Tibet

In unseren gott- und geistlosen, materialistischen Tagen geht der Trend zum spirituellen Kuscheltuch. Mancher findet es in Guinness und irischem Folk. Beliebt sind auch Schüßler-Salze, Kornkreise und Fußball. Für schlichtere Gemüter tun es gelegentlich der Ballermann und die Gipsy Kings, aber die All-Inclusive-Proleten zählen eigentlich nicht so richtig. Wir haben ja Stil und Kultur.

Ein sehr beliebtes Kuscheltuch ist Tibet. Tibet ist irgendwie hochauthentisch, die Leute dort sind so schön ausgeglichen, genügsam und pittoresk. Das spricht den emotional und spirituell ausgelaugten intellektuellen Mitteleuropäer an. Und außerdem werden die Tibeter verfolgt, nämlich von der bösen Supermacht China. Das bietet prima Empörungspotenzial und die Möglichkeit, sich mit wenig Aufwand als besonders guter Mensch zu gerieren. Ein einfacher Autoaufkleber oder ein hübsches Gebetsfähnchen aus dem Free-Tibet-Laden reicht da schon aus.

Ja, aber…

Nun will ich ganz bestimmt nicht Chinas politisches System, die Machthaber oder die chinesische Innen- und Minderheitenpolitik verteidigen. Die Menschenrechtssituation in China ist schlimm, von Rechtsstaatlichkeit ist das Land ähnlich weit entfernt wie Homöopathie von Wissenschaft, und die Staatsmacht ist im Umgang mit der Bevölkerung traditionell wenig zimperlich. Das hat sich seit den schlimmen Tagen der Kulturrevolution allenfalls graduell, aber wohl nicht vom Grundsatz geändert.

Ich weiß nicht, inwieweit die Einverleibung Tibets durch China rechtens war. Möglicherweise hat China in Tibet nichts verloren, und ich bin der Letzte, der irgendeinem Volk das Recht auf Unabhängigkeit abspricht, wenn es die denn will. Ob es den Tibetern in China wirklich so dreckig geht, wie es oft suggeriert wird, weiß ich allerdings nicht. Von einer Vernichtung der tibetischen Kultur durch die chinesische Besatzungsmacht kann so ohne weiteres nicht gesprochen werden. Die Sprache genießt immerhin weitgehenden Schutz, Auch dürfen Tibeter beliebig viele Kinder kriegen (die katastrophale, sonst in China gültige Ein-Kind-Politik gilt anscheinend für Angehörige von Minderheiten nicht). Tibeter stellen in Tibet nach wie vor die große Mehrheit der Bevölkerung.

Unterdrückung und staatliche Gängelung dürften in Tibet auf ähnlichem Niveau rangieren wie im Rest von China, und immerhin hält Peking den Tibetern ihre Mönche weitgehend vom Leib. Die tibetische Bevölkerung ist unter chinesischer Herrschaft auf alle Fälle besser dran als unter der Knute ihres Gottkönigs und seiner Mönche. Die “gute alte Zeit”, das vermeintliche goldene Zeitalter tibetischer Freiheit war in Wirklichkeit eine Art Hölle auf Erden, in der der größte Teil der Bevölkerung praktisch rechtlos war und von Mönchen und Großgrundbesitzern systematisch ausgebeutet und missbraucht wurde.

Jeder nach seiner Façon

Natürlich wünsche ich dem tibetischen Volk die Möglichkeit, seine Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen und in Frieden und Freiheit zu leben. Wenn sie mehrheitlich wieder von einer Mönchskaste geknechtet werden möchten, bitteschön. Dafür dürfen sie sich gerne einsetzen. Ob man sich dafür selbst verbrennen muss, wie es in letzter Zeit immer öfter passiert, kann ich nicht beurteilen. Aber ich verstehe einfach nicht, wieso westliche, mutmaßlich aufgeklärte Leute für die Wiederherstellung eines mittelalterlichen Systems mit den denkbar unmenschlichsten Gesetzen kämpfen. Liegt es an dem oben erwähnten pittoresken Element dessen, was hierzulande so als tibetische Kultur wahrgenommen wird? Daran, dass der langjährige oberste Exiltibeter Tendzin Gyatsho so ausdauernd durch die westliche Welt tingelt, dabei immer hingergründig lächelt und platte Kalendersprüche absondert?

Warum kriechen dem alle in den Allerwertesten? Der will doch den alten tibetischen Staat wiedererrichten, also einen Gottesstaat mit sich selbst (oder seinem aktuellen Nachfolger) als absolutem Herrscher, wo Leuten vielleicht wieder wie früher bei lebendigem Leib die Haut abgezogen wird, die Augen ausgestochen oder die Hände abgehackt werden u.ä., wenn sie den Priestern nicht gehorsam sind. Wo Fehlverhalten im Leben mit Wiedergeburt als niedrigere Lebensform bestraft wird, etwa als Hund, Ratte oder Laus. Oder, wenn man ganz besonders unbotmäßig war und sich die Höchststrafe verdient hat, sogar als Frau. Genauer kann man sich das von Colin Goldner hier ab Minute 14 erzählen lassen. (Dieser Vortrag hat mich übrigens zu diesem Artikel inspiriert, obwohl mir das Tibetfieber hierzulande schon länger auf die Nerven geht.)

Dann pflegt der Herr Gyatsho eine Reihe von merkwürdigen Freundschaften. Etwa mit seinem ehemaligen Erdkundelehrer Heinrich Harrer, seines Zeichens österreichischer SS-Mann und Teilnehmer nationalsozialistischer Tibetexpeditionen. Mit dem Judenschädelsammler und verurteilten Massenmordhelfer Bruno Beger, oder mit Miguel Serrano, dem Begründer des „esoterischen Hitlerismus“. Oder auch mit Shōkō Asahara, dem Drahtzieher des Giftgasanschlags auf die Tokioter U-Bahn 1995. Das finde ich alles eher abstoßend, und ich wundere mich, dass sich so gar niemand daran stört.

Und die anderen?

Und überhaupt: Was ist an Tibet so besonders, dass man seine einzigartige Kultur retten müsste? Was fehlt den tausend anderen, ebenfalls (oder vielleicht eher: tatsächlich) von Auslöschung bedrohten Kulturen, dass man sie sang- und klanglos untergehen lässt? Was ist mit den vielen anderen Völkern, denen die Selbstbestimmung auch verwehrt bleibt?

Da gibt es etwa die ungefähr 10 Millionen Uiguren, die es in China auch nicht eben gemütlich haben. Gut, die haben im ebenfalls wenig kuscheligen Kasachstan ein (allerdings recht dünnes) zweites Standbein. Sind außerdem Muslime, also bestimmt von Geburt an militante Talibanoide, ohne die die Welt ein besserer Ort wäre. Muss man gar nicht mehr genauer hinschauen, da lässt man lieber die Finger weg.

Dann wären da die Kurden. Das ist Volk von 25 bis 35 Millionen mit einem geschlossenen, historischen Siedlungsgebiet und einer eigenen Sprache und Kultur. Ein Volk, das auf derzeit mehr als fünf Staaten aufgeteilt leben muss, überall eine Minderheit darstellt und teilweise unter erheblicher Benachteiligung zu leiden hat. Die haben natürlich einen schnurrbärtigen, karabinerschwingenden, marxistischen Macho als Chef und keinen sanft lächelnden Exoten mit hervorragender PR. Erklär den Kurden mal wer, wie das mit Strickmützen und orangefarbenen Umhängen funktioniert, vielleicht hilft das ja auf dem Weg zum freien Kurdistan.

Weiter gibt es die indigenen Völker im Amazonasgebiet, deren Lebensraum von Großgrundbesitzern und internationalen Konzernen im Interesse der Gewinnmaximierung und zugunsten westlicher Konsumenten zerstört wird. Zählen die nichts? Aber die können ja in unseren Fußgängerzonen „Andenmusik“ machen. Oder die Leute im Nigerdelta, die durch schlampige Ölförderung krankgemacht werden? Sind die weniger wert? Oder die Roma, die praktisch nirgendwo gern gesehen sind, nirgendwo hingehören und in vielen Ländern Ziel von Diskriminierung und Hass sind, oft auch mindestens halboffiziell von staatlicher Seite. Die nerven bloß und gelten praktisch als Ungeziefer. Um deren Kultur macht sich niemand Sorgen. Warum? Und in Afrika und Asien könnte man sicher noch mehr Beispiele finden. Interessiert aber nicht. Warum?

Wie gesagt, nichts gegen Tibet, die Tibeter oder ihre Kultur. Aber diese scheuklappenselige, selbstverliebte Gutestuerei, mit der hierzulande für ein freies Tibet getrommelt wird, als bekäme man so das untergegangene Atlantis zurück, ist zum Kotzen. Und das umso mehr, weil die Leute sich offensichtlich nicht die Bohne dafür interessieren, mit wem sie sich da ins Bett legen.


4 Kommentare on “Tibet”

  1. Eso-Policier sagt:

    China erlebt bald einen ähnlichen Zusammenbruch, wie die ehemalige UdSSR. Und Tibet wird unabhängig. Mehr dazu auf meinem Blog (bitte auf meinen Nick klicken).

    Gefällt mir

  2. Stefan R. sagt:

    Oh ja, die tibenanische Schmunzelmuffe als Ersatzpapst für alle Wohlstandskinder mit Empathieüberschuss auf der Suche nach spiritueller Führung… Könnten glatt die Kinder derer sein, die damals mit gläubigen Augen zum Bhagwan gepilgert sind.
    Überhaupt dürften die Tibetaner (und auch die Iren) das Geschäftsmodell, sich als seit Ewigkeiten geschurigelte Minderheit zu inszenieren zur Meisterschaft getrieben haben.

    Gefällt mir

  3. gnaddrig sagt:

    @ Eso-Policier: Wird China das? Warum? Wirtschaftlich räumen die doch gerade ab! Auf Esopolice unter Tibet und die Auslandstibeter (ich nehme an, das war mit „mehr dazu auf meinem Blog“ gemeint) steht nicht mehr dazu, sondern nur dasselbe etwas ausführlicher.

    @ Stefan R.: Ja, so sieht’s aus.

    Gefällt mir

  4. Yadgar sagt:

    Also, ich bin ja der Meinung, dass die Mapuche endlich wieder ihr Königreich von Araukanien und Patagonien (http://www.araukanien.com/) errichten sollten… die Mapuche hatten nämlich laut deutscher Wikipedia den Dreh raus, wie das mit der herrschaftsfreien Gesellschaft funktioniert! Muss man wissen!

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.