Bei rot

Innenstadt, große Kreuzung mit Straßenbahnhaltestelle direkt nebendran. Ich stehe mit einer handvoll Leute an der roten Fußgängerampel. Gegenüber zwei ungefähr neun- oder zehnjährige Mädchen und zwei Erwachsene, die nicht dazugehören. Alle warten brav, obwohl kein Auto kommt. Die eine Frau gegenüber ist allerdings sichtlich nervös. Als eine Straßenbahn einfährt, wird sie noch zappeliger und geht dann – immer noch bei rot, die Ampel bleibt grundsätzlich rot, wenn eine Straßenbahn da ist und springt meist genau dann um, wenn die Bahn anfährt und man sie garantiert nicht mehr erwischt – hastig über die Straße in Richtung Haltestelle.

Die beiden Mädchen sehen das, und man sieht ihnen die Gedanken an. Das dürfte die aber nicht. Immer noch rot, immer noch kein Auto. Hm, sollen wir auch? Der Mann gegenüber geht jetzt auch los. Die Mädchen kämpfen mit sich. Eigentlich könnten wir ja wirklich… Wären sie pubertierende Jungs auf Mopeds, würden sie wohl mit dem Gas spielen, vielleicht die Kupplung kommen lassen und den Motor gegen die angezogene Bremse schieben lassen.

Die Fußgängerampel bleibt rot, es kommt immer noch kein Auto. Von meiner Seite aus laufen jetzt auch zwei, drei Erwachsene los. Die beiden Mädchen schauen nochmal in die Richtung, wo der Verkehr herkäme, gäbe es grad welchen, geben sich einen Ruck und gehen über die Straße, in dem deutlich sichtbaren Bewusstsein, dass das trotz des schlechten Beispiels der Vorgänger immer noch verboten ist. In den Gesichtern wirbeln schlechtes Gewissen, milder Trotz und ein kleines bisschen Adrenalinschub durcheinander. Drei Sekunden, nachdem sie losgegangen sind, springt die Ampel um.

Ich musste grinsen, Situation und Mienenspiel waren einfach zu schön. Und die beiden haben da eine hübsche Demonstration in Pragmatismus abgeliefert. Sie haben sicherheitsbewusst und der Situation angemessen gehandelt, auch wenn sie dabei den Buchstaben des Gesetzes verletzt haben. Dass ein paar Erwachsene vorher auch bei rot über die Straße gelaufen sind, hat ihre Entscheidung zwar sicher beeinflusst, aber es war am Ende trotzdem ihre eigene Entscheidung, und das ist auch gut so.

Selberdenken finde ich jedenfalls meistens wichtiger als das sklavische Einhalten kleinkarierter Vorschriften, zumal wenn man durch deren Nichteinhaltung niemandem schadet und sich nicht selbst in Gefahr bringt. Jetzt plädiere ich nicht dafür, Regeln nach Lust und Laune zu ignorieren und beispielsweise beliebig bei rot über die Straße zu laufen oder so. Gerade Kinder, wenn sie solche Situationen noch nicht halbwegs zuverlässig einschätzen können, sollten da eher vorsichtig sein und sich im Zweifel auch an sinnlos erscheinende Regeln halten. Aber irgendwann müssen sie ja anfangen, sich aus der Deckung zu wagen. Und es gibt eben Situationen, da sollten fünfe auch mal gerade sein. Die Fähigkeit, diese Situationen zu erkennen, ist unbezahlbar.

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In den Wald hineinrufen

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