Negative Unterschneidung

Ein zentrales Element der Typographie ist das Kerning, auf Deutsch Unterschneidung. Das ist laut Wikipedia der Vorgang, den horizontalen Abstand zwischen mehreren Buchstaben durch optischen Ausgleich so zu verringern, dass er gleichmäßig erscheint und so vom Betrachter als angenehmer empfunden wird. Anders gesagt, per Unterschneidung wird ein ebenmäßig wirkender, knotenfreier Buchstabenfluss hergestellt. Gut gemachtes Kerning erkennt man daran, dass es nicht auffällt.

Das gelingt natürlich nicht immer im gewünschten Maß, gelegentlich verrutscht da schon mal was. Dann stehen Buchstaben beispielsweise zu eng beieinander. Sie verschmelzen optisch miteinander und die Leserlichkeit ist dahin. David Friedman hat dafür den Fachausdruck keming geprägt. Das Wort kerning falsch unterschnitten kann wie keming aussehen, und damit hat man gleich einen sprechenden Fachbegriff für genau diesen Sachverhalt. Finde ich genial!

Mir ist jetzt das entgegengesetzte Phänomen begegnet. Durch ein typographisches Versehen sieht ein Wort fast so aus als wären es zwei. Auf dem Ladenschild einer kürzlich eröffneten Filiale von Reifen Keskin (Fachhandel für Rasereibedarf) steht nicht Keskin, sondern Kesk in:

negative_unterschneidung

Wenn zwei Buchstaben in einem Text zu dicht zusammenstehen, heißt das ja keming. Wenn sie zu weit auseinander stehen, ist das das Gegenteil, und man könnte das streng logisch negative keming nennen, zu Deutsch negative Unterschneidung.

Damit hat die Terminologieabteilung von gnaddrig ad libitum eine der großen lexikalischen Lücken der deutschen Gegenwartssprache endlich geschlossen. Eine, an die sich meines Wissens nicht einmal Sascha Lobo herangetraut hat, und der hat auf der Grundlage der Wortschatzkolumne von NEON immerhin ein ganzes Buch über wortschatzlückenschließende neue Wörter herausgebracht.

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3 Kommentare on “Negative Unterschneidung”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Warum nicht etwas „Kern ing“? Würde doch eher Sinn mach en und wäre anal og zum Begr iff „keming“!

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  2. gnaddrig sagt:

    Naja, kern ing ist kein Wort, das man vernünfig verwenden kann. In der Aussprache unterscheidet es sich minimal von kerning (beim ersteren hat das i einen Glottisschlag (glottal stop), beim letzteren nicht), aber der Unterschied ist so gering, dass man die zwei Ausdrücke kaum auseinanderhalten könnte. Schreiben ließe sich das auch nicht vernünftig, ein so aufgeteiltes Substantiv ist im Deutschen nicht vorgesehen. Darum mein Vorschlag, bei dem ich den vorhandenen Fachbegriff nehme und durch den Zusatz von negativ ins Gegenteil verkehre. Das verbraucht wohl mehr Druckerschwärze, ist aber verständlicher.

    Und überhaupt, Kern ing liest sich, als hätte der Schriftsetzer Schluckauf gehabt. Da kommen dann die Leute und beschweren sich beim Verlag über die Druckfehler 🙂

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  3. […] wohl nur mit ziemlicher Sicherheit, dass es sich bei dem I am um ein lateinisches iam mit einem typographischen Fehler handelt. Schade, nunmehr immergrün oder schon jetzt immergrün wäre auch ganz witzig […]

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