iDingens

Es wird immer wieder über das sogenannte Internet der Dinge geschrieben. Machbarkeitsbegeisterte träumen es wegen seines grandiosen Potenzials seit Jahren mit glühenden Herzen herbei. Mit der schrittweisen Einführung des neuen IPv6 ist es nun endlich soweit. Es steht ein auf absehbare Zeit unerschöpflicher Namensraum zur Verfügung, in dem alles und jedes seine eigene IP-Adresse haben und prinzipiell über ein Internet ansprechbar sein kann. Damit ist endlich der Weg für die internetfähige elektronische Büroklammer frei, auf die wir schon so lange gewartet haben.

Visionäre aller Art schwärmen gern und ausgiebig von den großartigen Möglichkeiten, die das Internet der Dinge bietet. Kühlschränke, die die Mindesthaltbarkeitsdaten der Lebensmittel verfolgen und alles, was verdorben oder aufgebraucht ist, selbsttätig (selbstverständlich wahlweise beim ökologischsten, nächsten oder billigsten Anbieter) nachbestellen. Mittels komplexer Berechtigungskonzepte und dazu passender, mit Mobilgeräten arbeitender Zugangslösungen könnte das Zeug dann direkt in meinen Kühlschrank geliefert werden, ohne dass ich als Hausherr überhaupt anwesend sein muss. Fenster, Heizungen, Lüftungen, Jalousien, die sich fernsteuern lassen oder nach ausgeklügelten Programmen selbst regeln. Kleidungsstücke, die ihren Status und derzeitigen Aufenthaltsort selbsttätig melden.

Kaum eine Idee ist zu abgefahren, als dass sie nicht irgendjemand in fantastische Szenarios einbauen und in den leuchtendsten Farben ausmalen würde. Ich komme mir immer ein bisschen wie ein Spielverderber vor, wenn ich diese Visionen dann ohne diesen ganz großen Enthusiasmus aufnehme und eher die Risiken und Nebenwirkungen betrachte. Oft sehe ich ja nicht einmal das von dem jeweiligen Visionär gemalte Idealbild selbst als erstrebenswert an. Da steckt für meine Begriffe viel zu viel dystopisches Potenzial drin. Aber gut, mit Leuten wie mir säßen wir noch in Felle gekleidet vor unseren Höhlen am Lagerfeuer, würden über Feuersteinlieferanten motzen und hätten Angst vor Sternschnuppen…

Dabei bin ich gar nicht technikfeindlich, im Gegenteil. Ich will Kugelschreiber, doppelverglaste Fenster, thermostatgesteuerte Heizungen, Mikrowellenherde, Scannerkassen, Geldautomaten, Quarzuhren, Autos und all das gar nicht missen. Als Übersetzer bin ich froh, dass es Computer, Datenbanken, alle möglichen Onlineressourcen gibt, die mir das Leben leichter machen. Übersetzungssoftware hilft mir, einmal übersetzte Sätze oder Satzbruchstücke wiederzuverwenden und so ein Maß an Konsistenz zu erreichen, für das man noch vor dreißig Jahren jede Menge Karteikarten von Hand hätte pflegen müssen. Ich kann mich dank Internet aus dem Stand sehr schnell in fast jedes Thema wenigstens oberflächlich einarbeiten, mit Leuten in aller Welt billig und schnell kommunizieren, oft von der Erfahrung dieser Leute profitieren. Ich habe Möglichkeiten, von denen vor wenigen Jahren kaum jemand zu träumen gewagt hätte, und ich nutze diese Möglichkeiten sehr gern und mit großer Begeisterung.

Aber ich will derjenige sein, der die Fäden zieht. Ich will nicht irgendwann aufwachen und merken, dass ich ohne mein Handy, meinen Organizer, meinen Internetzugriff nicht mehr alltagstauglich bin. Ich will die Telefonnummern meiner Leute noch im Kopf haben und nicht nur als Schnellwahl 1, 2 oder 3 auf dem Telefon. Ich will auch ohne Navi in der Lage sein, die Orte zu finden, zu denen ich so fahre. Ich liebe gedruckte Wörterbücher, auch wenn sie nicht wie ihre Onlinegeschwister immer auf dem allerneuesten Stand sind. Ich will mir auch ganz sicher nicht von einer schlampig geschriebenen Kühlschrankinventar-App vorschreiben lassen, welche Wurst ich wie oft kaufe. Und spätestens wenn der Lichtsensor mir zum zweitenmal in einer Nacht den Rolladen im Schlafzimmer öffnet, weil ein Blödmann mit Fernlicht um die Ecke gefahren kommt und der Apparat die Situation missversteht, würde ich dem Ding den Saft abdrehen.

Solange die Technik macht, was ich ihr sage, ist Technik gut. Sobald sie versucht, das Ruder zu übernehmen, kommt das wichtigste Bedienelement zum Einsatz: der Ausschalter. Was keinen hat, kommt mir gar nicht erst ins Haus.

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3 Kommentare on “iDingens”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Dann bist Du wohl auch kein Freund von Apple-Geräten, denn die nehmen ja einem im besonderen Maße das Denken ab. Die tun stets nur das, was ein Team in Cupertino für sinnvoll erachtet. Deswegen bleibe ich bei Microdoof (und für Linux bin ich selber zu doof ;))

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  2. gnaddrig sagt:

    Apple-Geräte mag ich tatsächlich nicht. An denen stört mich allerdings weniger, dass sie einem das Denken abnehmen, sondern die Arroganz, mit der diese Firma alle Welt zu zwingen versucht, nur genau das genau so zu machen, wie die sich das vorstellen. Dass sie ihren Kunden ungefragt die Musik zensieren und entschärfte Versionen unterschieben etwa. Dass sie mit ihren komischen Formaten allen das Leben schwer machen. Wenn ich ein goldenes Kalb brauche, kaufe ich mir was von Apple, aber meine Elektronik beziehe ich lieber von anderswo.

    Allerdings haben wir seit ein paar Jahren einen iPod shuffle. Der ist ganz nett und brauchbar, aber die Benutzerfreundlichkeit ist jetzt auch nicht so toll, dass man jubeln müsste. Der MP3-Player meines Musikhandys funktioniert für meine Zwecke mindestens genausogut.

    Ich bin mit Microsoft immer ganz gut gefahren. Zu Linux fehlt mir der Nerv und das Knowhow.

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  3. Yadgar sagt:

    Also, ich habe mich vor nunmehr zwölf Jahren mehr oder weniger erfolgreich (zugegebenermaßen war der zerschossene X-Server nach testweisem Anschluss eines 21-Zoll-Heimteilchenbeschleunigers unter SuSe 9.1 anno 2007 nicht so lustig, aber Fehler sind ja zum Lernen da…) aus der Kleinweich-Sklaverei emanzipiert und fahre Debian Linux als Hauptsystem! Wenn ich nicht gerade scannen oder drucken will (aber das bekomme ich auch noch irgendwann hin) brauche ich nichts anderes…

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