Verstärkung

Gelegentlich hört man die verballhornte Vergangenheitsform geschunken gekrochen anstatt des korrekten geschenkt gekriegt. Das ist eine von diesen launigen Formulierungen, mit denen man witzig sein oder sich ein kleines bisschen ironisch distanzieren will. Viele machen das, ich auch gelegentlich, obwohl das für meine Begriffe meistens hart an der Grenze zum Nervigen entlangschrammt.

Jetzt frage ich mich: Wieso ausgerechnet geschunken gekrochen? Wie kommt gerade diese Form zustande? Erstmal ist klar, dass schenken und kriegen schwache Verben sind, eigentlich sind die Vergangenheitsformen ja schenkte und geschenkt und kriegte und gekriegt. Wenn man daraus jetzt starke Verben machen will, stellt sich natürlich die Frage, wie genau. Man kann dabei wild ins Blaue hinein wortbilden und sich beispielsweise geschunken gekrochen ausdenken (nicht jeder geht so gründlich an die Sache heran wie die Kämpfer von der Gesellschaft zur Stärkung der Verben).

Dass es sich bei gekrochen eigentlich das Partizip Perfekt von kriechen handelt, ist möglicherweise Teil des Witzes. Die Verständlichkeit der Formulierung leidet jedenfalls nicht darunter. Aber wie kommt man überhaupt auf gekrochen, wenn es doch schon ähnlich klingende starke Verben gibt, die ganz andere Vergangenheitsformen bilden:

denkendachtegedacht (ebenso: henken, lenken, schwenken, senken)

Da böte sich also geschacht an. Das klingt nicht so toll, kann jedenfalls nicht gegen das klangvolle geschunken anstinken.

fliegenfloggeflogen (ebenso: biegen)

liegenlaggelegen (siegen ist dagegen schwach, und sonst fällt mir nichts auf -iegen ein)

Wir hätten hier also gekrogen oder gekregen zur Auswahl. Die Aussprache dürfte zumindest in Norddeutschland wohl häufig in Richtung gekrohren bzw. gekrejen abweichen. Mir fällt aus dem Stand kein Grund ein, das eine oder das andere zu bevorzugen, da geht es einfach nach Geschmack. Das erstere, gekrogen, besonders in der Aussprachevariante gekrohren, kommt der von mir oben in Frage gestellten Form gekrochen am Nächsten, aber das ist eigentlich auch kein Argument.

Für geschenkt gekriegt haben wir damit geschacht gekregen oder geschacht gekrogen als Möglichkeiten. Das klingt beides nicht besonders, es hat auch keinen gefälligen Rhythmus. Und ob jemand geschacht richtig verstünde, darf bezweifelt werden. Anscheinend fahren wir mit geschunken gekrochen immer noch am besten. Man hat es nicht leicht als Wortspieler.

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4 Kommentare on “Verstärkung”

  1. 0x0d sagt:

    Mir stellen sich immer noch die Zehnägel hoch, wenn jemand „schrub“.

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  2. Catio sagt:

    Ich kenne es als ehemaliger Rheinländer und Wahlfranke nur als „geschonken gekrochen“, manche sagen auch „geschonken gekriecht“, aber wirklich witzig finde ich eigentlich keine Variante. Muss man ja auch nicht – eigentlich 😉

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  3. gnaddrig sagt:

    @ 0x0d: Schrub schreibe ich nie, das mag ich auch nicht.

    @ Catio: Ja, geschonken habe ich auch schon gehört. Es kann natürlich sein, dass schenken in irgendwelchen Dialekten tatsächlich ein starkes Verb ist. Wie kreischen, das bildet meines Wissens auf Pfälzisch gekrischen. Und klar, muss man nicht witzig finden, tue ich meistens auch nicht 🙂

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  4. Stefan R. sagt:

    Wie formulierte es mein alter Lateinlehrer: Der Mensch denkt, Gott lenkt – Der Mensch dachte, Gott lachte. (Und es hat uns nicht geschadet)

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In den Wald hineinrufen

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