Volle Dröhnung

In diesen Tagen muss irgendein wichtiges Jubiläum im Zusammenhang mit dem berühmten Komponisten Richard Wagner stattfinden. Ich glaube, vor 200 Jahren wurde er geboren, und vor 130 Jahren ging er von uns. Die deutsche Qualitätspresse orgelt jedenfalls seit einer ganzen Weile schon andauernd Artikel über den Mann in die Welt. Allen voran die gute alte Zeit.

Tenor: Man muss ihn nicht mögen, ist ja durchaus kontrovers, aber man kommt nicht an ihm vorbei. Er ist heute noch so relevant wie vor 150 Jahren, einer der ganz, ganz großen. Und wer wo welches Wagner-Opus wie inszeniert, ist allemal feuilletontitelseitenpflichtiges Kulturereignis, dafür wird schonmal eine ganze Seite freigeräumt. (Ähnlich geht es übrigens mit Goethes Faust, an dem kommt man auch nicht vorbei, obwohl er sich meistens etwas dezenter in den Feuilletons herumdrückt.) Alles, was Rang und Namen hat in der einschlägigen Szene darf in der Zeit über Wagner und seine Bedeutung für Oma Nolte in Wanne-Eickel den engagierten Bildungsbürger schwadronieren.

Ja, er war ein fähiger und innovativer Komponist. Er hat Lautstärke konsequenter eingesetzt als alle vor ihm und das Maximum des mit der damaligen Technik Machbaren herausgeholt (in Wagners Orchestergraben müsste man als Handwerker wahrscheinlich Gehörschutz tragen). Unbestreitbar hat er sein Handwerk verstanden, und viele finden seine Musik gut (oder tun so, als fänden sie sie gut, weil es unter kultivierten Menschen nun einmal unstrittig zu sein hat, dass Wagner genial und relevant ist.) Ich mag seine Musik nicht. Das Chorgebrüll muss ich nicht haben, und mit Opern im Allgemeinen und Tenören im Besonderen habe ich es bekanntlich nicht so.

Wagner war natürlich nicht nur Musiker, er spielte auch in der feinen Gesellschaft mit und war dort, sagen wir, weltanschaulich aktiv. In Sachen Antisemitismus war er dabei kein unreflektierter Mitläufer, sondern hat antisemitisches Gedankengut aktiv weiterentwickelt und verbreitet. Damit verkörperte er die Grundhaltung, die immer mehr um sich griff und dann in dem kollektiven Wahn des Dritten Reiches mit allen seinen Gräueln gipfelte.

Der deutsche Bildungsbürger hört das natürlich nicht so gern, sieht Wagner am Liebsten als (natürlich weitgehend unschuldiges) Kind seiner natürlich leider Gottes von antisemitischen Ressentiments geprägten Zeit – als ob das die weit über das Nachplappern gängiger Phrasen hinausgehende antisemitische Hetzerei entschuldigen würde – und goutiert ihn als großen Komponisten. Er findet in aller Regel auch nichts an dem Personenkult, der nicht nur auf dem Grünen Hügel in Bayreuth um Wagner getrieben wird und schweigt zur unappetitlichen Kehrseite der Medaille fein still. (Über die skurrileren Blüten des alljährlichen Theaters um die Richard-Wagner-Festspiele schmunzelt man schon mal, wiegt auch gelegentlich – muss man es denn gar so bunt treiben – bedächtig den Kopf, nimmt es aber dann doch mit einem „Ja ja, die Wagners eben“ hin.)

In den Zeitungen wird der Wagnersche Antisemitismus natürlich schon gelegentlich mit angemessen gerunzelten Stirnen angesprochen, aber am Ende bleibt doch immer das Fazit, Wagner sei als Komponist eben relevant, man komme an ihm nicht vorbei, er habe die sogenannte ernste Musik in Europa ja immerhin nachhaltig vorangebracht und präge sie letztlich bis heute. Das ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Ähnliches gilt aber für andere Komponisten auch, und denen werden keine Altäre gebaut.

Was soll also dieser Kult um Wagner? Seinen zweifelsohne wichtigen Beitrag zur Entwicklung der abendländischen Musik in allen Ehren, aber ich komme ganz gut ohne den Ring der Nibelungen, die Meistersinger und Leitmotive zurecht. Was auf dem Grünen Hügel läuft, ist eigentlich auch ziemlich wurscht. Und der Mann selbst kann mir vollständig gestohlen bleiben. Wenn er sich aufs Komponieren beschränkt und seine politischen Ansichten für sich behalten (oder noch besser: vernünftigere, weniger menschenverachtende solche entwickelt) hätte, wäre die Welt ganz bestimmt ein besserer Ort. Schade, dass er die Chance vergeigt hat. Jedenfalls sehe ich keinen Grund, so jemandem diese Art Heiligenverehrung angedeihen zu lassen. So jemand gehört – auch wenn man seine fachlichen Leistungen würdigt – gesellschaftlich ignoriert, nicht hofiert.

Kurz gesagt: Lasst mich doch mit Eurem Wagner in Frieden!

Nachtrag (25. April 2013): Sie können bei der Zeit offensichtlich gar nicht genug kriegen von ihrem mythischen Wagner, und weil das nicht alles in die Zeitung passt, machen sie ein Extraheft Richard Wagner, Sein Leben, Sein Werk, Sein Mythos einschließlich einer CD mit einer (passenderweise in den ersten Jahren des Dritten Reichs entstandenen) Aufnahme der Walküre:

volle_dröhnung

Damals ist bekanntlich das Abendland zum Teufel geritten.

Nachtrag (8. Mai 2013): Bei der Publikative gibt es einen lesenswerten Artikel von Matthias Küntzel über Wagners Antisemitismus: Arien für Arier? Einspruch gegen den Wagner-Kult. Dem kann ich mich nur anschließen.

Nachtrag (10. Juli 2013): Inzwischen hat es auch bei Zeit Online eine Reihe unbequemer Artikel über Wagner gegeben, in denen all das zur Sprache kam, was mir anfangs gefehlt hatte. Insofern muss ich meine Kritik an der Zeit relativieren, die Berichterstattung in Sachen Wagner ist dort nicht so einseitig, wie es anfangs auf mich gewirkt hat.

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9 Kommentare on “Volle Dröhnung”

  1. Nesselsetzer sagt:

    Applaus, Applaus! Ich konnte diese schwülstig-emotional-heroische Klangschwurbelei vom alten antisemitischen Bayreuthverschandeler noch nie leiden. Kein Wunder, dass Liszt nach dem Hören von Wagners Musik mit Warzen übersät war. Und sogar Nietzsche, obwohl schon längst abgedreht, war immer noch klar genug, um den ollen Nibelungen-Zausel zu verspotten. Da liege ich ja mit meinem schon etwas älterem Artikel anscheinend im Trend.
    http://nesselsetzer.wordpress.com/2012/07/20/bayreuth-und-die-provinz/

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  2. gnaddrig sagt:

    Von Trend zu sprechen ist da vielleicht etwas hochgegriffen. Gegentrend trifft es wohl eher. Aber jetzt sind wir immerhin schon zwei Wagner-Nichtfans.

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  3. […] bei “gnaddrig ad libitum“ hat sich der Autor ein wenig über den medialen Dauerbeschuss zum 200sten Geburtstag und 130sten Todestag unseres wohl nun ewig am Grünen-Hügel-Hals hängenden […]

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  4. Eso-Policier sagt:

    Friedrich Nietzsche hat berechtigte Kritik an Richard Wagner geübt. Die Musik Bizets ist lebensfroher. Mehr dazu auf meinem Blog (bitte auf meinen Nick klicken).

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  5. Na das ist ja mal ein besonders wertvoller Artikel. Sie interessieren sich nach eigenem Bekunden nicht für Opern und Wagner ist Ihnen egal. Wofür schreiben Sie den Beitrag dann überhaupt? Es ist Ihnen unbenommen, keinen Wagner zu hören oder über ihn zu lesen. An den Wirkungen seines Werkes kommen Sie jedoch nur schwer vorbei: Kein Komponist nach Wagner blieb von ihm unbeinflusst, selbst die Filmmusik wie wir sie heute kennen geht auch Wagner zurück.

    Im Gegensatz zu Herrn Küntzel, auf dessen Beitrag Sie verlinken, machen Sie immerhin deutlich, dass Wagner lange vor den Nazis lebte. Ausführlicher hier darauf einzugehen ist aus Platzgründen schwer möglich, ich erlaube mir daher auf einen Beitrag in meinem Blog zu verlinken, in dem ich ausführlich repliziere: http://www.lawchenmann.de/arien-fur-arier-eine-replik/

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  6. Hörender sagt:

    Selten so viel verkrampften Unsinn gelesen. Richard Wagner = laut = Antisemit = Nazi = Hitler = Unmensch. Jajaja, die Welt ist schlecht. Wird auch bald empfohlen, seine undeutschen – Entschuldigung – politisch nicht genehmen Noten zu verbrennen? Und die „Zeit“ gleich dazu? Wer Ohren hat zum Hören und einen (eigenen) Verstand zum Denken, dem muss Wagner keine Angst machen. Ansonsten Musikantenstadl oder Bizet anschalten.

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  7. gnaddrig sagt:

    @ Matthias Lachenmann: An der Musik Wagners störe ich mich nicht weiter. Dass er ein innovativer und bedeutender Komponist war, habe ich nebenher erwähnt, und dass er die westliche Musik entscheidend geprägt hat, ist Tatsache, dagegen sage ich nichts. Und selbst wenn Wagners Einfluss in vieler zeitgenössischer Musik nachweisbar ist, betrifft und interessiert mich seine Musik nicht besonders.

    Wegen der Musik habe ich diesen Artikel aber auch nicht geschrieben. Ich mag sie nicht und meide sie darum nach Möglichkeit. Sie als Wagnerverehrer werden das natürlich anders halten. Das ist ja auch recht so und macht mir nicht das Geringste aus.

    Was mich stört, ist erstens der Kult, der um Wagner, sein Festspielhaus und seine Musik gemacht wird. Die Art, wie noch die egalste Personalentscheidung auf dem Grünen Hügel oder das nebensächlichste Detail einer neuen Inszenierung in den deutschen Feuilletons rauf- und runterdiskutiert wird, als ginge es um die Zukunft des Sozialstaats. Dass mich das stört, ist übrigens völlig unabhängig von der Musik an sich. Das Gewese um Michael Jackson, um mal in ein völlig anderes Genre zu wechseln, finde ich genauso nervig. Oder die Art, in der die Springers gesellschaftlich hofiert werden, obwohl sie das für den deutschsprachigen Raum wohl tonangebende Organ der Niedertracht betreiben.

    Zweitens stört mich Wagners Antisemitismus. Natürlich ist Wagner nicht allein für den Holocaust verantwortlich, aber er ist einer der vielen geistigen Wegbereiter, die den vorhandenen Antisemitismus weitergesponnen und ausgebaut haben. Er war kein einfacher Nachplapperer, sondern hat da durchaus Eigenes geleistet. Und das wird mir zu häufig beiseitegewischt oder ignoriert.

    Ich bin nicht gegen die Würdigung seiner Leistungen als Komponist, gern auch mit eigenen Festspielen. Aber dass man monatelang in allen möglichen besseren Medien Woche um Woche seitenlange Artikel über die Großartigkeit Wagnerns als Komponist zu lesen kriegt, erscheint mir stellenweise grotesk übertrieben, und das nervt mich eben.

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  8. gnaddrig sagt:

    @Hörender: Wo sie die Kausalkette Wagner = laut = Antisemit = Nazi = Hitler = Unmensch herhaben, müssen Sie mir kurz erklären. Mein Text gibt diese Verknüpfung nicht her, und von Noten- oder Zeitungsverbrennung habe auch ich nichts geschrieben.

    Ansonsten steht es Ihnen selbstverständlich frei, anderswo unverkrampftere wohlwollendere Texte über Wagnern zu lesen.

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  9. Yadgar sagt:

    Wagner gibt es auch in etwas (!) abgespeckter und popkompatibler Form, sogar aus deutschen Landen: http://www.musikreviews.de/reviews/2016/Zara-Thustra/Best-Of-Zara-Thustra/

    Absolut hörenswert – ich bin seit 34 Jahren Fan der Weindorf-Brüder!

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