Du bist Bayern

Nun gibt es außer Katzenbildern noch mehr Dinge, bei denen mit großer Selbstverständlichkeit allgemein erwartet wird, dass man sie gut findet. In Deutschland scheint etwa alles, was mit Bayern zu tun hat, einen grundsätzlichen Sympathiebonus zu genießen und praktisch sympathiepflichtig zu sein. Außer vielleicht dieser eine Fußballclub, aber der spielt sowieso in einer Liga für sich. Was an Bayern so großartig sein soll, weiß ich nicht. Das bayerische Gras ist nicht per se grüner als das rheinische, thüringische oder vorpommersche.

Es kommt mir manchmal so vor, als dächten viele Leute, Bayern sei so, wie Deutschland gern wäre oder eigentlich sein sollte – unverfälscht, geradeheraus, eher zu polterig als zu vornehm, unverfroren egozentrisch, dabei mit jeder Menge Gemütlichkeit. Ob Bayern wirklich so ist und das übrige Deutschland tatsächlich gern so wäre, weiß ich natürlich auch wieder nicht, aber als Projektionsfläche für derartige Sehnsüchte lässt sich der Freistaat anscheinend gut zweckentfremden. Es ist ja geradezu eine Volkskrankheit.

Damit ich hier nicht missverstanden werde: Ich habe nichts gegen Bayern. Land, Leute, Brauchtum und Mundart sind mir zwar eher fremd, aber sie sind recht so, wie sie sind. Kann man mögen, doof finden oder keine Meinung zu haben, das stört letztlich keinen großen Geist. Was kümmert es die Eiche…

Über das Bier kann man reden, muss man aber eigentlich nicht. Nichttrinken reicht meiner Meinung nach in den meisten Fällen völlig aus – warum Weißbier nehmen, wenn man Pils haben kann! Aber Weizen hin, Pils her, feiern können sie offensichtlich in Bayern, und das steckt an. Das Oktoberfest ist der Inbegriff volkstümelnder Saufkultur schlechthin und dient als Vorbild für angebayerte Volksfeste in aller Welt, und zuallermindest während der Wiesn-Saison wirft sich hierzulande doch alle Welt mit Schmackes in den Sind-wir-nicht-alle-ein-bisschen-Bayern-Wahn.

Jedenfalls ist es der Gipfel der Albernheit, wenn Hochdeutsche sich in Krachlederne oder Dirndl werfen und auf dem örtlichen Oktoberfestableger ihr irgendwo zusammengeklaubtes Inventar mundartlicher Versatzstücke wie Gríjass Gott oder Särwuss (anlautendes s dabei immer stimmhaft!) mit spitzen Lippen von sich geben und den ganzen Tag von Brotzeit, Brezn, a Moaß u.ä. reden und das noch (Achtung, unbegründete Unterstellung!) wahnsinnig zünftig finden. Diese Leute verhalten sich Bayern gegenüber ein bisschen wie der schmierige Typ am Tresen, der einem ungefragt Lebensgeschichte, Weltrettungspläne und sonstige Erkenntnisse an die Backe sabbelt und den man partout nicht loswird, weil er einfach weiß, dass man in allem nur seiner Meinung sein kann.

Wer kein Bayer ist, braucht nicht so zu tun, als wäre er einer. Finde ich jedenfalls. Wenn man nach Bayern zieht, mag das noch was anderes sein, man passt sich dann – je nachdem, wie wohl man sich dort fühlt oder wie lange man zu bleiben gedenkt – wahrscheinlich mehr oder weniger an, oder das Land passt einen an – mir hört man mittlerweile auch an, dass ich südlich des Mains wohne und mit einer Alemannin verheiratet bin. Aber diese Hobby-Pseudobayerei nervt wie’s Tier! Muss man sich denn wirklich ständig irgendwelche gekünstelten Identitätsaufhübschungsmäntelchen umhängen und sie allen anderen auch gleich noch aufdrängen?

Ich komme mir jedenfalls veralbert vor, wenn ein Braunschweiger in Braunschweig versucht, meiner preußischen Wenigkeit eine Brezn (sprich Bréhzänn mit schön langgezogenem e und zwischen z und n einem schön deutlich ins ä gestreckten Schwa) zu verkaufen. Danke, ich nehme als Nichtbayer in Nichtbayern eine völlig nichtbayerische Bréhzäll.

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10 Kommentare on “Du bist Bayern”

  1. philosworte sagt:

    Fühle mich her als gebürtige Bayerin etwas angegriffen, muss dir bei unserem geliebten Oktoberfest recht geben. Kein Mensch läuft in München in Dirndl und Lederhosn rum, nur im September wird die Stadt überflutet von Asiaten und anderen Nichtbayern ( bitte nicht ernst nehmen 😉 ), die sich „zünftiger“ kleiden als jeder Ansässige.
    Und die Brenzn darf gerne je nach Ort so genannt werden, wies beliebt…. wenn es sie schon geben muss.

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  2. gnaddrig sagt:

    Persönlich angreifen will ich niemanden, schon gar keine gebürtigen Bayern. Gegen die habe ich ja nichts. Dass ich mich nicht prinzipiell für alles bayerisch Daherkommende begeistere, hat auch eigentlich weniger mit Bayern zu tun als damit, dass es eine Art kulturelles Gebot ist:
    Ruhe ist erste Bürgerpflicht, und Bayern gefällt oder so ähnlich.

    Ähnlich geht es mir mit dem rheinischen Karneval, da kann ich persönlich gar nichts mit anfangen, gönne den Leuten aber unbedingt ihren Spaß und ihre lokale Kultur. Aber da ich nicht aus dem Rheinland bin, muss ich da nicht mitkaspern. Und da ich nicht im Rheinland wohne, brauche ich mich auch nicht in irgendwelche Karnevalsbräuche hineinziehen zu lassen, die außerhalb des Rheinlandes ja doch meistens nur aufgesetzt und nachgeäfft sind. In der Hinsicht darf man mich gern auch humorlos nennen.

    Wenn der Mann in Braunschweig übrigens Bayer gewesen wäre, hätte ich auch nichts gesagt. Der muss ja nicht seine Herkunft vertuschen, bloß weil er in Preußen gelandet ist. Seinen Dialekt wird er da kaum sprechen können, weil er dann kaum verstanden wird, aber vollständig verhochdeutschen sollte er sich dort auch nicht müssen 🙂 Außerdem finde ich es immer gut, wenn Dialekt gesprochen wird, obwohl ich selbst leider ohne aufgewachsen bin.

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  3. Pfeffermatz sagt:

    Jo mei, wos is in die gefohrn? Mogst net die Boyrn? Na gut, ich bin ja selber eher norddeutsch geprägt, auch wenn ich jetzt tief im Westen wohne, und kann mit dem Bajuwarischen herzlich wenig anfangen – und auf dem Oktoberfest wird man mich in diesem Leben vermutlich nicht sehen.

    Aber angegriffen fühle ich mich nicht vom Freistaat. Warum denn auch? Obwohl du schon recht hast – man trifft sehr viel nicht-authentisches Möchtegernbayrisches außerhalb von Bayern, das gibt es so nicht mit anderen Regionalen Identitäten in Deutschland.

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  4. gnaddrig sagt:

    Also, vom Freistaat und seinen Bürgern fühle ich mich auch nicht angegriffen. Ich bin ja auch selten bis nie dort, und in meinem Umfeld sind mir keine bayerische Bürger bekannt. Gut, ein Freund von mir ist Franke, aber der ist schon seit bald dreißig Jahren dort weg. Genervt bin ich nur von den ganzen Nichtbayern, die aus irgendwelchen Gründen mindestens im September und Oktober das ganze Land besinnungslos blauweißgerautet anpinseln und bayerischer tun als die Lustigen Holzhackerbuam und von allen erwarten, mitschuhzuplattlern.
    Dass mir Weißbier nicht besonders schmeckt, ist eher Zufall und hat mit Bayern ebenfalls nichts zu tun 🙂

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  5. Stefan R. sagt:

    Hm, da bin ich schon etwas zwiespältig, muss ich zugeben. (Es mag daran liegen, dass ich dort Verwandtschaft habe.) Auf der einen Seite ist gerade Oberbayern in touristisch noch nicht verhunzten Gegenden ein wunderschönes Fleckchen Erde, wo sich, vorausgesetzt, man ist kein Vegetarier, herrlich essen lässt und sogar das dortige Bier schmeckt (ein Augustiner Helles gehört zu den perfektesten Sommergetränken). Andererseits nervt das wirtschaftliche Musterknabengetue und mia-san-mia-und-zwar-um-jeden-Preis-Gehabe vor allem der politischen Kaste des ehemaligen Zonenrandgebietes bisweilen ganz gewaltig…

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  6. gnaddrig sagt:

    Ja, man kann wahrscheinlich nicht so einfach sagen, wo die Folklore echt ist und wo sie aufgesetzt und instrumentalisiert wird. Letzteres finde ich ausgesprochen nervig.

    Was das Bier angeht, da gibt es in Bayern natürlich wirklich großartigen Stoff. Ich – eigentlich verstockter Pils-Mensch – habe vereinzelt sogar Weizenbier mit Genuss getrunken, und nicht nur, weil der Sommer heiß und das Bier kalt war. Die Welt ist leider nicht so schön schwarzweiß wie es am Bequemsten wäre…

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  7. espressozombie sagt:

    Gnaddrig hat eher was gegen Operettenbayern als gegen echte, wenn ich ihn richtig verstehe. Beim Operettenbayerntum gibt’s schon die unterschwellige Erwartung, dass man mitmacht und mitjauchzt und Weißbier trinkt und herzhaft-ausgelassen ist. Fast so, als sei Bayrischsein eine Veranstaltung, wie Fastnacht halt. Ich seh‘ Bayrischsein eher als Gesamtkunstwerk. Man kann mitmachen (wenn man darf), muss aber nicht. Stellt sich ja auch keiner neben einen Jackson Pollock und versucht, selbst auch getüpfelt auszusehen. Manchmal reicht’s, wenn man zuschaut.

    Einen schuhplattelnden Gnaddrig, das würd‘ ich trotzdem gern mal sehen.

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  8. gnaddrig sagt:

    Ziemlich gut getroffen, espressozombie. Aber ich schuhplatteln? Nicht so ohne weiteres, dann versuche ich eher, getüpfelt auszusehen 🙂

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  9. […] Pfälzisch zu hören gekriegt, das ich ziemlich verträglich fand. Angenehmer als Schwäbisch oder Bayerisch hört es sich für mich allemal an. Rheinländisch ist nicht so mein Ding, obwohl ich manches dort […]

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  10. Yadgar sagt:

    Also, Luchsbilder gefallen mir besser:

    Ist er nicht wunderschön?

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