öffentlich wundern, wenn die Kunden nicht mehr mitspielen.

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5 Kommentare on “Merkwürdige Zurückhaltung”

  1. Stefan R. sagt:

    Immer noch gültig dazu Herr Schmickler im Jahre 2008:

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  2. gnaddrig sagt:

    Yeehaw, mit Verve auf den Punkt gebracht! Danke für den Link!

    Ein großer Unterschied zwischen professionellen (und „professionellen“) Geldanlegern einerseits und privaten Sparern andererseits ist ja auch der: Der Profi kann viel mehr Risiken eingehen, weil – wenn dann doch mal was schiefgeht – fast immer noch genug Geld vorhanden ist, den Karren aus dem Dreck zu spekulieren, Der kleine Sparer mit zehn oder zwanzigtausend Tacken hat nichts mehr zum Nachschießen, wenn seine Einlage verdampft ist.

    Darum ist es erstens nachvollziehbar, dass bis zur großen Finanzblase und seitdem wieder die normalen Leute eben nicht so auf Risiko gehen, auch wenn sie dadurch gute Renditechancen vergeben. Da gilt der Spruch vom Spatz in der Hand und der Taube auf dem Dach.

    Es macht halt einen Unterschied, ob ich mich selbst in den finanziellen Abgrund spekuliere und später dann gar nichts habe, oder ob ein Profi mal ein paar Millionen versenkt und dann schlimmstenfalls mal keinen Bonus kriegt. Das scheint die Finanzbranche aber grundsätzlich nicht zu verstehen oder verstehen zu wollen. Stehende Ovationen für Herrn Schmickler.

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  3. tinyentropy sagt:

    In der ZDF Sendung Zoom wurde kürzlich untersucht, wie gut die Kunden in den meisten Banken beraten werden. Wie zu erwarten ein denkbar schlechtes Fazit. Es sind Verkaufs- und keine Beratungsgespräche.

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  4. gnaddrig sagt:

    Sowas in der Richtung habe ich vor ’ner Weile auch irgendwo gelesen. Eigentlich eine Sauerei. Nicht, dass sie Verkaufsgespräche führen, das kann ich noch verstehen. Aber dass sie so gar nichts gelernt zu haben scheinen.

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  5. Yadgar sagt:

    Wenn ich so einen schmiergeleckten Schlipsomaten sehe (die sehen alle so merkwürdig gleich aus, keiner kleiner als 1,88 m, BMI höchstens 21 – als gäbe es mittlerweile Klonfarmen für Yuppies!) kommen mir regelmäßig Gedanken, die hier zu veröffentlichen mindestens die Straftatbestände der Gewaltdarstellung, öffentlichen Aufforderung zu Straftaten, schweren Landfriedensbruchs, Beleidigung und übler Nachrede erfüllen würden…

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